Zwölf Minuten dauert es bis zur Hölle Rache. Zwölf Minuten, in denen ein Pfau namens Caruso seine schillerndste Feder lässt und die Kamera über eine Szenerie aus Grammofonen und Terrarien (samt sich lasziv schlängelndem Inhalt) schweift. Im Hintergrund erklingt Händel, sehr hübsch, sehr barock. Wir befinden uns in der Nähe von Paris auf einem feudalen Anwesen Anfang der zwanziger Jahre. Im Salon wird ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten junger "Kriegswaisen" veranstaltet, und all die gut betuchten Patrioten sehen mit ihren Klunkern und Runzeln selbst wie Pfaue und Reptilien aus. Es ist dennoch ein liebevoller Blick, den der Regisseur Xavier Giannoli in Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne walten lässt. Das kann man dem Film vorwerfen, weil er die Zeitläufte in ein seidiges Mahagoni-Licht taucht und sich mit seinen Figuren eher aus den Nachkriegswirren herausträumt, als Finger in offene Wunden zu legen – man kann es aber auch schätzen, ja genießen.

Nach zwölf Minuten verkriechen sich die Kinder unter den Tisch, und die Erwachsenen halten ihre Gesichtszüge nur mehr mühsam im Zaum. Auftritt Madame, Madame mit der Caruso-Feder im Haar als Mozarts Königin der Nacht: "Der Hölle Rache tobt in meinem Herzen, / Tod und Verzweiflung flammet um mich her!" Die Arie der Arien für Koloratursopranistinnen, auch Madame gibt zweifellos ihr Bestes. Allein kein Ton bleibt auf dem anderen, und nicht nur die Verzierungen, das berühmte Ha-ha-ha-ha-ha-ha-ha-ha-haa, klingen wie klägliche Schreie, als würden Caruso, dem Pfau, die Federn büschelweise ausgerupft.

Was ist das? Unbedingter Wille zum Ausdruck, totale Hingabe an die Musik oder reiner Dilettantismus? Das Publikum murmelt etwas von "großer Emotion" und macht gute Miene zum falschen Spiel. Warum auch sollte man Marguerite, diese herzensgute Seele, die im Geld schwimmt und von ihrem Ehemann (André Marcon) betrogen wird, mit der Wahrheit konfrontieren, sie gar unglücklich machen? Überhaupt: Was ist Wahrheit – und was hat sie mit Kunst zu tun? Sicher verlangt Mozarts Königin der Nacht nicht nur Ehrgeiz, sondern vor allem Musikalität, nicht nur ein gewisses Organ, sondern eine geschulte Stimme und nicht nur halbwegs richtige Töne, sondern ein unbestechliches Ohr. Die Inbrunst aber, mit der Marguerite Dumont singt, ist letztlich viel wahrhaftiger, viel künstlerischer als jedes Beckmessertum. Der Preis dafür heißt Einsamkeit, und die grandiose, immer mädchenhafte Catherine Frot legt es ihrer Marguerite in die Augen, dass sie darum weiß – wie um das meiste andere auch. Gänzlich unerwartet jedenfalls kommt das Ende, das heftig ist, nicht, allen skurrilen, komödiantischen Untertönen zum Trotz.

Madame Marguerite lehnt sich lose an die wahre Geschichte der legendären Sopranistin Florence Foster Jenskins an (die Stephen Frears gerade mit Meryl Streep und Hugh Grant verfilmt hat, Kinostart im November 2016), nimmt sich aber, und das ist schön, nicht wenige Freiheiten. So rücken neben Marguerites schicksalhafte Ehe die Liebesbande zwischen der jungen Sängerin Hazel und dem Journalisten Lucien, die beide die Grenzen zwischen "Genialität" und "Lächerlichkeit" anarchistisch-dadaistisch auszuloten versuchen. Und Madelbos, der schwarze Kammerdiener (Denis Mpunga), der stets mit den richtigen Requisiten zur Stelle ist, emanzipiert sich. Am Ende braucht er, der fotografisch alles festhält, mit schmauchenden knallenden Blitzen, nur noch ein letztes Bild von Madame. Das bekommt er.