Sie bestellt Wasser ohne Kohlensäure. Und dazu eine halbe Zitrone, die sie von Hand auspresst. Das Wasser wird trüb. Es sei ungewohnt für sie, spät am Abend zu essen, erzählt Meral Kureyshi, und Zitronenwasser das richtige Mittel am Tag danach. Nach den Auftritten bei der Buchmesse in Frankfurt, nach Lesungen in Bern, Thun, Zürich. Sie erzählt, wie "überwältigend" diese Welt für sie sei, in die sie am 22. September mit einem kurzen Telefonat hineinkatapultiert wurde. "Wo sind Sie gerade?", habe die Jury-Präsidentin gefragt. Und als sie geantwortet habe, "auf der Straße", habe die Frau am anderen Ende der Leitung geraten: "Wollen Sie sich nicht lieber setzen?" Also setzte sie sich auf eine Bank in der Berner Altstadt und erfuhr, dass sie für den diesjährigen Schweizer Buchpreis nominiert ist.

"Nie im Leben" habe sie "auch nur einen Gedanken daran verschwendet", dass ihr Debütroman Elefanten im Garten für die höchste Auszeichnung des Schweizer Literaturbetriebes infrage kommen könnte, erzählt die 32-Jährige.

Elefanten im Garten, das ist ein 140 Seiten kurzer Roman, dicht komponiert und schnörkellos geschrieben. Er erzählt die Geschichte einer türkischstämmigen Familie, die – wie Kureyshi – in den 1990er Jahren vor dem Jugoslawienkrieg aus dem Kosovo in die Schweiz geflüchtet ist. Von Baba, dem Vater, der vorausgereist ist und den Kindern später berichten wird:

Als ich in Zürich ausstieg, küsste ich den Boden.

Die Geschichte handelt von Anne, der sehbehinderten Mutter, die ihre Kinder an die neue Sprache und ans Erwachsenwerden verliert. In der Rolle der Erzählerin, ein neunjähriges Mädchen, das durch die neue, fremde Welt taumelt, Anschluss sucht und manchmal findet; das heranwächst, strebsam ist und schlau und zur Frau wird. Dazwischen Beklemmung, Trostlosigkeit in Bern-Bethlehem, die das Mädchen dazu bringt, herbeizufantasieren, was das Leben nicht bieten kann: Sonntagsausflüge in ein Fast-Food-Restaurant, Ferien, Kleider, einen Mercedes. Und – Elefanten im Garten.

Was hätte ich erzählen sollen nach den Ferien, wenn Herr Lang im Französischunterricht fragte, was wir Spannendes erlebt hatten? Hätte ich vielleicht erzählen sollen, dass meine Eltern so viel geraucht und sich gestritten hatten, weil sie den ganzen Tag zusammen verbrachten? Dass sie nicht arbeiten durften und uns anschrieen und sich jeden Tag Sorgen machten?

Eine Einbürgerung ist ihr zu teuer, das Verfahren zu aufwendig

© Limmat Verlag

Im Café Odeon in Bern, einem der vielen Schreiborte von Meral Kureyshi, ist es still. Keine Musik trällert, kaum Menschen zu dieser Tageszeit, weiß geblümte Tischtücher, umsorgende Bedienung. "Schreiben ist wie Tee trinken, wenn man krank ist", sagt sie. "Ich schreibe gegen das Unbehagen an und gegen alles, was mich quält. Aber auch alles andere, was mich bewegt, im Schönen wie im Schweren."

So dringend, so drängend das Schreiben ist, so erstaunlich leicht kommt ihr Buch daher. Da sind nicht nur Entfremdung (etwa von der Mutter) und Verlust (des Vaters), sondern auch Leichtigkeit und Witz. Etwa, wenn die Tochter von ihrem Vater, dem heimlichen Protagonisten des Buches, wissen will, warum die Familie nie zusammen verreist, sondern immer getrennt: zwei im Flugzeug, zwei im Auto:

Ich und mein Bruder seien unausstehlich. Sie würden uns manchmal am liebsten aus dem Fenster werfen und dann rückwärts über uns fahren, bis wir still wären, und weil sie nicht gezwungen sein wollten, uns zu töten, das nämlich sei im Islam verboten, würden wir getrennt reisen.