Kureyshi hat einen serbischen Pass und spricht breites Berndeutsch. Die Schweiz ist ihr längst Heimat geworden, eine Einbürgerung ist ihr aber zu teuer, das Verfahren zu aufwendig. "Aber natürlich wäre es schön, wenn ich mich politisch äußern dürfte."

Einen Herbst lang tourt sie nun durch den deutschen Sprachraum, stellt ihr Buch vor, liest und diskutiert mit dem Publikum. Was anderen Last ist, begeistert sie. Wie überhaupt der Umstand, "dass es Menschen gibt, die dieses Buch lesen und weiterverschenken." Und dass andere anderes finden im selben Buch, findet sie großartig. So wie die Frau, die neulich wissen wollte, wie die Autorin zu Bäumen stehe, wo sie diese doch so häufig vorkommen lasse: Kirsche, Apfel, Birke, Kastanie, Quitte. "Sie bedeuten mir alles", lautete die Antwort, "aber ich hatte nicht die Absicht, sie ins Zentrum zu stellen."

Dass ihr Buch vor allem als Geschichte eines Flüchtlingskindes gelesen wird und das Feuilleton ihm den Stempel "hochaktuell!" aufdrückt, geht an ihrer Intention vorbei. "Es ist, als ob in einem Film ein Hund vorbeispaziert und danach alle nur noch über diesen Hund reden", sagt sie. Sie sei mit ihrer Familie in die Schweiz "geflogen und nicht geflüchtet", ihr Schicksal nicht zu vergleichen mit dem der Abertausenden, die dieser Tage ihre Heimat verlassen.

Kureyshi ist sich aber auch bewusst, was sie dieser Aktualität zu verdanken hat. Vielleicht sogar die Nomination? "Natürlich ist der Gedanke da", sagt sie. "Doch was will ich?"

Worum geht es ihr denn, wenn nicht um das Ankommen in einem fremden Land? "Es ist der Tod", sagt sie. Der plötzliche Verlust des Vaters, der die Erzählerin aufbrechen lässt in die osmanisch geprägte alte Heimat in Prizren und der sie schlingern lässt in der neuen Heimat, im Leben überhaupt.

Dein Sarg liegt in der Erde. Du wolltest in Prizren begraben werden. Seit einem Monat hülle ich jeden Freitagmorgen meine Haare in ein weißes Kopftuch und spreche ›Yasin‹, das Totengebet, für dich.

So beginnt ihr Buch. Seit einer Stunde erzählt sie. Wählt die Worte mit Bedacht, als würde sie sie schreiben wollen. Und möchte wissen, was das Gegenüber meint. Sucht Austausch. Draußen flanieren Touristen. Ein Mann bleibt stehen, winkt. Sie winkt zurück. Es ist der Berner Schriftsteller Beat Sterchi.

Sie hatte immer kein Geld. Das war ihr Glück

Wann hat sie eigentlich begonnen, sich Schriftstellerin zu nennen? "Gar nicht", sagt sie. "Ich kann das noch nicht. Es ist einfach ein großes, ein zu großes Wort." Was fehlt noch? Ein zweites, ein drittes Buch? Sie lacht. Ihr Glück sei, dass sie immer kein Geld gehabt habe. Oder fast keines. "Das macht es leichter." Um schreiben zu können, ist Meral Kureyshi bereit, mit wenig auszukommen. "Ich tue nur, was mich interessiert und was mein Schreiben nicht behindert." Des Geldes wegen nimmt sie keinen Brotjob an, auch wenn sie darauf angewiesen wäre, und so arbeitet sie für wenig Geld als Aufsicht im Kunstmuseum, als Technikerin im Kino, als Verkäuferin im Buchantiquariat. Und am liebsten im Lyrikatelier, das sie selbst gegründet hat. Hier leitet sie Gruppen von Kindern und Erwachsenen an, lässt diese Texte schreiben, vorlesen, interpretieren oder organisiert Klappstuhllesungen.

Wie kompromisslos sie ihren Weg geht – sie nennt es stur –, hat der Limmat Verlag erlebt, bei dem Elefanten im Garten erschienen ist. Nicht nur den Text hat die Autorin im allerletzten Moment noch einmal umgebaut, auch das Umschlagbild trägt ihre Handschrift. Es ist ein unscharfes Bild, selbst gemacht mit der Handykamera in Prizren, geschossen vom Balkon im Haus eines Onkels. Warmes Morgenlicht tüncht den Boden rot und violett, darauf ein Tisch und vier Stühle, daneben ein Baum. An diesem hängt – leuchtend gelb wie die Zitrone auf dem Tisch im Café Odeon in Bern – eine Quitte. Symbol für Glück, Liebe und Fruchtbarkeit.

Die Liebe ihres Vaters, den sie so unverhofft und abschiedslos verloren hatte, ließ sie zehn Jahre lang schreiben. Fragmentarisch, ohne jede Dramaturgie. Wann wusste sie, dass aus dem, was sich da zusammenfügte, ein Buch werden würde? "Ich habe es bis zuletzt nicht geglaubt", sagt sie. "Solange nicht, bis ich ein Paket vom Verlag in der Hand hielt." Sie nahm es, ging aber nicht nach Hause, sondern auf die Münsterplattform über der Aare. Einer Frau, die ihr dabei zuschaute, wie sie weinend das Paket öffnete, schenkte sie den Elefanten im Garten. "Dann war das Buch Tatsache. Denn eine Geschichte wird erst real, wenn man sie mit jemandem teilen kann."