Karl-Hinrich Lienau, wurde 44 Jahre alt. Er war 1,70 Meter groß, kräftig, 70 Kilo schwer, die dunklen Haare 12 Zentimeter lang.

Der Tod von Karl-Hinrich Lienau ist die Geschichte eines anscheinend perfekten Mordes. Begangen im Jahr 1984. Einer der spektakulärsten Kriminalfälle Hamburgs, Teil der Lehrmittelsammlung der Polizei, Fall Nummer 13 im Polizeimuseum – und bis heute nicht aufgeklärt.

Man fand Lienau an einem warmen Novembertag. Ein Polizist sieht auf dem Barmbeker Osterbekkanal ein Fass treiben. Zwei Handbreit ragt es aus dem Wasser. Abfall, vermutet er. Wenige Stunden später wird es geborgen, darin ein auf grausame Weise getöteter Mann. Hingerichtet nach Mafia-Manier, gefesselt, mit Sand, Zement und einer Eisenhantel kopfüber in das Fass gestopft.

Jahrzehntelang haben die Fahnder nach einem Täter gesucht, unzählige Spuren und Hinweise verfolgt. Vergeblich. Am Ende passten die vielen Puzzleteile nie zusammen. Der Fall kam zu den Akten, in den Keller der Staatsanwaltschaft. Doch der Mord ist nicht vergessen. Die Fragen sind nicht vergessen: Wer war dieser Mann? Und warum musste er sterben?

Der Fall Lienau ist auch meine eigene Geschichte. Ich war damals als junger Reporter am Kanal, und bis heute hat mich dieser merkwürdige Tod nicht losgelassen. Also begebe ich mich 30 Jahre später noch einmal auf Spurensuche, treffe Zeitzeugen, Verwandte und Freunde, durchforste meine alten Recherchen, lese Zeitungsartikel, es sind meist frei erfundene Geschichten, der "Fassmord" hat offenbar die Fantasie vieler Kollegen angeregt. Schließlich beantrage ich Akteneinsicht in den Archiven der Staatsanwaltschaft.

Über ein halbes Jahr lang hat es gedauert, diesen Termin zu bekommen, bis alle Verantwortlichen zugestimmt haben. Kein Journalist hatte bislang Zugang zu diesen vier dünnen Ordnern, die man mit fingerbreiten Gummibändern zu einem kleinen Paket geschnürt hat. Kein Außenstehender hat diese Papiere bislang ungeschwärzt gesehen.

Nun, nach Monaten, ergibt sich ein Bild, eine Chronik. Sie offenbart nicht nur den perfekten Mord, sondern die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach dem großen Abenteuer, magisch angezogen vom Zwielicht und seinen gierigen Kreaturen. Ein Mann, der stets mehr sein wollte, als er war, und plötzlich seine große Chance bekommt – und sie verspielt.

18. September 2014, Hamburg, Gorch-Fock-Wall 15, im Keller der Staatsanwaltschaft

An diesem ersten Tag über den Akten schreibe ich nicht, sondern zeichne etwas, das so aussieht wie eine Made: das Leichenpaket, das entstand, als die Mörder ihr Opfer in ein 13 Meter langes Handtuch wickelten. Normalerweise stecken solche Handtücher aufgerollt in Automaten in Kneipen oder Diskotheken.

Ich zeichne die Made, weil der Anblick des ausgewickelten Toten auf dem seitenhohen, gelblichen Farbfoto daneben für mich an diesem ersten Tag noch unerträglich ist: Die Mörder fesselten Karl-Hinrich Lienau mit Kabeln und einem Tau. Sie banden die Hände auf den Rücken. Sie fesselten die Füße, knickten die Beine nach hinten und zogen die Füße mit einem Seil am Rücken hoch bis zu den Händen. Sie zogen ihm eine Einkaufstüte aus Plastik über den mehrfach eingeschlagen Schädel, in dem eine Kugel steckte. Dazu ein Schuss in die Schlagader. Die Kleidung blutgetränkt.

Am zweiten Tag stellt mir die Frau aus der Geschäftsstelle der Staatsanwaltschaft eine Flasche Wasser neben die Akten. Im Raum befindet sich ein Konferenztisch mit zehn Plätzen, eine Miniküche, Telefon, Tafel, Garderobenständer und ein Rechner. Keiner kann mich hier stören; Besucher der Staatsanwaltschaft müssen zwei Sicherheitsschleusen passieren. Zweimal lese ich die Akten, reise 30 Jahre in die Vergangenheit.