Das Grauen im Kanal

Karl-Hinrich Lienau, wurde 44 Jahre alt. Er war 1,70 Meter groß, kräftig, 70 Kilo schwer, die dunklen Haare 12 Zentimeter lang.

Der Tod von Karl-Hinrich Lienau ist die Geschichte eines anscheinend perfekten Mordes. Begangen im Jahr 1984. Einer der spektakulärsten Kriminalfälle Hamburgs, Teil der Lehrmittelsammlung der Polizei, Fall Nummer 13 im Polizeimuseum – und bis heute nicht aufgeklärt.

Man fand Lienau an einem warmen Novembertag. Ein Polizist sieht auf dem Barmbeker Osterbekkanal ein Fass treiben. Zwei Handbreit ragt es aus dem Wasser. Abfall, vermutet er. Wenige Stunden später wird es geborgen, darin ein auf grausame Weise getöteter Mann. Hingerichtet nach Mafia-Manier, gefesselt, mit Sand, Zement und einer Eisenhantel kopfüber in das Fass gestopft.

Jahrzehntelang haben die Fahnder nach einem Täter gesucht, unzählige Spuren und Hinweise verfolgt. Vergeblich. Am Ende passten die vielen Puzzleteile nie zusammen. Der Fall kam zu den Akten, in den Keller der Staatsanwaltschaft. Doch der Mord ist nicht vergessen. Die Fragen sind nicht vergessen: Wer war dieser Mann? Und warum musste er sterben?

Der Fall Lienau ist auch meine eigene Geschichte. Ich war damals als junger Reporter am Kanal, und bis heute hat mich dieser merkwürdige Tod nicht losgelassen. Also begebe ich mich 30 Jahre später noch einmal auf Spurensuche, treffe Zeitzeugen, Verwandte und Freunde, durchforste meine alten Recherchen, lese Zeitungsartikel, es sind meist frei erfundene Geschichten, der "Fassmord" hat offenbar die Fantasie vieler Kollegen angeregt. Schließlich beantrage ich Akteneinsicht in den Archiven der Staatsanwaltschaft.

Über ein halbes Jahr lang hat es gedauert, diesen Termin zu bekommen, bis alle Verantwortlichen zugestimmt haben. Kein Journalist hatte bislang Zugang zu diesen vier dünnen Ordnern, die man mit fingerbreiten Gummibändern zu einem kleinen Paket geschnürt hat. Kein Außenstehender hat diese Papiere bislang ungeschwärzt gesehen.

Nun, nach Monaten, ergibt sich ein Bild, eine Chronik. Sie offenbart nicht nur den perfekten Mord, sondern die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach dem großen Abenteuer, magisch angezogen vom Zwielicht und seinen gierigen Kreaturen. Ein Mann, der stets mehr sein wollte, als er war, und plötzlich seine große Chance bekommt – und sie verspielt.

18. September 2014, Hamburg, Gorch-Fock-Wall 15, im Keller der Staatsanwaltschaft

An diesem ersten Tag über den Akten schreibe ich nicht, sondern zeichne etwas, das so aussieht wie eine Made: das Leichenpaket, das entstand, als die Mörder ihr Opfer in ein 13 Meter langes Handtuch wickelten. Normalerweise stecken solche Handtücher aufgerollt in Automaten in Kneipen oder Diskotheken.

Ich zeichne die Made, weil der Anblick des ausgewickelten Toten auf dem seitenhohen, gelblichen Farbfoto daneben für mich an diesem ersten Tag noch unerträglich ist: Die Mörder fesselten Karl-Hinrich Lienau mit Kabeln und einem Tau. Sie banden die Hände auf den Rücken. Sie fesselten die Füße, knickten die Beine nach hinten und zogen die Füße mit einem Seil am Rücken hoch bis zu den Händen. Sie zogen ihm eine Einkaufstüte aus Plastik über den mehrfach eingeschlagen Schädel, in dem eine Kugel steckte. Dazu ein Schuss in die Schlagader. Die Kleidung blutgetränkt.

Am zweiten Tag stellt mir die Frau aus der Geschäftsstelle der Staatsanwaltschaft eine Flasche Wasser neben die Akten. Im Raum befindet sich ein Konferenztisch mit zehn Plätzen, eine Miniküche, Telefon, Tafel, Garderobenständer und ein Rechner. Keiner kann mich hier stören; Besucher der Staatsanwaltschaft müssen zwei Sicherheitsschleusen passieren. Zweimal lese ich die Akten, reise 30 Jahre in die Vergangenheit.

Sehnsuchtsort Kanada

27. Dezember 1982, Andreas-Gayk-Straße 19 in Kiel, Zentrale Nordwestlotto Schleswig-Holstein GmbH & Co. KG

Die Lottogesellschaft stellt einen Verrechnungsscheck über 1.008.289,60 Mark auf den Namen Karl-Hinrich Lienau aus. Eine Million Mark. Lienau ist fünf Tage vorher 42 Jahre alt geworden. Der Lottogewinn schien ein Geburtstagsgeschenk vom Schicksal zu sein für einen wie Lienau, der aus einfachen Verhältnissen stammt.

1939 wurde Lienau in Vorbruch im Kreis Friedeberg geboren. Er wuchs ohne Vater mit fünf Schwestern und vier Brüdern auf, machte eine Lehre zum Raumausstatter, zog Anfang der sechziger Jahre nach Pinneberg, ging zur Bundeswehr, heiratete eine zwei Jahre jüngere Frau, eine gute Partie.

Anfangs arbeitete Lienau im Kohlenhandel seiner Schwiegermutter und als Raumausstatter. 1964 wurde seine Tochter geboren, sechs Jahre später ein Sohn. Bis 1979 betrieb Lienau ein Fuhrgeschäft mit eigenen Lastwagen, jedoch ohne Erfolg. 1981 war er pleite. Schulden blieben.

Lottogewinner Karl-Hinrich Lienau bei der Wiedereröffnung der Diskothek Jingle im Februar 1984. © Matthias Rebaschus

Im gleichen Jahr lernte Lienau in Kanada Baldur M. kennen, einen deutschstämmigen Finanzberater, der sich "Bud" nennt. Das weite, wilde Land ist Lienaus Sehnsuchtsort. Das Leben in Kanada gehört zu den vielen Träumen, die er immer hatte und selten lebte. Aber Urlaub dort, immerhin das war möglich. Schließlich kaufte Lienau mit seiner Frau, seiner Schwester und dem Schwager ein Grundstück auf einer kanadischen Insel. Im Sommer 1982 baute er dort ein Holzhaus.

In Pinneberg lief seit Mai 1982 dagegen das Zwangsvollstreckungsverfahren gegen Lienau.

6. Januar 1983, Kiel

Lienau holt von seinem Gewinn anfangs nur 30.000 Mark in bar ab, erzählt niemandem davon. Er will die Sache gegenüber seinen Gläubigern, dem Finanzamt und seiner Frau verheimlichen. Er fährt noch sechs Mal nach Kiel. Bis zum 10. März 1983 hat er die Million in fünf Tranchen zwischen 7000 Mark und 530.000 Mark in bar abgehoben. Nur 70.000 Mark werden auf sein Konto gebucht. In Kanada legt Lienau Geld in Wertpapieren an.

16. Mai 1983, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle

Unbekannte Brandstifter rollen Toilettenpapier aus, tränken es mit Petroleum, zünden die Disco an. Die Täter sind nicht zu ermitteln. Ein mögicher Hintergrund: Jemand wollte verhindern, dass ein Bordell dort eingerichtet wird, ein neuer Pächter, ein Gastronom aus Wedel, hatte kurz zuvor das Obergeschoss ausgebaut. Bei einem Autounfall verunglückt er kurz nach dem Brand tödlich. Er rast ohne erkennbaren Grund gegen einen Baum.

Juli 1983, Kanada

Lienau macht mit seiner Frau und den Verwandten Urlaub auf der Insel in seinem Blockhaus, er lebt ein Stück seines Traums. Er bleibt den ganzen Sommer, lernt Männer aus dem Frankfurter und Würzburger Raum kennen: Eddi, Jan und Rainer.

Alle drei sind Wirtschafter in Bordellen, Pächter oder betreiben welche. Gegen sie laufen Strafverfahren: Betrug, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Verstoß gegen das Waffengesetz, Totschlag, Hehlerei, Steuerhinterziehung, gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Hausfriedensbruch, Strafvereitelung, Trunkenheit im Vorsatz, Nötigung, Bildung einer kriminellen Vereinigung, unerlaubtes Glücksspiel, Körperverletzung mit Todesfolge, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, versuchter Betrug, räuberische Erpressung. Die Liste ist nicht vollständig.

Seine Ehefrau weiß nichts davon. Später sagt sie, sie habe ein ungutes Gefühl gehabt.

Diskothek Jingle

September 1983, Pinneberg

Als Lienau aus Kanada zurückkommt, erfährt er, dass Diskothek-Besitzer Harald Behnke (damals 42 Jahre alt, Name geändert) nach dem Brand im Jingle Geldgeber sucht. Lienau beteiligt sich mit 200.000 Mark an der Disco.

Januar 1984, Kanada

Lienau schließt mehrere Verträge ab, die seine Lotto-Million verschleiern sollen, mietet Schließfächer. Und er legt Geld auf den Namen von Diskothek-Besitzer Harald Behnke an. Seine Frau reicht die Scheidung ein.

15. Februar 1984, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle

An diesem Tag sehe ich "Charlie", so wird Lienau in der Disco genannt, zum ersten und letzten Mal. Ein charismatischer Mann, schick gekleidet, mit Krawatte, kariertem Sakko. Ein Sonnyboy mit goldenem Feuerzeug, Goldringen, goldener Uhr und dunklen Locken. Er hat zur inoffiziellen Wiedereröffnung des Jingle nach dem Brand eingeladen. Ich bin als Reporter für das Hamburger Abendblatt dort, mache Fotos. Es gibt Champagner.

An der Bar sitzt ein halbes Dutzend attraktiver, junger Frauen. Darunter Maren B., 24 Jahre alt, eine blonde Arzthelferin, Ex-Verlobte von Kompagnon Harald Behnke. Sie ist nun die Freundin von Lienau, der vor der geladenen Presse verkündet, im Obergeschoss zwei Whirlpools einbauen zu wollen. Ein Bordell? Charlie lächelt nur.

Das Jingle ist ein schmuckloses, zweistöckiges Haus mit einem kitschigen, grünen Plastik-Baldachin über dem Eingang. Im Erdgeschoss gibt es eine kleine Tanzfläche, eine lange Bar, einen Kamin. Schummerige Beleuchtung, Mahagoni, Messing an den Tischleuchten und die kitschige Gipsfigur einer Leichtbekleideten am Tresen. Ein Drink kostete 13 Mark.

Im ersten Obergeschoss liegen drei Schlafzimmer, zwei Bäder, eine Küche und ein Wohnzimmer. Unter dem Dach weitere Zimmer und ein Matratzenlager. Lienau und Harald Behnke wohnen auch in dem Haus, Lienau inoffiziell. Harald Behnke bestreitet damals, dass Frauen mit Gästen nach oben gehen.

Die Kreisstadt Pinneberg will keine Bordelle im Stadtgebiet, und einige Pinneberger behaupten immer noch, im Jingle nur eine Disco gesehen zu haben. Die Raumpflegerin Angela D. machte nur unten sauber. "Oben putzen die Chefs selber", sagt sie später der Polizei.

25. März 1984, Spielbank Hamburg

Das Kasino registriert Lienaus Besuch. Auch im April ist er dort. Auf St. Pauli kauft er im Frühjahr 1984 einen falschen Führerschein.

15. Mai 1984, Pinneberg, Büro eines Notars

Der Disco-Besitzer Harald Behnke gibt eine geheime Erklärung ab. Mit einer Reihe komplizierter Verträge soll verhindert werden, dass seine Noch-Frau, die zu diesem Zeitpunkt als Köchin in Hamburg arbeitet, an die 200 000 Mark kommt, mit denen Lienau sich ins Jingle eingekauft hat.

19. Mai 1984, Pinneberg

Lienau fährt mit seiner Freundin Maren B. nach Ibiza. Er schenkt ihr Schmuck, redet auf Ibiza "nur beiläufig über den Lottogewinn", wie Maren B. bei einer Vernehmung später angeben wird.

30. Mai 1984, Grenzübergang Chalampé-Neuenburg

Bei der Rückreise über Frankreich nimmt Lienau den wenig genutzten Grenzübergang in Neuenburg am Rhein. Er fährt ein Auto, das Harald Behnke gehört. An der Grenze wird der gefälschte Führerschein entdeckt. Die Fingerabdrücke von Karl-Hinrich Lienau werden im Bundeskriminalamt registriert. Über sie wird der Tote aus dem Fass ein halbes Jahr später identifiziert werden.

Karl-Hinrich Lienau reist ohne Führerschein und mit Maren B. weiter nach Würzburg ins Sauna-Paradies, ein Bordell. Zwei Tage, bis Anfang Juni, bleiben die beiden in Würzburg, treffen auch Eddi wieder, der im Würzburg der achtziger Jahre zu den führenden Rotlichtgrößen zählt. Eddi wird später auch Lienau in Pinneberg besuchen.

"Rotlicht schweigt."

Juni 1984, Ontario, Kanada

Lienau macht weitere Verschleierungs-Verträge über Konten, die er mit Geld füllt. Er reist mit einem bordeauxfarbenen Aktenkoffer aus Leder mit Zahlenschloss. Darin: die Originaldokumente, weitere Geheimverträge, Abtretungserklärung, Versicherungspapiere, Generalvollmacht, Schlüssel für ein Motorboot in Kanada, Zertifikate, einige Sparbücher, Bargeld und Besitzurkunden.

Zurück in Pinneberg, legt Lienau den Koffer in ein Geheimversteck neben seinem Bett im Jingle: In der Ecke des Raumes lässt sich der senffarbene Teppichboden anheben, unter einer herausnehmbaren Sperrholzplatte ist ein Fach für den Koffer.

Seit dem Mord ist der Koffer verschwunden, wer ihn oder die Originalunterlagen hat, gilt als dringend tatverdächtig. Von den Unterlagen tauchen jedoch nach dem Mord Fotokopien in Schließfächern und bei "Bud" M. in Kanada auf.

Juli 1984, Pinneberg

Lienau fliegt erster Klasse mit Maren B. für drei Wochen nach Kanada in den Sommerurlaub. Im August sollen sie dort wilde Partys gefeiert haben. Nach Zeugenaussagen seien zu dem Zeitpunkt auch Eddi, Jan und Rainer dabei gewesen, die angeblich von Maren B. über den Lottogewinn informiert wurden.

Es heißt, dass die drei an das Geld von Karl-Hinrich Lienau wollten. Einer von ihnen wird später mit internationalem Haftbefehl wegen Erpressung gesucht, er hatte sich schon im Juni beim Einwohneramt "nach Übersee" abgemeldet. Trotzdem bleibt diese Seite des Mordfalles im Dunkeln. Der verantwortliche Oberstaatsanwalt Peter Schwien sagt später: "Rotlicht schweigt."

7. November 1984, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle

Der Taxifahrer Oskar H. ist der letzte Zeuge, der Karl-Hinrich Lienau lebend sieht. Er unterhält sich mit ihm bis 2.15 Uhr. Danach, irgendwann in dieser Nacht, wird Lienau getötet.

Der erste Schuss traf von hinten den Kopf, tödlich. Ein zweiter Schuss ging von hinten durch die Lunge; die Kugel vom Kaliber 7.65, sechs Züge Rechtsdrall, blieb im Schlips stecken. Eine dritte Kugel zerriss auf drei Zentimeter die große Körperschlagader.

Außerdem wurde der Schädel mit vier schweren Schlägen zertrümmert. Möglicherweise schlugen die Mörder mit der 15 Kilo schweren, türkisblauen Hantelscheibe zu, die im Fass gefunden wurde. Aufschrift: "City-Studio".

Solche Hanteln lagen auch in der Eimsbütteler Tangun-Sportschule, in der Peter Mertens (damals 35 Jahre alt, Name geändert) Taekwondo trainierte. Seit 1978 arbeitet er als Türsteher im Jingle, gilt als rechte Hand und bester Freund von Harald Behnke, übernachtet ab und zu unterm Dach im Matratzenlager.

8. November 1984, Hamburg, Berzeliusstraße 45, Großhandel für Fässer, Kanister und Fasszubehör, 9.35 Uhr

Zwei 30 bis 35 Jahre alte Männer kommen zu Fuß auf das Gelände und suchen sich ein sogenanntes Überfass aus. Dieses Fass ist größer und wesentlich teurer als eine Regentonne und wird vorwiegend von der Polizei und Feuerwehr genutzt, zum Beispiel zum Transport von Flüssigkeiten. Mit einem Spannring ist der Deckel zu verschließen.

Die Männer lehnen ein Angebot des Verkäufers, das Auto zum Abtransport aufs Firmengelände zu holen, ab. Sie zahlen 191,52 Mark, geben eine falsche Adresse an und tragen das Fass weg.

Der größere (1,90 Meter) von beiden trägt eine beige Bundlederjacke, hat einen Mullverband an der linken Hand. Der kleinere (1,75 Meter) trägt einen Vollbart. Ermittler vermuten, dass beide sich mit Perücken und falschem Bart getarnt haben.

Nach der Personenbeschreibung könnten Harald Behnke und Peter Mertens die Gesuchten sein. Bei einer späteren Gegenüberstellung erkennt der Fassverkäufer die beiden Verdächtigen nicht wieder.

Die Polizei findet keinen einzigen Zeugen für die Nacht vom 7. November bis zum Fund des Fasses am 9. November. Eine Lücke von 36 Stunden.

Bis heute weiß keiner, wo Lienau erschossen wurde, wie seine Leiche in das Fass gelangte und wie das 235 Kilo schwere Fass im Barmbeker Kanal landete. Die Story einer Zeitung über die letzten Stunden des Mordopfers erweist sich als komplett falsch.

Ein Fass auf dem Osterbekkanal

8. November 1984, Diskothek Jingle

Nach Mitternacht kommt Maren B. ins Jingle, fragt nach Lienau, bleibt bis 3.30 Uhr. Später erzählt sie, die Tür oben zur Wohnung ihres Freundes sei verschlossen gewesen. Erst Stunden später habe Harald Behnke sie reingelassen. Alles sei unordentlich gewesen; Koffer nicht im Versteck, die Hausschuhe nicht wie immer korrekt auf dem Versteck, das Bett ungemacht. Im Bad stand Lienaus Nasenspray, ohne das er nie aus dem Haus ging.

9. November 1984, Osterbekkanal

Ein Zeuge sieht nachts um 4.50 Uhr ein treibendes Fass auf dem Osterbekkanal in Höhe Hufnerstraße. Um 10.15 Uhr entdeckt ein Polizist das Fass unter einer Trauerweide. Ein Alsterabfischer bringt es zur nahen Bootswerft. Der Deckel wird geöffnet, ein Paket, das an eine Made erinnert, herausgeholt. Beim Öffnen kommt ein Unterschenkel zum Vorschein.

9. November 1984, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle

Die Identität des Toten ist noch nicht bekannt. Im Jingle sind die Außenjalousien runtergelassen. Lienaus Tochter, damals 20 Jahre alt, kommt als Aushilfskellnerin um 19.30 Uhr, geht eine Stunde später hoch, um ihren Vater zu begrüßen. Die Tür ist unverschlossen, und keiner ist da. Später ist sie verschlossen. Sie wundert sich auch, dass im Gang nach oben zum Zimmer ihres Vaters ein Rollo bei einem Fenster runtergelassen ist, das war noch nie so.

9. November 1984, Hamburg, Wieckstraße 37, Sportschule Tangun

Der Eigentümer entdeckt, dass zwei türkisblaue Hantelscheiben mit dem Aufdruck "City-Studio" fehlen, was er sich nicht erklären kann. In diesem Studio arbeitet auch Peter Mertens. Allerdings waren die Hantelscheiben bis 1976 auch über ein Münchner Kaufhaus in ganz Deutschland vertrieben worden.

19. November, Pinneberg, Stadtfriedhof, 11 Uhr

Hundert Verwandte, Freunde und Bekannte geben Karl-Hinrich Lienau das letzte Geleit. Kripobeamte fotografieren die Gäste.

20. November 1984, Barmbek

10.000 Mark Belohnung werden in einem Flugblatt ausgelobt, das die Polizei in Barmbek verteilt. Sie fragt besonders nach dem Fass. Vermutlich sei es östlich der Bramfelder Brücke in den Osterbekkanal "geworfen" worden. Spätere Phantomzeichnungen zeigen zwei Männer, von denen einer Peter Mertens sehr ähnlich sieht.

Im Flugblatt eingekreist ist der Osterbekkanal östlich der Bramfelder Brücke. Diese führt dort über die laute siebenspurige Bundesstraße 434 und liegt wenige Hundert Meter vom Fundort des Fasses entfernt. Im eingekreisten Gebiet soll nach Einschätzung der Polizei das Fass in den Kanal gekommen sein.

Die Ermittler sind sich sicher, dass Karl-Hinrich Lienau im Kreis Pinneberg erschossen und ins Fass gesteckt wurde. Das Fass musste dann 22 Kilometer nach Barmbek geschafft werden. Wie viele Männer sind nötig, um ein 235 Kilo schweres Fass zu transportieren?

Ende November 1984, Hamburg, Rathausstraße 2, Bank of Canada

Harald Behnke erscheint, möchte ein Konto einrichten, weil er eine größere Summe von seinem Bruder aus Kanada erwarte. Doch die Bank führt keine Währungskonten. Harald Behnke geht und kommt nicht wieder.

Mord verjährt nicht

7. Januar 1985, Staatsanwaltschaft Hamburg

Der Antrag auf Haftbefehl wegen Mordes aus Habgier gegen Mertens und Behnke geht ans Gericht. Die Staatsanwaltschaft ist sicher, dass Lienau das Jingle unter Zwang verließ oder tot herausgeschafft wurde. Es sei eindeutig, dass er am 7. November die Wohnung im Jingle nicht verlassen wollte. Die Täter hätten Rasierer und Mantel entfernt, um den Eindruck zu erwecken, ihr Opfer sei verreist. Der Verdacht fällt auch deswegen auf Behnke und Mertens, weil im Jingle Rollenhandtücher, Zement und Sand gefunden werden und beide kein Alibi haben.

15. Januar 1985, Hamburg

Das Gericht lehnt den Haftbefehl ab. Die Anhaltspunkte seien zu schwach, es fehlen Tatspuren und Indizien, zum Beispiel, dass das Handtuch wirklich aus dem Jingle stammt.

Sommer 1985, Hamburg, Restaurant Mellingburger Schleuse an der Alster

Ich sitze an einem Sonnabend im Restaurant, drei Reifen werden an diesem Tag an meinem Wagen zerstochen. Immer wieder knicken Unbekannte Spiegel und Antenne ab, am Telefon fordert eine Männerstimmen mich auf, "das doch lieber zu lassen". Ich habe Angst. Ich beende meine Recherche, behalte einen Karton mit Unterlagen, meinen Zeitungsberichten, Fotos, Notizen und Tonbändern.

Anfang Oktober 1985, Pinneberg

Das von Lienau angelegte Geld geht zum großen Teil an seine Gläubiger und der geringe Rest an seine Kinder. Das Ehepaar Lienau hatte Gütertrennung vereinbart. Lienaus Ex-Frau erbt nach der beantragten Scheidung nichts.

Der Kanadier "Bud" M. hat Fotokopien von Geheimverträgen gefunden und veranlasst, das Geld zurückzusenden. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Mörder ihr Ziel, an das heimliche Lottogeld zu kommen, nicht erreicht haben.

Sie sind nach wie vor davon überzeugt, dass Mertens und Behnke den Mord begangen haben. 30 Jahre lang werden sie den Fall Lienau immer wieder neu prüfen. Immer vergebens.

16. Januar 2015, Hamburg, Hotel Steigenberger in der Lobby

Sieben Mal war ich inzwischen im Keller der Staatsanwaltschaft, habe alle Akten zwei Mal gelesen, sie fast vollständig in meine Notizbücher übertragen. Ich habe das Leben des Karl-Hinrich Lienau in den letzten Monaten sehr gut kennengelernt, habe das Gefühl, ihm ein wenig nähergekommen zu sein, diesem Mann auf der Suche nach Nervenkitzel und Freiheit.

Und ich habe unzählige Fakten über seinen Tod. Nur: keine Interpretation. Ich möchte deshalb noch einmal mit dem damals zuständigen Staatsanwalt sprechen, will wissen, was einer wie er, heute, 30 Jahre später, über den Fall denkt.

Peter Schwien sagt, auf Facebook würde ich sein Bild finden, um ihn zu erkennen. Ich freue mich auf diesen Oberstaatsanwalt außer Diensten, Hamburger Staatsanwälte sind sonst extrem verschlossen.

Schwien ist ein ruhiger Mann, 19 Jahre lang hat er in der Hamburger Staatsanwaltschaft Großverfahren bearbeitet. Bis zu seiner Pension waren es rund 400; an den Fall des "Fasstoten" erinnert er sich gut: "Einen Mordfall mit so wenigen handfesten Beweisen habe ich noch nie gesehen", sagt er im Hotel Steigenberger, wo wir uns verabredet haben.

Im Haus der damals Beschuldigten fanden sich Zement, Sand, Blutflecken, Kabel, Schnüre und Handtuchrollen. "All das sah genauso aus wie das, was beim Opfer im Fass gefunden wurde. Doch die Untersuchung ergab keine einzige Übereinstimmung. Es passte nichts überein!" Als wir uns verabschieden, sagt Schwien: "Es erscheint wie ein perfekter Mord – aus Zufall."

Frühestens im Jahr 2034 können die Ermittlungsunterlagen und Beweisstücke vernichtet werden. Die vermeintlichen Täter wären dann über 90 Jahre alt. Kommendes Jahr wird der Mordfall des Fasstoten, wie alle paar Jahre, neu geprüft werden. Ermittler hoffen immer noch auf Hinweise. 040/42 86-567 89 – das ist die Nummer des Hamburger Landeskriminalamtes. Man kann auch anonym anrufen. Mord verjährt nicht.