27. Dezember 1982, Andreas-Gayk-Straße 19 in Kiel, Zentrale Nordwestlotto Schleswig-Holstein GmbH & Co. KG

Die Lottogesellschaft stellt einen Verrechnungsscheck über 1.008.289,60 Mark auf den Namen Karl-Hinrich Lienau aus. Eine Million Mark. Lienau ist fünf Tage vorher 42 Jahre alt geworden. Der Lottogewinn schien ein Geburtstagsgeschenk vom Schicksal zu sein für einen wie Lienau, der aus einfachen Verhältnissen stammt.

1939 wurde Lienau in Vorbruch im Kreis Friedeberg geboren. Er wuchs ohne Vater mit fünf Schwestern und vier Brüdern auf, machte eine Lehre zum Raumausstatter, zog Anfang der sechziger Jahre nach Pinneberg, ging zur Bundeswehr, heiratete eine zwei Jahre jüngere Frau, eine gute Partie.

Anfangs arbeitete Lienau im Kohlenhandel seiner Schwiegermutter und als Raumausstatter. 1964 wurde seine Tochter geboren, sechs Jahre später ein Sohn. Bis 1979 betrieb Lienau ein Fuhrgeschäft mit eigenen Lastwagen, jedoch ohne Erfolg. 1981 war er pleite. Schulden blieben.

Lottogewinner Karl-Hinrich Lienau bei der Wiedereröffnung der Diskothek Jingle im Februar 1984. © Matthias Rebaschus

Im gleichen Jahr lernte Lienau in Kanada Baldur M. kennen, einen deutschstämmigen Finanzberater, der sich "Bud" nennt. Das weite, wilde Land ist Lienaus Sehnsuchtsort. Das Leben in Kanada gehört zu den vielen Träumen, die er immer hatte und selten lebte. Aber Urlaub dort, immerhin das war möglich. Schließlich kaufte Lienau mit seiner Frau, seiner Schwester und dem Schwager ein Grundstück auf einer kanadischen Insel. Im Sommer 1982 baute er dort ein Holzhaus.

In Pinneberg lief seit Mai 1982 dagegen das Zwangsvollstreckungsverfahren gegen Lienau.

6. Januar 1983, Kiel

Lienau holt von seinem Gewinn anfangs nur 30.000 Mark in bar ab, erzählt niemandem davon. Er will die Sache gegenüber seinen Gläubigern, dem Finanzamt und seiner Frau verheimlichen. Er fährt noch sechs Mal nach Kiel. Bis zum 10. März 1983 hat er die Million in fünf Tranchen zwischen 7000 Mark und 530.000 Mark in bar abgehoben. Nur 70.000 Mark werden auf sein Konto gebucht. In Kanada legt Lienau Geld in Wertpapieren an.

16. Mai 1983, Pinneberg, Wedeler Weg 78, Diskothek Jingle

Unbekannte Brandstifter rollen Toilettenpapier aus, tränken es mit Petroleum, zünden die Disco an. Die Täter sind nicht zu ermitteln. Ein mögicher Hintergrund: Jemand wollte verhindern, dass ein Bordell dort eingerichtet wird, ein neuer Pächter, ein Gastronom aus Wedel, hatte kurz zuvor das Obergeschoss ausgebaut. Bei einem Autounfall verunglückt er kurz nach dem Brand tödlich. Er rast ohne erkennbaren Grund gegen einen Baum.

Juli 1983, Kanada

Lienau macht mit seiner Frau und den Verwandten Urlaub auf der Insel in seinem Blockhaus, er lebt ein Stück seines Traums. Er bleibt den ganzen Sommer, lernt Männer aus dem Frankfurter und Würzburger Raum kennen: Eddi, Jan und Rainer.

Alle drei sind Wirtschafter in Bordellen, Pächter oder betreiben welche. Gegen sie laufen Strafverfahren: Betrug, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Verstoß gegen das Waffengesetz, Totschlag, Hehlerei, Steuerhinterziehung, gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Hausfriedensbruch, Strafvereitelung, Trunkenheit im Vorsatz, Nötigung, Bildung einer kriminellen Vereinigung, unerlaubtes Glücksspiel, Körperverletzung mit Todesfolge, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, versuchter Betrug, räuberische Erpressung. Die Liste ist nicht vollständig.

Seine Ehefrau weiß nichts davon. Später sagt sie, sie habe ein ungutes Gefühl gehabt.