Die meisten Menschen hören es nicht gern, aber irgendwann läuft für jeden die Zeit ab. Zu Allerheiligen und Allerseelen rückt der Tod für einen Augenblick wieder ins Bewusstsein. Der Gedanke an die letzte Stunde, wenn alles zu Ende geht. Oder etwa doch nicht? Bislang blieb es vornehmlich den Religionen vorbehalten, über die Vergänglichkeit des irdischen Daseins hinwegzutrösten. Mit dem Glauben an etwas danach.

Doch es gibt Personen, die erzählen, dass sie schon mit einem Fuß drüben waren, auf der anderen Seite. Dass sie gesehen haben, wie es dort aussieht. Wie es sich anfühlt, wenn man den Körper verlässt und von oben auf die irdischen Dinge herabblickt. Bis ein Notfallmediziner mit Stromstößen und Medikamenten dafür sorgt, dass das Herz wieder zu schlagen beginnt.

Schätzungen zufolge haben nur ein paar wenige Prozent der Bevölkerung Nahtoderfahrungen gemacht, doch es werden tendenziell mehr, seit sich die Methoden zur Wiederbelebung stark verbessert haben. Nachdem das Phänomen lange nur den Geist von Künstlern und Esoterikern beflügelte, beschäftigt sich nun auch die seriöse Wissenschaft damit. An der Medizinischen Universität Wien wollen Forscher mehr Licht in die mysteriöse Grauzone zwischen Leben und Tod bringen. Im Rahmen einer internationalen Studie versuchen sie erstmals, auch Hirnfunktionsdaten von Patienten mit Herzstillstand zu messen. Denn was im Gehirn nach Abbruch der Sauerstoffzufuhr genau vor sich geht und was das mit dem menschlichen Bewusstsein zu tun hat, ist noch weitgehend unklar.

Die Erzählungen von Personen, die fast gestorben wären, faszinieren die Menschheit seit Jahrhunderten. Der Umgang damit hängt meist vom Hintergrund und den Erfahrungen jedes Einzelnen ab, nicht zuletzt vom persönlichen Weltbild. Menschen, die der Transzendenz anhängen, sehen in Berichten über das Verlassen des Körpers ein verlässliches Indiz dafür, dass das Bewusstsein sehr wohl eigene Wege, unabhängig vom Gehirn, gehen kann. Das widerspricht natürlich der medizinischen Lehrmeinung der Naturalisten, die erstaunliche Geistesphänomene auf physiologische Funktionen des Gehirns zurückführen – eines Organs, das immer noch große Geheimnisse birgt.

Dementsprechend vorsichtig sind Wissenschaftler in ihren Äußerungen, wenn sich Journalisten auf das quotenträchtige Thema stürzen. Sachlich an der Schwelle des Todes zu forschen, ohne an der Esoterik anzustreifen, ist gar keine so einfache Übung. Denn bei allen rationalen Erklärungsversuchen stehen die als Realität empfundenen Erlebnisse von Herzstillstandpatienten im Raum.

"Meiner Erfahrung nach empfinden zwei Drittel der Menschen nichts Besonderes", sagt der Internist Marcus Franz, der auch Nationalratsabgeordneter ist und im Sommer vom Team Stronach zur ÖVP wechselte. Lange Jahre arbeitete er als Notarzt und kam dabei mit Nahtoderfahrungen in Kontakt. "Manche machen sogar einen leichten Horrortrip durch. ›Hören Sie, ich war in der Hölle‹, hat ein Mann zu mir gesagt." Rund ein Drittel der erfolgreich reanimierten Patienten habe aber von positiven Erlebnissen berichtet, etwa einem hellen Licht mit großer Anziehungskraft. Als einer der wenigen Ärzte spricht Franz ganz offen über das Thema, obwohl er Naturalist aus Überzeugung ist. Für ihn haben die Erfahrungen seiner Patienten allesamt eine physiologische Ursache. Man müsse aber Tabus über Bord werfen, das Thema nüchtern betrachten und vor allem die Berichte ernst nehmen, warnt er: "Sonst sind sofort die Esoteriker da und versuchen, mit schamanistischem Brimborium Rückführungen oder Jenseits-Walking zu veranstalten."

Das Bewusstsein lässt sich einfach vom Körper trennen

Wenn das Herz zu schlagen aufhört, kommt kein frischer Sauerstoff mehr im Gehirn an. Gereizte Sehrindenneuronen, gestresste Hirnregionen und die massive Ausschüttung von Endorphinen könnten dann eine plausible Erklärung dafür sein, dass Menschen Lichter sehen, Glück und Geborgenheit empfinden und glauben, ihren Körper zu verlassen. Tierversuche haben gezeigt, dass das Gehirn noch bis zu 30 Sekunden nach einem Herzstillstand aktiv ist. Doch was, wenn die Erlebnisse danach passieren?