Der Start

Seit dieser Woche läuft ein Rennen, wie es die Stadt noch nicht erlebt hat. Es geht um die Gunst der Hamburger, und wer sehen will, wie um sie geworben wird, geht einfach an den Jungfernstieg.

17 Kästen mit Leuchtreklamen stehen an der Alster, eine Allee aus Werbung. Auf den Plakaten sind Bürger der Stadt zu sehen, dazu jeweils ein Satz, warum sie für Olympia stimmen. "Damit wird Hamburg weltberühmt", steht neben dem Bild eines älteren Paares aus Eimsbüttel.

Der Jungfernstieg ist nur der Anfang. Bald werden die Plakate überall hängen, wo viele Menschen unterwegs sind. 3000 insgesamt. "Hoher, extensiver Werbedruck", nennen das die Marketingexperten. Zwei Millionen Euro kostet die Kampagne.

Bis zum 29. November läuft das Rennen um die Stimmen der Bürger, dann sollen sie in einem Referendum ankreuzen: "Ich bin dafür, dass sich der Deutsche Olympische Sportbund mit der Freien und Hansestadt Hamburg um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 bewirbt."

Ja oder Nein.

Seit Montag dieser Woche verschickt die Stadt 1,3 Millionen A4-Umschläge an alle wahlberechtigten Hamburger ab 16 Jahren. Wer die Unterlagen in seinem Briefkasten hat, kann per Briefwahl sofort abstimmen.

In der Vorrunde hat Hamburg schon einmal gesiegt. Im März setzte sich die Stadt gegen Berlin durch, im Wettlauf um die deutsche Bewerberstadt. Jetzt muss sie ihre eigenen Bürger gewinnen. Es ist das schwerere Rennen, ein Lauf mit Hürden, von denen viele erst in den vergangenen Wochen aufgetaucht sind.

Die Hindernisse

Vor einem halben Jahr noch sah alles nach einem klaren Durchmarsch aus. In einer Umfrage sprachen sich 64 Prozent der Hamburger für die Olympia-Bewerbung aus. Es waren optimale Bedingungen, wie man im Sport sagt. Die Rennstrecke lag vor den Olympia-Fans, eine ebene Fläche, der Wind blies von hinten. Doch seither taucht eine Hürde nach der nächsten auf.

Die Flüchtlingskrise: Seit Juni fliehen täglich Hunderte Menschen nach Hamburg – mehr als 10.000 waren es allein im September. Viele der Flüchtlinge werden bleiben, Sozialleistungen er halten, die Stadt wird sie mit Geld unterstützen. "Schaffen wir das?", fragen sich plötzlich viele Hamburger. Olympia ist nicht mehr das größte Projekt der Stadt. Die Frage lautet jetzt: "Schaffen wir Olympia auch noch, wenn wir schon den Flüchtlingen helfen?"

Die Bankenrettung: Olympia kostet die Steuerzahler sehr viel Geld. Die marode Landesbank auch. Um die HSH Nordbank zu retten, muss Hamburg ihr faule Kredite abkaufen. Das will niemand, ist aber nicht zu ändern. Anders als bei Olympia, die Spiele sind ein freiwilliges Projekt. Wieder diese Frage: "Schaffen wir Olympia auch noch, wenn wir schon die HSH retten müssen?"

Fifa-Skandal: Das Fußball-Sommermärchen 2006 sollte eines der großen Vorbilder für Hamburg sein. Jetzt berichtete der Spiegel, die WM sei erkauft worden. Michael Neumann, Hamburgs Innensenator, wiederholt seit Monaten den Satz: Das Internationale Olympische Komitee ist etwas ganz anderes als der Fußball-Weltverband. Das stimmt. Es stimmt aber auch, dass das Image von Sportfunktionären nie schlechter war als heute.

Hafenwirtschaft: Niemand wehrt sich so lautstark gegen die Ideen der Olympia-Planer. Keinesfalls wollen die Firmen im Hafen nach Olympia höhere Pachten zahlen, überhaupt wollen sie den Kleinen Grasbrook nur räumen, wenn sie allumfassend entschädigt werden. Auf Pro-Olympia-Veranstaltungen tauchen Mitarbeiter von Hafenbetrieben auf, schimpfen und machen Stimmung.

Streit mit dem Bund: Anfang Oktober stellte Bürgermeister Olaf Scholz den lang erwarteten Finanzreport vor: 11,2 Milliarden Euro sollen die Spiele kosten, 7,4 davon müsse der Staat zahlen, Hamburg könne jedoch allenfalls 1,2 Milliarden Euro übernehmen, verkündete Scholz. Den Rest von 6,2 Milliarden müsse eben der Bund begleichen. Der Bund ist wenig begeistert von dieser Aufteilung. Jetzt wird im Innen- und Finanzministerium erst mal nachgerechnet. Scholz versichert, man werde sich schon einigen. Doch bis zum Referendum bleibt wohl unklar, wer wie viel zahlt.