Der Petersdom in Rom ist die wichtigste Kirche des Protestantismus. Er rangiert noch vor den beiden Gotteshäusern, die sich um den Titel "frühester evangelischer Kirchenbau" streiten: Die Schlosskapelle in Neuburg an der Donau, die "bayerische Sixtina", und die Schlosskirche im sächsischen Torgau. Aber nur weil der Petersdom neu erstehen sollte, gibt es auch die beiden anderen.

Die Kirche, deren Anblick man in Rom nicht aus dem Weg gehen kann, wie die Fotos unseres Kollegen Hannes Leitlein zeigen, ist die Gründungskathedrale der evangelischen Kirche. Ihr verdanken wir den Reformationstag, den Deutschland am Samstag begeht. Das 500. Jubiläum der Reformation 2017 könnte unter ihrer Kuppel stattfinden. Dann ist der 31. Oktober ein Dienstag und arbeitsfrei, also das Ende eines langen Wochenendes samt Brückentag. Und in den Petersdom passen 20.000 Leute. Das sollte reichen.

Die Verquickung entsprang einem frühen Fall von Crowdfunding, also des Geldsammelns mithilfe eines Massenmediums.

Papst Julius II. wurde alt und brauchte ein Grab. Also ließ er den Petersdom neu errichten, die Kathedrale, die über dem angeblichen Grab des angeblichen Petrus errichtet worden war. Das kostete. Julius kam auf eine Geschäftsidee, mit der er den Kirchenschatz zu Geld machen konnte. Der bestand leider nur aus guten Taten der Heiligen. Julius kapitalisierte ihn mithilfe der noch jungen Lehre vom Fegefeuer und der älteren vom Ablass. Er machte aus dem Ablass eine Haftpflicht für das Jenseits: Wer Ablassbriefe kaufte, bekam Rabatt bei den Sündenstrafen und brannte weniger lang im Fegefeuer. Der fiskalische Ertrag floss in die neue Kirche. Und die ganze Christen-Crowd musste mitmachen.

Als Julius starb, war sein Grab jedoch alles andere als fertig. Sein Nachfolger Leo X. brauchte noch mehr Geld und begab noch mehr Ablass. In Holland aber verbot Kaiser Karl die Überweisung nach Rom. Für den Ablassertrag ließ er Deiche bauen.

Doch der brandenburgische Kurfürst Albrecht bot sich als Zwischenhändler an. Auch er brauchte Geld. Er hatte Bistümer en gros eingekauft. Das verstieß gegen Kirchenrecht und kam besonders teuer. Albrecht schmiedete eine Allianz fürs ewige Leben. Er schickte den Dominikaner Johann Tetzel auf Akquise. Tetzel verkaufte Ablassbriefe wie Versicherungspolicen. "Wenn das Geld im Kasten klingt", soll er gedichtet haben, "die Seele aus dem Feuer springt." Ein Teil ging in Albrechts Schuldentilgung, ein anderer zum Petersdom. Da war der Maler Raffael Baumeister geworden, und es ging drunter und drüber.

Gebildeten Leuten war Tetzel, der Makler, ein Graus. Auch dem jungen Wittenberger Professor Martin Luther. Als seine Leute in Scharen ins Magdeburgische reisten, weil Tetzel dort Ablass verkaufte, da fielen ihm und seinen Freunden hundert Argumente gegen den Ablasshandel ein. Luther veröffentlichte 95 davon, um gegen den Handel zu protestieren. In kürzester Zeit gab es so viele Mitprotestanten, dass es für eine zweite Kirche reichte. Aber auch in der einen siegte das Bewusstsein für eine Reform. Die folgte im Konzil von Trient.

Das Konzil verbot den Ablasshandel und verdammte, was bis dahin toleriert wurde. Zu spät: Manchmal hinkt selbst der Fortschritt nach. Die Reform jedenfalls hielt die Reformation nicht auf. Letztere wird seitdem an jedem 31. Oktober gefeiert. Der Petersdom ist ihr Zeichen, das man in der ganzen Stadt sieht.