Front National, Cinque Stelle, UKIP oder Podemos. FPÖ, Schwedendemokraten oder Geert Wilders PVV. Quer durch Europa feiern Protestparteien einen Wahlerfolg nach dem anderen. Ihre Wähler eint das Gefühl, von der politischen Klasse verraten und verlassen worden zu sein.

Klar, die Parteien unterscheiden sich. Die einen befeuern eher Anti-EU-Stimmungen, andere den Anti-Immigrations-Reflex. Alle aber sind sie enttäuscht über die wirtschaftliche Lage und die hohe Arbeitslosigkeit.

Nüchtern betrachtet müssen wir uns eingestehen: Die Enttäuschung und Unzufriedenheit sind begründet.

Die politische Klasse, die in den vergangenen 50 Jahren die repräsentativen Demokratien in Europa geführt hat, trägt die Verantwortung für den heutigen untragbaren Zustand: Die gut gemeinte Sozial- und Wohlstandspolitik lässt sich nicht mehr finanzieren. Die explodierenden Staatsausgaben ließen die öffentlichen Schulden auf über 100 Prozent der Bruttoinlandprodukte ansteigen. Und die Nutznießer einer Günstlingspolitik schenkten den immer mehr anbietenden politischen Eliten ihr Vertrauen. Sie verstehen nicht, wieso sie heute mit harten Sparmaßnahmen bestraft werden sollen, ihre Kinder keine Arbeit mehr finden und die Politiker ihre Versprechen nicht mehr einhalten können.

Die historischen Volksparteien antworten auf die neue Konkurrenz mit einer hochnäsigen Arroganz: Ungeachtet ihrer ideologischen Ausrichtung, verteidigen sie ihre Macht und versuchen den Protestparteien formell den Zugang in die Regierung zu versperren. Doch eine so große Anzahl von Protestbürgern hat das Recht, angehört zu werden und in den Regierungen vertreten zu sein.

Bei einem Mittagessen in der Bundeskanzlei in Wien hat Bundeskanzler Wolfgang Schüssel uns erzählt, wie er vom französischen Präsidenten Jacques Chirac und anderen Regierungspräsidenten in Brüssel als Paria behandelt wurde. Nur weil er Jörg Haider und seine Freiheitlichen in die Regierung eingebunden hatte. Die kurzsichtigen Politiker haben damals nicht verstanden, dass Schüssel Haider damit den Todesstoß verabreicht hatte.

Regieren ist in der heutigen komplexen Welt sicher schwieriger als kritisieren. Und es braucht Mut, um Fehler einzugestehen und damit das Vertrauen der Bevölkerung wiederzuerlangen. Unangenehme Fakten dürfen nicht mehr verschwiegen, sondern müssen auf den Tisch gelegt werden. Dazu braucht es Weitsicht und Überzeugungskraft.

Jahrelang erlaubte die Finanzpolitik auf internationaler Ebene nur das Verschieben der unvermeidlichen Strukturreformen. Nun kann das Establishment nicht mehr kneifen. Sicher sind die Lösungen der Protestparteien nicht die besten, aber man soll den Bürgern konkret zeigen, wie man aus der Sackgasse herauskommen will.