Fünfzig Cent pro Monat für die Müllabfuhr, sagt Raed Fares, da könne man nicht meckern. Trinkwasser sei auch billiger geworden, "das kostet jetzt nur noch fünf Dollar monatlich, seit wir die neue Wasseranlage gebaut haben". Strom? "Gibt es ein paar Stunden am Tag. Einige Leute betreiben Dieselgeneratoren, das ist ziemlich teuer." Aber unverzichtbar für den Betrieb von Radio Fresh FM in Kafranbel, dessen Gründer und Moderator Fares ist.

Und unverzichtbar für die Kommunikation mit der Welt da draußen. Die Skype-Verbindung für das Gespräch, das wir von Beirut aus mit ihm führen, ist stabil. Ein ziemlich robuster 42-Jähriger schaut da in die Kamera, mit vollem Haarschopf und Boxernase.

Kafranbel liegt in der Provinz Idlib im Norden Syriens nahe der türkischen Grenze. Bis 2011 lebten rund 30.000 Menschen in der Stadt, inzwischen sind 20.000 Binnenflüchtlinge dazugekommen. 2012 hatte die Freie Syrische Armee (FSA) das Militär des Assad-Regimes aus Kafranbel vertrieben, seither verwalten die Bewohner trotz regelmäßiger Luftangriffe ihre Stadt selbst. So gut es eben geht – und Fares findet, es geht recht gut.

Er hat die Bilder aus Deutschland gesehen, auf denen seine erschöpften Landsleute auf Bahnhöfen wie Marathonläufer begrüßt wurden und Angela Merkel mit Flüchtlingen für Selfies posierte. "Das hat mich gerührt." Aber selbst nach Europa aufbrechen? Er schüttelt den Kopf. "Flucht ist für mich keine Option." Für seine Mitbürger, glaubt er, auch nicht.

Vorvergangene Woche trat der neue Verwaltungsrat von Kafranbel seine Amtszeit an, jedes Wohnviertel ist in einem Nachbarschaftskomitee organisiert. In den Schulen läuft der Unterricht, Lebensmittel kommen aus eigenem Anbau oder aus der Türkei. Fares selbst verbringt viel Zeit im improvisierten Studio von Radio Fresh FM, das rund um die Uhr Nachrichten, Musik und Quizshows sendet und Fliegeralarm meldet.

Manchmal nicht rechtzeitig genug. Während unseres Gesprächs wackelt plötzlich das Bild der Skype-Kamera. Wir sehen nur noch Fares’ Füße. Er rennt mit seinem Laptop auf das Dach des Gebäudes und filmt die Rauchsäule einer mehrere Hundert Meter entfernten Explosion. "Ein russischer Angriff", kommentiert er hörbar kurzatmig. "Das erkennt man an der größeren Sprengkraft der Bomben. Nur damit Sie es wissen: Die nächste Stellung des IS liegt 100 Kilometer von hier entfernt. Die Russen attackieren nicht den Terrorismus, sondern uns." Wenige Minuten später sitzt er wieder in seinem Büro und schaut in die Kamera. "Wo waren wir gerade stehen geblieben?"

Dass es in Syrien selbst verwaltete Städte gibt, ist in den vergangenen Kriegsjahren fast untergegangen. Der "Islamische Staat" und das Assad-Regime beherrschen das Bild in den internationalen Medien. Die Zivilbevölkerung kommt nur noch als anonyme Masse von Opfern und Flüchtlingen vor.

Dabei waren die ersten lokalen Selbstverwaltungen schon bald nach dem Beginn des Aufstands im Frühjahr 2011 entstanden. In Daraa, Homs, Deir al-Sur, Rakka, Hama, Kafranbel, Kamischli, Suwaida, in den Vororten von Damaskus – überall dort, wo das Regime von der FSA vertrieben worden war oder die Stellung geräumt hatte. Irgendjemand musste ja Krankenhäuser, Schulen, Kläranlagen, Müllabfuhr, Feuerwehr und Zivilschutz weiterbetreiben. Für diese Experimente gab es damals viel Zuspruch aus dem Westen. Nennenswerte Unterstützung gab es nicht. Islamistische Rebellen wie auch der IS gewannen nicht nur aufgrund ihrer besseren Waffen oder ihrer Brutalität an Einfluss in den befreiten Gebieten. Sie konnten dank gut gefüllter Kassen auch Jobs, Lebensmittel und Medikamente anbieten – und der Bevölkerung dann ihre religiösen Vorschriften aufzwingen.