Was für ein Heuchlerix vor dem Herrn! Schon seit Jahren versucht er, Stimmung in Stockholm für sich zu machen und das Gremium für sich einzunehmen. 1929 kommt das Gerücht auf, der Dramatiker Arno Holz sei für den Preis im Gespräch. Thomas Mann ist alarmiert. Eine Wahl des deutschen Dramatikers erscheine ihm "absurd und skandalös". Nein, natürlich gehe es nicht um ihn. "Aber Holz?! Es wäre ein wirkliches Ärgernis, und man sollte wahrhaftig etwas dagegen tun." Gerhart Hauptmann wird eingespannt, Artikel werden in schwedischen Zeitungen lanciert. Thomas Mann wiederholt, eine "gewisse Narretei" dürfe nicht geschehen. Drei Tage später stirbt Arno Holz.

Am 12. November trifft das langersehnte Telegramm in München ein. Die jüngste Tochter Elisabeth darf es ihm ins sonst nicht zu betretende Arbeitszimmer bringen. Thomas Mann erhält den Nobelpreis für Literatur. Am Tag darauf klagt er in der Vossischen Zeitung, es liege ein Schatten der Melancholie auf der Ehrung. So viele andere Dichter hätten den Preis mindestens ebenso verdient. "Hatte nicht gerade Arno Holz ein Recht auf die Auszeichnung?"

Wer sich ein idealisiertes Bild vom Schöpfer des Zauberbergs bewahren will, der mache einen Bogen um die große Familienchronik Tilmann Lahmes; jeder andere besorge sie sich – ein aus den Quellen gearbeitetes, feinmaschig recherchiertes, in angenehmstem Parlando geschriebenes und taktsicheres Werk, das in keiner Handbibliothek mehr wird fehlen dürfen. Lahme zitiert viel aus noch ungedruckter Familienkorrespondenz, weshalb man Neues vor allem über die Kinder erfährt. Sein Verfahren ist streng chronologisch – ein Brettspiel, bei dem die Figuren abwechselnd so lange vorrücken, bis Madame La Mort sie aus dem Feld entfernt. Als Erstes zurück ins Kästchen muss der älteste Sohn Klaus, der im Mai 1949 seiner Todessehnsucht folgt; als Letzte die Autogramm-Überbringerin Elisabeth Mann Borgese im Februar 2002. Die Chronik beginnt 1922, sodass wir achtzig Jahre lang teilnehmen an den Schicksalen der gesegneten und geplagten Familie Mann.

Familien mit Therapiebedarf gibt es seit Evas Missbiss im Paradies. Allein die Spannungen zwischen Abel und Kain! Die Mannsche Familie, auch wenn es in ihr nicht zum Brudermord kam, war in fast biblischem Maße dysfunktional. Und das Oberhaupt war sich darüber nicht im Unklaren. Thomas Mann wusste, wen er im Blick hatte, als er in der Lotte in Weimar seinen Goethe vor der erschauernden Tischgesellschaft ein chinesisches Sprichwort anführen ließ, wonach der große Mann ein öffentliches Unglück sei.

Das Schicksal der Kinder zu verfolgen ist ein Graus. Unbeschadet kommt keines aus dem Palast der Schneekönigin; am ehesten noch Elisabeth, genannt Medi, die als Kindchen vom Vater besungen und verhätschelt wurde und sich im Alter um die Weltmeere und die Sprache der Tiere verdient macht – ihr Hund habe selbstständig und mit den richtigen Abständen auf der Schreibmaschine A BAD DOOG getippt; über das O zu viel wird man hinwegsehen dürfen.

Ein furchtbar armer Hund war die mittlere Tochter Monika, auch Mondkalb genannt, faul, hypochondrisch, überspannt und von der ganzen Familie abgelehnt. Das Mönchen sei so nutzlos wie die Ziervasen der Urgroßmutter, sagt die Schwester Erika über sie, und das war noch eines ihrer netteren Bonmots.

Michael, der Letztgeborene, genannt Bibi, ist als junger Mann schlichtweg missraten. Allein der nicht abreißende Strom seiner Bettelbriefe an die Mutter, die ihm, zur Eifersucht Erikas, nichts abschlagen kann; wenn es nicht der Bugatti ist, ein Dauerthema seiner frühen Jahre, dann ist es das neue Grammofon, mit dem man auch aufnehmen kann und das er sich dann doch unbedingt hat gönnen müssen. Die Weihnachtswunschliste, die er ihr im Kriegsjahr 1939 schickt, als die Welt in Flammen steht, beginnt: "Lederhandschuhe, Manschettenknöpfe, Hemden, Hosen, eine Lederweste, eine Joppe, Pantoffeln, einen Seidenpyjama", sie steigert sich über "feine Taschen- und Halstücher, eine Notenmappe (eine ›schöne‹), einen Notenständer, ein Grammophon, einen Geigenkasten, ein elektrisches Metronom, einen neuen Füllfederhalter, eine Armbanduhr" und endet in der Kadenz: "ein Feuerzeug, ›Soir de Paris‹ (ein Parfum), einen arabischen Teppich, ein Zigarettenetui ..."

Golo dagegen ist gramgebeugt, wenn er einmal zwanzig geliehene Dollar nicht gleich zurückzahlen kann. Er ist der imponierendste Charakter dieser Chronik, und nicht, weil Lahme, sein Biograf, ihn heimlich oder so offen bevorzugte, wie Tommy dies mit Erika und Medi tat. Der Hutzelzwerg, der hölzerne, hat Charakter. Er ist der Einzige, der ein eigenständiges Werk schaffen wird, abgerungen einer immer wieder aufflackernden Depression. Und er ist die einzige Stimme der Vernunft in Fragen der politischen Wirklichkeit. Sein Vater liegt verlässlich daneben und schafft es, wie Lahme nebenbei bemerkt, sich bei einer Prophezeiung über den Russlandfeldzug in zwei Sätzen gleich viermal zu vertun.

Golo ist auch der Einzige, der sich stilistisch vom Vater völlig ferngehalten hat und darum noch heute so gut lesbar ist. Sein älterer Bruder Klaus, drogenabhängig seit früher Jugend, immer wieder von Strichern erpresst und überfallen, immer von heillosen Plänen beseelt, die ihm die Eltern ausreden müssen, ein Unglücksrabe, der glaubt, dass die Welt ihm etwas schuldig sei, ist stilistisch ein mattes Imitat des Vaters; dabei oft klarsichtig, vor allem was eben den Vater betrifft, dessen kaltes Porträt in der Erzählung Unordnung und frühes Leid er sein Leben lang nicht verwinden kann, wie ein Briefentwurf von 1939 zeigt.