Seit jeher liegt die Kartografie mit der Realität im Clinch. Das Problem ist, dass die kugelförmige Erde nicht glatt gezogen werden kann wie ein Tischtuch. Auf einer Karte verzerren sich daher zwangsläufig die Dimensionen, wobei bestimmte Weltgegenden auf Kosten anderer mutwillig vergrößert werden und die Eskimos gegenüber den Europäern stets den Kürzeren ziehen. Dass Karten immer schon Fiktionen, dass sie die Werke von Autoren sind, hat den Künstler Stephan Huber nun zu einer radikal fiktiven Neuausgabe des Weltatlas ermutigt. Jedem Kind wird dieses Buch vertraut vorkommen, denn es gleicht dem Erdkundebuch in Format, Material und Typografie aufs Haar. Kaum ein Lehrer wird aber erklären können, wie sich auf der "Mentalstammbaummap" die Koordinaten der dort verzeichneten H. J. Syberberg, Heinrich von Kleist, Albert Camus und Muhammad Ali erklären oder was es mit den Strömungsverhältnissen auf sich hat, die um die "Île Michel" (Foucault) und die "Theodor-Insel" (Adorno) verortet sind. Das "Areal der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden", das "Energiefeld der moralischen Integrität" und die "Insel des liberalen Humanismus" – unfassbar penibel wurden solche Gelehrsamkeitsgebiete hier in die vertraute Darstellungsform der Landkarte übertragen. Man wird nicht klug aus diesem Buch. Man wird vielleicht verrückt. Aber auch nicht verrückter als über der Lektüre der Erzählung Von der Strenge der Wissenschaft von Jorge Luis Borges. Da geht es bekanntlich um einen Staat, der Karte und Gebiet vereinigen will und aus Gründen der Genauigkeit eine Karte im Maßstab 1:1 anfertigen lässt.