DIE ZEIT: Eltern wundern sich, dass es gar keinen Streit mehr ums Fernsehen gibt. Die Kinder glotzen nur noch auf ihre Handys, verbringen mehr Zeit mit YouTubern wie Ihnen als mit Hausaufgaben. Mütter und Väter stehen hilflos daneben und fragen sich: Wer sind diese YouTuber? Was tun die? Erklären Sie doch bitte einmal, was genau Sie auf YouTube machen.

Dagi Bee: Ich bin das neue Fernsehen für die Jugendlichen da draußen. Für Kids, Teenies, ein paar Erwachsene. Ich lade zweimal in der Woche Videos hoch, meist donnerstags und sonntags. Die Videos sind ungefähr fünf Minuten lang, und darin gebe ich Schmink- und Stylingtipps, mache ein bisschen Comedy. Ich bin alltäglicher Ratgeber und Entertainer.

Lars Paulsen: Ich mache politische Satire und produziere zwei Formate. Einmal die SRSLY Show, das ist eine Art Comedy-Late-Night. Dafür drehe ich ein Video pro Woche, das ist fünf Minuten lang. Außerdem mache ich einmal pro Woche ein Frage-Antwort-Format. Zuschauer fragen: Was sagst du zu TTIP? Was hältst du von harten Drogen? Wie nah gehen dir Hater-Kommentare?

ZEIT: Es gibt auf YouTube viele Kanäle, auf denen sich Kinder Mathe erklären lassen, lernen, wie man einen Song komponiert oder eine Hausarbeit schreibt. Ist das Ihr Anspruch – ein guter Lehrer zu sein?

Paulsen: Mein Anspruch ist es schon, Inhalte mit etwas mehr Tiefgang zu bringen. Andererseits ist nicht immer alles ernst gemeint, was ich sage. Eltern würde ich raten, sich meinen Channel anzuschauen, bevor sie ihren Nachwuchs darauf loslassen. Ich habe einen gewissen schwarzen Humor, und da sollte man schon entscheiden, ob die Kinder das sehen sollten.

ZEIT: Dagi Bee, sehen Sie sich als Pädagogin? Übernehmen Sie Erziehungsaufgaben?

Dagi Bee: Ich sehe mich nicht als Pädagogin. Das würde ich mir nie anmaßen. Dennoch bin ich mir meiner Vorbildfunktion und meines Einflusses auf meine Zuschauer bewusst. Ich betone häufig, dass die Schule wichtig ist und dass Hausaufgaben erledigt werden sollten, bevor man meine Videos schaut. Ich weiß, wie rebellisch Jugendliche sein können – ich war bestimmt auch nicht immer einfach. Bei Zuschauer-Events höre ich oft: "Mama, geh weg, du bist peinlich." Dann erzähle ich den Kids, wie dankbar sie sein können, dass ihre Eltern so geduldig sind und etwas mitmachen, was sie selbst gar nicht nachvollziehen können und wahrscheinlich sogar für bescheuert halten. Das ist in gewisser Weise ein kleines bisschen Erziehung.

ZEIT: Sie haben über zwei Millionen Abonnenten. Sie sind ein Star. Wie kam es dazu?

Dagi Bee: Es gab nie einen Plan. Das hat als Hobby begonnen, und nach meiner Ausbildung zur Industriekauffrau dachte ich: Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du machst YouTube zum ernsthaften Beruf, mit der Gefahr, es könnte in die Hose gehen, oder es bleibt ein Hobby. Meine Eltern waren nicht begeistert, aber sie haben gesehen, wie viel Spaß ich hatte, wie viel Bestätigung ich von meinen Zuschauern bekam.

ZEIT: Mit Schmink- und Stylingtipps scheint sich der Erfolg auf YouTube fast von alleine einzustellen. Sie haben 23.000 Abonnenten, Herr Paulsen. Ist Ihr Format zu anspruchsvoll?

Paulsen: Es kann sein, dass ich zu wenig real, also wahrhaftig, bin. Ich sitze eben nicht vor der Kamera, um den Fans mein Leben zu zeigen. Man kann mir nicht beim Kacken zusehen. Vielleicht ist das mein Problem. Wahrscheinlich ist es aber auch so, dass im Moment noch die Falschen auf YouTube unterwegs sind. Sehr junge Zuschauer können vielleicht noch nicht wirklich honorieren, was ich mache. Ich rede über die Fifa und Sepp Blatter, über Flüchtlinge, den VW-Skandal, die Gefahren von Virtual Reality. Das ist nichts, was 13-Jährigen durch den Kopf geht.

ZEIT: Um ganz ähnliche Themen geht es auch bei LeFloid, den spätestens seit seinem Interview mit Angela Merkel nun auch Eltern kennen. Er hat 2,7 Millionen Abonnenten. Woran liegt es, ob man auf YouTube ein Star wird? Am Talent?

Paulsen: Für YouTube braucht man überhaupt kein Talent. Man muss einen gewissen Nerv bei jungen Leuten treffen. Und es gibt ein paar einfache Mittel, von denen man inzwischen weiß, dass sie gut funktionieren. Alle "Stars" haben damit Erfolg. Vlogs zum Beispiel, da folgt mir der Zuschauer durch den Tag, sieht, wie ich einkaufe, Skateboard fahre, mich mit anderen YouTubern treffe. Oder Challenges, da erfüllt man Aufgaben, die zum Teil die Zuschauer stellen. Aber beides liegt mir nicht. Diese unironische Weise, mit dem Zuschauer zu reden, damit komme ich nicht klar. Für mich ist das Anbiederung. Aber es gibt da draußen viele junge YouTuber, die sagen: Ich will so erfolgreich sein wie Dagi Bee, und dann versuchen sie, alles genau so zu machen wie sie.

ZEIT: Das heißt?

Dagi Bee: Ich hab dafür kein Erfolgsrezept. Meine Zuschauer fühlen bei mir, dass ich wie eine Freundin kenne, was sie bedrückt: Probleme mit dem eigenen Körper, dem Aussehen, beim ersten Verliebtsein, Probleme mit den Eltern. Typische Teenager-Themen eben.