Einige Leute halten Rebecca Gomperts für gefährlich. Sie misstrauen ihr, schimpfen sie eine Piratin. Über diesen Vergleich hat die 49-Jährige lange nachgedacht: "Also wenn damit jemand gemeint ist, der Schiffe attackiert, um Gold von den Reichen zu stehlen und es an die Armen zu geben, dann bin ich das gewiss nicht", sagt sie. Wenn damit jedoch der Teil ihres Tuns gemeint sei, der an die ersten Offshore-Piratensender erinnert – die ihre Radiostationen teils auf Schiffen in internationalen Gewässern betrieben, weil sie an Land nicht senden durften –, "na ja", sagt sie dazu, "vielleicht bin ich dann doch eine Piratin".

Mit Schiffen kennt sich die Niederländerin jedenfalls aus. Und manchmal wird sie auch gejagt wie eine Gesetzlose. Als sie 2012 am Jachthafen von Smir an der marokkanischen Küste anlegte, zogen Polizei und Armee auf, um sie zu verscheuchen. Aufgebrachte Bürger protestierten gegen Gomperts und die Mitarbeiter ihrer Organisation Woman on Waves. Denn sie waren nach Smir gekommen, um ungewollt schwangere Frauen an Bord zu nehmen und ihnen auf hoher See zu einer sicheren Abtreibung zu verhelfen. In Marokko sind Schwangerschaftsabbrüche verboten, "auf meinem Schiff aber sind sie legal", sagt Gomperts. Dazu müsse sie nur zwei Stunden hinausfahren, bis in internationale Gewässer. Befinde sich das in den Niederlanden registrierte Schiff erst einmal dort, gelte an Bord niederländisches Recht. Und das ist bei Abtreibung besonders liberal.

Im Sommer schickte sie eine Drohne mit Abtreibungspillen nach Polen

Gomperts nutzt die Chancen einer globalisierten und mobilen Welt: Sie löst Probleme nicht, indem sie Gesetze bricht oder ändert – sie nimmt sie einfach mit an Orte mit anderen Regeln. So handeln Unternehmen, die Gewinne in Länder mit niedrigen Steuersätzen verschieben. So tun es Internetkonzerne, die ihre Daten dort speichern, wo die Gesetze ihren Vorstellungen entsprechen. Nur will Gomperts keine Profite damit machen. In den Niederlanden arbeitet nur eine Handvoll feste Mitarbeiter für Women on Waves, für jedes Projekt werden Teams neu zusammengestellt. Das nötige Geld kommt von Spendern, Frauen aus reicheren Ländern müssen für eine Abtreibung auch bezahlen.

Ähnliche Aktionen wie in Marokko führte Gomperts zuvor schon in Portugal, Spanien, Irland und Polen durch. Der portugiesische Verteidigungsminister schickte sogar ein Kriegsschiff in den Hafen von Figueira da Foz, um Gomperts zu vertreiben. "Sie wollten es so aussehen lassen, als wäre ich nicht willkommen", sagt sie. Dabei reise sie nur dann in Länder, sagt sie, wenn Frauen sie darum bitten. Längst nicht allen Wünschen kann sie nachkommen, aber oft wird sie ähnlich empfangen: Der Hass der Abtreibungsgegner schlägt ihr entgegen, Eier, Farbbeutel, Bilder blutverschmierter Föten. Einmal hielt ihr jemand eine tote Taube vors Gesicht. Dann wird sie Piratin geschimpft. Faschistin. Mörderin.

Es ändert auch nichts, dass Gomperts in jüngster Zeit nicht mehr per Schiff unterwegs ist. Mittlerweile verfolgt sie ihre Mission mit anderen, nicht weniger spektakulären Methoden und moderner Technik.

Doch zunächst einmal ist Gomperts approbierte Ärztin. Sie sitzt in einem Berliner Café, nippt an einer Limonade und wirkt mit ihrer zierlichen Figur gar nicht wie eine Piratin, eher wie eine Balletttänzerin. Sie ist hier, um sich mit ihrem deutschen Anwalt zu treffen. Mal wieder stehe sie mit dem Gesetz in Konflikt, erzählt sie; diesmal wegen einer Ladung Abtreibungspillen, die sie im Sommer von Deutschland aus per Drohne ins katholische Nachbarland Polen geschickt hat.

Während Gomperts sehr viel und sehr schnell erzählt, trägt sie zeitgleich auch noch einen sehr roten Lippenstift auf. Dann will sie aufbrechen, zu einem kleinen Spaziergang bis zur Anwaltskanzlei. Schließlich sei sie ja gerade eigentlich im Urlaub, sagt sie auf dem Weg, "ich vermische aber immer alles". Berufliches und Privates konnte sie noch nie gut voneinander trennen. Gomperts vermittelt schnell das Gefühl, dass Grenzen eben verschoben werden müssen, wenn sie nicht zum Leben passen. So ist das bei ihrer Organisation, aber auch bei ihr persönlich.

Die Tochter eines Ingenieurs und einer Lehrerin verbrachte ihre Kindheit in der niederländischen Hafenstadt Vlissingen. Später studierte sie Medizin und Kunst in Amsterdam. An der Kunst habe sie "das Unkonventionelle" gemocht, diese "Art, das Unmögliche zu denken", so erzählt sie auf dem Weg zum Anwalt. Noch während des Medizinstudiums, bei einem Praktikum in Guinea, assistierte sie zum ersten Mal bei einer Abtreibung. Das sei "unspektakulär" gewesen, erinnert sie sich, aber der Arzt habe mit einem löffelartigen Instrument die Gebärmutter der Frau ausgeschabt. "Eine völlig veraltete Methode, schon damals", sagt Gomperts. Sie praktiziere heute ausschließlich die medikamentöse Abtreibung mit einer "simplen Pille", wie sie sagt. Gemeint ist Mifegyne, die auch als RU-486 bekannt ist und seit 1999 in den Niederlanden und den meisten europäischen Ländern zugelassen ist.

Nach dem Studium arbeitete Gomperts zunächst als Radiologin und Chirurgin, erst dann ging sie in eine niederländische Abtreibungsklinik. Sie faszinierte, dass dort "ein besonderer Schlag Mensch" zu arbeiten schien.