Taveet Hinrikus höhnt über den großen Konkurrenten. "Western Union kassiert sogar mehr ab als die Banken, und die sind schon teurer als wir", sagt er. Hinrikus ist Este und "wir", das ist TransferWise, ein Start-up, das er mit seinem Geschäftspartner Kristo Käärmann vor vier Jahren gegründet hat. Angesiedelt in London, sagen sie Banken und großen Zahlungsdiensten den Kampf an, denn sie sind überzeugt: Geld lässt sich international günstiger überweisen als über Western Union oder MoneyGram. Unterstützt werden sie von Großinvestoren wie Sir Richard Branson, dem Mann hinter Virgin, oder Peter Thiel, der als Geldgeber von PayPal und Facebook reich wurde.

"Fairness" – darauf pocht Hinrikus. Alles begann, als er sich vor ein paar Jahren über seine Bank ärgerte. Damals erhielt er sein Gehalt in Euro in Estland, brauchte das Geld aber für sein Leben in London. Freund Käärmann verdiente Geld in London, muste aber eine Hypothek in Estland bedienen. Die beiden kamen auf eine Idee: Sie bezahlten sich gegenseitig. Hinrikus überwies in Estland Euro auf Käärmanns Konto, und der überwies in London Pfund an Hinrikus. Die Beträge rechneten sie zum Wechselkurs am Markt um. "Wir fühlten uns wie Sieger, hatten die Banken umgangen und mussten weder Gebühren zahlen, noch ärgerten wir uns über einen schlechten Wechselkurs", sagt Hinrikus. "Außerdem waren wir schnell. Warum dauern Überweisungen Tage, wenn eine E-Mail nur Sekunden braucht ?"

Eine Geschäftsidee war geboren. Hinrikus und Käärmann gründeten die Onlineplattform TransferWise, mit der heute Tausende Nutzer Geld ins Ausland überweisen. Es läuft gut bisher, das Unternehmen hat heute weltweit 400 Mitarbeiter und muss in London schon wieder umziehen, weil das alte Büro zu klein ist. Dort hocken Computerfreaks in Turnschuhen vor Bildschirmen, an der Wand prangt ein Graffito: "Good bye banks" . Inzwischen transferiert die Firma rund 700 Millionen Euro im Monat über Grenzen hinweg. "Wir wollen eines Tages Hunderte von Milliarden um den Erdball bewegen", sagt Hinrikus. Noch macht TransferWise Verluste. Aber die Jungunternehmer wollen erst einmal weiter wachsen. Bisher haben ihnen Investoren dafür 91 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.

TransferWise gilt zurzeit als eines der erfolgreichsten Fintechs, jener Firmen, die Finanzdienstleistungen mithilfe von Internet und Apps revolutionieren wollen. Auch TransferWise beruht darauf, dass seine Nutzer Zugang zu moderner Technologie haben – und genügend von ihnen mitmachen. Dann gibt es im Land des Senders und des Empfängers genug Überweisungsaufträge, die miteinander verrechnet werden können. Restbeträge kauft TransferWise zum offiziellen Wechselkurs ein. Doch dies fällt preislich nicht sehr ins Gewicht.

Heute werden Überweisungsaufträge meist binnen einer Stunde abgewickelt und zum Mittelwert des aktuellen An- und Verkaufskurses abgerechnet. Das ist deutlich besser als das, was Banken leisten. Der Sender zahlt bei TransferWise eine Gebühr von meist 0,5 Prozent, der Empfänger nichts. TransferWise sei bei Auslandsüberweisungen aus Deutschland bis zu sechsmal billiger als Banken, versichert Hinrikus. Wettbewerbsfähig ist die Plattform vor allem bei kleinen Beträgen, denn je größer der Betrag ist, desto mehr schmerzt die Gebühr von 0,5 Prozent. Der kleinere Konkurrent CurrencyFair wirbt mit ähnlichen Konditionen, verlangt aber, dass das Geld erst auf ein Konto von CurrencyFair überwiesen und dann auf den Weg gebracht wird. Bei TransferWise reicht es, die IBAN-Nummern des eigenen Bankkontos einzugeben, um zu überweisen.

Bisher funktioniert das Partnersystem von TransferWise nur in Großbritannien, in Ländern der Europäischen Währungsunion, der Schweiz, den USA, Japan und Kanada. Der durchschnittliche Überweisungsbetrag liegt unter 3.000 Euro. Zu den Kunden gehören eher junge, urbane Menschen aus Industriestaaten, Menschen, die über ein Bankkonto verfügen, ja verfügen müssen – was sie von vielen Kunden Western Unions unterscheidet.

Im Fall von Schwellenländern wie Indien, Nigeria oder den Philippinen gleichen sich die Geldströme nicht aus, weil Migranten zwar Milliarden dorthin überweisen, der Kapitalfluss nach Europa aber spärlich ausfällt. Dann muss TransferWise die Währungsbeträge am Markt einkaufen. Zudem ist das Unternehmen in diesen Ländern häufig auf die Hilfe der dortigen Banken angewiesen, das verursacht Kosten. Die Gebühren sind in diesen Fällen höher, betragen zwischen 0,7 und 2,0 Prozent.

Mittlerweile gibt es zig solcher Plattformen. Viele sitzen wie TransferWise in London, so Azimo oder WorldRemit. Einige sind für große Beträge konzipiert wie freemarketFX, andere konzentrieren sich wie peerTransfer auf die Überweisung von Studiengebühren, manche nutzen Swift, das teure Kommunikationssystem der westlichen Bankenwelt. Ein schneller Preisvergleich ist häufig schwer – oft werden Gebühr und Wechselkurs erst angegeben, wenn man sich registriert hat und das Geld wirklich überweisen will.