Das waren Zeiten, als Pop noch als Fast Food unter den Künsten durchging: heute konsumiert, morgen schon wieder vergessen. Inzwischen ist der Angriff der Vergangenheit auf den restlichen Teil der Zeit so weit vorangeschritten, dass das Alte das Neue aus den Charts verdrängt. Die Spitzentitel der Herbst-Winter-Saison: Kurt Cobain mit Demoversionen seiner großen Hits sowie die Beatles, die, lässt Sir Paul McCartney ausrichten, auf vielfältigen Wunsch zu dem Entschluss gelangt sind, ihre Nummer-eins-Singles samt zugehöriger Promotionvideos erstmals "im 5.1 Dolby Digital und DTS HD Surround Audio Mix" herauszubringen. Wow! Der Konkurrenz einen Schritt voraus allerdings ist wie so oft Bob Dylan.

Nur auf den ersten Blick ähnelt die zwölfte Ausgabe seiner Bootleg Series, mit der er dieses Jahr ins Vorweihnachtsgeschäft platzt, den vielen Schmuck- und Prachteditionen für den gehobenen listening- Bedarf. Neues Material wird zwar nicht geboten, wie seine Vorgänger versammelt The Cutting Edge Outtakes, Erstfassungen und Alternativversionen, diesmal aus den Jahren 1965/66, als er den Rock ’n’ Roll in seiner modernen Form quasi im Alleingang erfand. Dylan als Nachlassverwalter zu Lebzeiten: Alles muss raus. Neu sind die editorischen Maßstäbe, die hier gesetzt werden. Mit digitalen Nachbearbeitungen und ähnlichem Schnickschnack hält Dylan sich gar nicht erst auf. Statt sich dem Zeitgeschmack anzudienen, lässt er vor versammelter Mannschaft die Hosen runter.

The Cutting Edge zeigt den Künstler als jungen Studioartisten. Der Auftritt beim Newport Folk Festival, wo er sich erstmals mit elektrischer Gitarre zeigte, liegt bereits hinter ihm, gleich wird er die Welt mit einer Reihe von Geniestreichen erschüttern. Welche Schockwirkung Mitte der Sechziger von den in rascher Folge veröffentlichten Alben Bringing It All Back Home, Highway 61 Revisited und Blonde on Blonde ausging, haben Dylanisten, Dylanologen und andere Fachkräfte hinlänglich beschrieben oder besser gesagt: beraunt.

Jetzt, da wir erstmals Einblicke in den konkreten Produktionsprozess gewinnen, wird klar: Auch Dylan ist nur ein Arbeiter im Steinbruch des Rock. Er verschleppt das Tempo, er vergeigt das Metrum, er tastet nach dem einen magischen Moment, in dem ein nicht selten müder Song abhebt. Oft passiert es, manchmal auch nicht.

Das in einem Rutsch eingespielte Rainy Day Women 12 & 35 bleibt die Ausnahme. Tombstone Blues braucht neun Takes, bis es endlich im Kasten ist, Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again vierzehn. Und dann sind da noch die zwanzig Versionen von Like A Rolling Stone . Es lahmt, das Stück, man glaubt nicht recht, dass sich aus dem Walzertakt der Urfassung jemals etwas entwickeln wird – bis er bei Take vier plötzlich da ist, der Über-, der Jahrhundertsong, doch die Band merkt es nicht, sie schiebt noch eine Reihe verdaddelter Varianten hinterher. Damit wir uns nicht verloren fühlen in diesem Konvolut aus Anfängen, Aufschwüngen und Abbrüchen, informiert ein Begleitband über die Hintergründe jedes einzelnen Songs samt Besetzungsliste, Einspieldatum und Position im Gesamtwerk. Näher ist bislang keine Popedition an eine historisch-kritische Ausgabe herangekommen.

Nun war Dylan schon immer ein Meister im Spiel mit medialen Darreichungsformen: Er hat Bücher geschrieben, den ersten Videoclip der Popgeschichte gedreht und sich als Radiomärchenonkel betätigt. Nirgends jedoch wird seine Arbeitsweise so plastisch wie hier: das bewusstseinsstromartige seiner Texte, die Indienstnahme von Zufällen, das Cut-up-Verfahren, mit dem er Themen und Genres mischt. Es sind Techniken der literarischen Avantgarde, die er ins Format Rocksong überträgt. Der Unterschied zu seiner heroischen Phase liegt in der Geste: Während er früher mit fiebriger Energie in die Zukunft preschte, beugt er sich mittlerweile nachsichtig über den arroganten jungen Mann, der er einmal war. Wenn seine Theme Time Radio Hour sich als getarnte Poetikvorlesung verstehen lässt, sind die Bootleg Series der Versuch eines fortlaufenden Werkstattberichts.

Offenbar ist es das Bedürfnis, die Geschäfte zu ordnen, das ihn auf seine alten Tage umtreibt. Zeit wird es: Die Gicht, heißt es, habe seine Finger so stark im Griff, dass er Schwierigkeiten beim Halten der Gitarre hat. Kein Wunder, wenn selbst die Originalalben, die er unter dem Namen Bob Dylan herausbringt, wie Varianten bereits veröffentlichter Alben klingen. Doch auch dieser Befund muss als vorläufig betrachtet werden. Zum einen ist, seinen eigenen Anstrengungen zum Trotz, längst nicht alles, was er im Lauf einer über fünfzigjährigen Karriere aufgenommen hat, veröffentlicht. Und zum anderen steht er noch immer (fast) Abend für Abend auf der Bühne. Never ending Bob: Als Performer wälzt Dylan die Traditionen, die ihn hervorgebracht haben, um und um. Es ist seine Art, sie am Leben zu halten.

Was seine Archivgrabungen von Ausgaben letzter Hand trennt, ist der private Charakter des Unternehmens. Eine Institution wie das Marbacher Literaturarchiv, wo Nachlässe in ihrer Gesamtheit einsehbar sind, gibt es auf dem Gebiet des Pop bislang nicht, was unter welchen Umständen das Licht der Welt erblickt, entscheidet bis heute der Markt. Dass die zwölfte Lieferung der Bootleg Series ihre Käufer finden wird, steht außer Frage: Kunden, die diesen Artikel bestellt haben, haben sich auch schon für die neue Beatles-Box interessiert. Wie es mit dem Editionswesen als solchem weitergeht, bleibt vorerst offen. Noch sind wir Popkritiker nicht vollends Philologen. Der Weg dorthin allerdings ist geebnet.