China ist der Musterschüler. Kein anderes Land hat in den vergangenen Jahren so viel zum weltweiten Kampf gegen Armut beigetragen wie China. Liegt das womöglich an der rigiden Geburtenkontrolle? War die Einkindpolitik brutal – aber in diesem Sinne ein Erfolg? Hohe Geburtenraten sind schließlich ein typisches Problem armer Länder. Peking schaffte es, die Geburtenrate zu senken und zeitgleich die Zahl der Armen.

Im Jahr 1990 galten 61 Prozent aller Chinesen als extrem arm, heute sind es nur noch 4 Prozent. Diese Zahlen stammen von den Vereinten Nationen (UN), die als "extrem arm" einstufen, wer von weniger als umgerechnet 1,25 Dollar am Tag leben muss. Dabei sind die Inflation und nationale Kaufkraftunterschiede berücksichtigt. Laut den UN ging die Zahl der Armen in den vergangenen 25 Jahren weltweit zurück, von 1,9 Milliarden auf 800 Millionen – vor allem dank China, das für etwa drei Viertel des Rückgangs verantwortlich ist.

Die Frage ist allerdings, ob die Einkindpolitik dafür entscheidend war. Zwei Gründe sprechen dagegen. Erstens: Die Geburtenrate ist nach Verkündung der Einkindpolitik zwar gesunken, von 2,7 Kindern pro Frau im Jahr 1981 auf 1,7 im Jahr 2013. Aber sie ging schon vorher drastisch zurück (1970 waren es 5,5 Kinder pro Frau!). Das zeigen Daten der Industrieländerorganisation OECD.

Zugleich ließ das Bevölkerungswachstum auch in anderen Entwicklungsländern stark nach – ohne eine harsche Geburtenkontrolle wie in China. In Korea ging die Rate von 2,6 auf 1,2 Kinder zurück, in Thailand von 3,2 auf 1,4 und in Vietnam von 4,9 auf 1,7.

Zweitens ist der Zusammenhang zwischen hohem Bevölkerungswachstum und Armut gar nicht so eindeutig, wie es intuitiv erscheint. Als Peking seine Ein-Kind-Norm verkündete, fürchteten viele Politiker und Experten, dass Länder mit rasch wachsender Bevölkerung Probleme bekommen könnten, alle Bürger zu versorgen. Angesichts der "Bevölkerungsexplosion" seien Armut und Elend unausweichlich. So dachten damals viele, nicht nur in der chinesischen Führung. Doch obwohl heute etwa 2,5 Milliarden mehr Menschen auf dem Planeten leben als 1980, nahm die Armut nicht zu, sondern ab.

Es sei "das Gegenteil" dessen eingetreten, was "Untergangspropheten" seit Anfang der sechziger Jahre beschworen hätten, schreibt der gerade mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnete Ökonom Angus Deaton. In seinem Buch über die Armutsentwicklung – The Great Escape, grob übersetzt: das große Entrinnen – schildert der Harvard-Professor verbreitete Denkfehler. So dächten viele, ein zusätzliches Kind bedeute schlicht einen Esser mehr am Tisch. Wachsende Armut sei daher bloß eine Frage der Arithmetik. Dagegen setzt Deaton den Spruch: "Mit jedem Mund kommen auch zwei Arme hinzu." Das sei zwar, warnt der Nobelpreisträger, auch noch zu einfach gedacht, aber es käme der Wirklichkeit schon näher. Am wichtigsten seien wahrscheinlich nicht einmal die zwei Arme, sondern das zusätzliche Gehirn – jede neue Idee, jede neue Erfindung könne das Leben von Millionen Menschen verbessern. Der technische Fortschritt mache es möglich, viel mehr Menschen zu versorgen als jemals erwartet.

Dass arme Länder oft eine höhere Geburtenrate als reiche Länder aufweisen, dürfte nicht zuletzt auch eine Wirkung der Armut sein und nicht nur ihre Ursache. Wo die Kindersterblichkeit groß ist, wo die soziale Sicherung im Alter gering ist und wo es wenig andere Wohlstandsperspektiven gibt außer Kinderreichtum, bekommen Menschen gerade aufgrund der schlechten Verhältnisse mehr Kinder. Mit steigendem Wohlstand sinkt dann eher die Geburtenzahl.

Dass ein Staat Anreize setzt, mehr oder weniger Kinder großzuziehen, könne richtig sein, meint Armutsforscher Deaton. Allerdings müssten demokratische Beschlüsse dahinterstehen, nicht Diktatoren oder wohlmeinende Entwicklungshelfer. Entsprechend klar urteilt der britische Wissenschaftler über Chinas Einkindpolitik. "Durchgesetzt von einem undemokratischen Regime, inspiriert durch westliche Sorgen vor Überbevölkerung", schreibt er, "stellt sie eines der schlimmsten Verbrechen dar, die eine moderne Regierung an ihrem Volk begangen hat." Stimmen Deatons Analysen, dann war dieses Verbrechen nicht einmal nötig, um die Armut zu verringern.