Als Clemens Tönnies beschließt, ein guter Mensch zu werden, ist er umgeben von sterbenden Schweinen. Mit schnellen Schritten läuft er durch seinen Schlachthof in der ostwestfälischen Stadt Rheda-Wiedenbrück, während in einer der Hallen die Tiere getötet werden. Hunderte Schweinehälften schieben sich auf Bändern an ihm vorbei. Aber Tönnies hat nur Augen für Sigmar Gabriel, den Bundeswirtschaftsminister. Tönnies packt Gabriels Arm und zieht den Minister hinein in sein Lebenswerk, in die Fabrik, die Tönnies reich gemacht hat. Beide Männer haben sich weiße Schutzanzüge übergezogen, von Weitem sehen sie aus wie Astronauten.

Clemens Tönnies ist 59 Jahre alt und der größte Schweineschlachter Deutschlands. Weltweit beschäftigt er rund 10.000 Menschen. Das Fleisch lässt er nach China und Korea exportieren, in die USA, in 80 Länder. Sein Vermögen wird auf eine Milliarde Euro geschätzt. Tönnies steht auch an der Spitze des Aufsichtsrates von Schalke 04, er ist der Boss des Vereins. Es war Tönnies, der den Fußballclub an den Sponsor Gazprom gebunden hat, den russischen Energiekonzern, den Wladimir Putin als Waffe seiner Außenpolitik einsetzt.

Seit Kurzem aber hat Tönnies ein Problem, das größer und größer wurde und nicht mehr zu vertuschen ist. Dieses Problem ist der Grund, weshalb an einem verschneiten Februarmorgen dieses Jahres der Wirtschaftsminister in seine Dienstlimousine stieg und sich zum Schlachthof fahren ließ.

Das Problem sind die Tausenden Arbeiter aus Polen, Rumänien und Ungarn, die an den Bändern in der Fabrik stehen und Schweine aufschneiden. Sie arbeiten bei knapp über null Grad, sie frieren, und sie verdienen in der Stunde nur wenige Euro. Diese Menschen haben Tönnies reich gemacht.

"Eine Schande für Deutschland" nennt Sigmar Gabriel das System der Ausbeutung. Die Arbeiter müssten ordentlich bezahlt und untergebracht werden. Gabriel will, dass in der Fleischindustrie eine Bewegung des Anstands entsteht, und er sucht dafür Unternehmer, die mitziehen. "Wenn ich einen Schwachpunkt habe, gehe ich da dran. Dafür ist Tönnies bekannt. Aus. Punkt. Ende", sagt Tönnies zum Minister.

Wenige Tage zuvor hat der Schlachter eine ehrenamtliche Ombudsfrau damit beauftragt, sich um die Nöte seiner ausländischen Arbeiter zu kümmern. Sie ist rothaarig, sie ist deutsch, und sie hält sich pausenlos in Tönnies’ Nähe auf. Wie die Arbeiter untergebracht sind, habe sie sich noch nicht angesehen, sagt sie, aber das werde sie noch heute ändern. Tönnies patscht ihr jovial auf den Arm.

Zusammen mit dem Minister betritt Tönnies die Kantine, in der sich Hunderte Arbeiter aus Osteuropa versammelt haben. Er ruft: "Ich lade Sie ein, bleiben Sie bei uns! Bewerben Sie sich um feste Stellen!" Die Arbeiter applaudieren ihm, obwohl sie ihn nicht verstehen.

Danach steigen Gabriel und Tönnies aus ihren Schutzanzügen und stellen sich in einem Raum auf, in dem schon die bestellten Journalisten warten. Noch wurde nichts mit dem Minister offiziell vereinbart. Aber Tönnies erklärt, die Fleischindustrie werde sich bessern. Gabriel erklärt, Tönnies werde die Bewegung der Sauberkeit anführen. Die Bild-Zeitung wird am nächsten Morgen titeln: Bündnis gegen Dumping-Löhne.

Es ist ein vielversprechender Tag für den Schlachter, sogar den Wirtschaftsminister hat er auf seiner Seite. Clemens Tönnies, König der Schweine, als Vorkämpfer für eine anständige Arbeitswelt – das wird ein interessantes Experiment.

Die Rumänin Mihaela C. hat vom Besuch des Ministers an diesem Februarmorgen nichts mitbekommen, sie hatte Nachtschicht. Als Gabriel in einen Hubschrauber klettert und sich zurück nach Berlin fliegen lässt, schläft sie noch. Erst um fünf Uhr früh war sie von der Arbeit zurückgekommen. Ihr Bett steht hinten links in einem Zimmer, das sie sich mit drei anderen Frauen teilt. Die Schaumstoffmatratze ist durchgelegen, es riecht muffig. Mihaela C. schläft unruhig, wie so oft. Dauernd hört sie das Schlagen von Türen im Korridor, ihre Mitbewohnerinnen arbeiten in unterschiedlichen Schichten.

Nach ein paar Stunden steht Mihaela C. auf und wartet, bis sie an der Reihe ist, ins Bad zu gehen. Sie wäscht sich schnell, draußen vor der Tür wartet schon die Nächste. Für ein Frühstück bleibt kaum Zeit. Acht Frauen leben in der Zweizimmerwohnung, sie teilen sich fast alles, auch den Kühlschrank, und alle schneiden Fleisch für Tönnies. Die Frauen streiten oft, das bleibt nicht aus, es ist viel zu eng.

Mihaela C. blieb keine Wahl. Ihr Arbeitgeber hat diese Wohnung im Hinterhof einer Durchgangsstraße in Gütersloh für sie ausgesucht, sie musste dort einziehen. Das ist das übliche Verfahren. Bei anderen Arbeitern, die in der Fleischfabrik anfangen, läuft es ähnlich ab: Den Job und die Unterkunft, das gibt es für viele Arbeiter nur zusammen.

Mihaela C. ist 39 Jahre alt, eine zierliche Frau mit feinen, mädchenhaften Gesichtszügen. In mehreren Gesprächen, die meist in der Kanzlei ihres Anwalts Knut Recksiek in Bielefeld stattfinden, erzählt sie der ZEIT nach und nach ihre Geschichte. Stockend gibt sie Auskunft, in knappen Sätzen, immer wieder bricht sie in Tränen aus. Es dauert eine Weile, bis sie ihre Angst davor überwindet, über die vergangenen Monate zu sprechen.