Wo sollen all die Flüchtlinge wohnen, die Deutschland gerade aufnimmt? Während Städte Zelte aufschlagen und einander im Streit um Wohncontainer überbieten, geben viele Bürger auf diese Frage eine einfache Antwort: Nicht bei uns.

Nicht bei uns, in Hamburg-Harvestehude, Blankenese und Klein Borstel. Nicht bei uns, in Lübeck-Bornkamp, in Dresden-Laubegast. Es ist eine veritable Bewegung geworden, sie hat ihre Zentren in wohlhabenden, ja reichen Stadtteilen, sie wächst, sie ist erfolgreich. Allein in Hamburg geht es inzwischen um Unterkünfte für Zehntausende.

Nicht bei uns, das ist keine großzügige Haltung, aber sie ist verständlich. Wer viele Männer auf knappem Raum zusammensperrt, der provoziert Streit, Lärm und nächtliche Polizeieinsätze. Wenn Hunderte von Neuankömmlingen in ein Wohngebiet ziehen, wird es dort in Kindergärten und Schulen eng. Verständlich also, dass Bürger sich in einen negativen Standortwettbewerb begeben. Wo Behörden Vertriebene unterbringen wollen, da werden Bebauungspläne gewälzt und Anwälte konsultiert, da richten sich die Augen auf freie Flächen in benachbarten Stadtteilen: Warum bei uns und nicht dort?

Die Nicht-bei-uns-Initiativen dürfen sich nicht durchsetzen

An dieser Stelle allerdings muss das Verständnis enden. Wo sollen Flüchtlinge wohnen? Wo sie Arbeit finden, natürlich, und dort, wo ihre Kinder auf Spielplätzen und in Kitas die Sprache ihrer neuen Heimat aufschnappen. Die Wohnblocks und Stadtteile, die heute für Flüchtlinge geplant und gebaut werden, stehen auch in fünfzig Jahren noch. Ob sie Zuwanderern Chancen bieten oder sie dauerhaft zu Ausländern machen, das entscheidet sich jetzt.

Oft ist es schon entschieden – und die Regeln der neuen Verteilungskämpfe tragen dazu bei. Nicht wenige Bewohner teurer Wohngebiete können sich auf ein einklagbares Recht auf fast oder völlig flüchtlingsfreie Nachbarschaften berufen. Es handelt sich um Baurecht, um Details von Bebauungsplänen. Hier ist eine Lage "besonders hochwertig", dort ist sie, nun, nicht minderwertig, aber eben nicht ganz so hochwertig. Solche Bestimmungen haben Gesetzeskraft. Zusammen mit einer mittlerweile gefestigten Rechtsprechung, nach der das Dasein von Flüchtlingen in betreuten Unterkünften kein wirkliches Wohnen ist, mithin eher eine Art von Gewerbe, schützen sie die Refugien der Besitzenden wirksamer vor unerwünschten Zuwanderern, als Zäune und Wachen es könnten.


Natürlich ist ein solches Recht ein Anachronismus. Seine wichtigste Voraussetzung ist ja nicht mehr erfüllt: dass es für all das, was die Planer den besseren Gegenden ersparen wollten, auch anderswo genug Platz gibt. Für Tankstellen und Kaufhäuser mag das zutreffen, für Flüchtlingsunterkünfte sicher nicht. Solange dieses Recht aber gilt, nehmen seine Nutznießer es wahr – umso ungenierter, als sie ihre Ansprüche nicht öffentlich begründen müssen. Für das Gericht findet ein Anwalt die richtigen Worte, für die Öffentlichkeit genügt der Hinweis, man bestehe nur auf seinem guten Recht und habe im Übrigen nichts gegen Ausländer.


Man mag das ärgerlich oder menschlich finden, entscheidend ist: Die Nicht-bei-uns-Initiativen dürfen mit dieser Strategie nicht durchkommen. Wer sie gewähren lässt, der lässt die Bewohner der ärmeren Gebiete mit den Integrationsproblemen von heute und morgen allein. Der zwingt Flüchtlinge, ihre Kinder als Ausländer unter Ausländern großzuziehen. Und der missachtet die Hilfsbereitschaft vieler Bürger, die ebenfalls in teueren Gegenden wohnen, aber keinen Wert darauf legen, dort unter sich zu bleiben. Das reiche Hamburger Villenviertel Harvestehude zum Beispiel ist seit einer Klage gegen Flüchtlinge zu Unrecht als Wohnort rücksichtsloser Egoisten verschrien. Dabei leben dort nur vier Kläger, während Hunderte ihrer Nachbarn als ehrenamtliche Paten, Deutschlehrer, Ausbildungsbegleiter und Traumatherapeuten für Flüchtlinge bereitstehen.

All dies sind Chancen. Sollen sie nicht vertan werden, muss der Bund das Baurecht ändern. Ja, es wird dann lauter, ungemütlicher, weniger behaglich in einigen Ecken von Wohlstandsdeutschland. Dafür wachsen dort dann Kinder auf, denen die Wirklichkeit der Globalisierung nicht nur aus dem Sozialkundeunterricht vertraut ist. Das muss man nicht schlimm finden.

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