Wir waren sehr klein und sehr viele, wir waren in Barmbek. Liefen von der Sophienschule aus einmal um den Block, dem Spielmannszug hinterher, und in unseren Gesang mischte sich das Geheul jener Kinder, die es jedes Jahr an Sankt Martin schafften, ihre Laterne abzufackeln. Am Ende, zurück auf dem Hof, verteilte ein Schulleiter mit dem unvergesslichen Namen Busenbender Quarkhörnchen. Das war gut. Allerdings gab es jedes Jahr nur halb so viele Hörnchen wie Kinder. Wir mussten teilen – wie Sankt Martin einst seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hatte, so sagten uns die Eltern.

Das Teilen war, seien wir ehrlich, nicht so gut. Es wäre besser gewesen, das ganze Hörnchen allein zu essen.

Mit den Jahren akzeptierten wir es aber, wir lernten zu teilen. Lernten wir wirklich? Oder hörten wir einfach irgendwann auf, Laterne zu laufen?

Am 11. November ist wieder Martinstag. Wie jedes Jahr an diesem Datum werden Kinder mit Laternen durch die Stadt laufen, viele von ihnen singen dann von dem Mann, den vor 1700 Jahren angesichts eines frierenden Bettlers so das Erbarmen packte, dass er seinen Mantel in zwei Hälften teilte und eine verschenkte.

Vermutlich ist Sankt Martin damit der angesagteste Heilige unserer Tage. Erbarmen haben, Kleider verschenken, das wird ja gerade groß geschrieben. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen ihm und den meisten von uns: Martin schenkte dem Mann in Lumpen einen Teil der Kleidung, die er in jener eiskalten Nacht eigentlich selbst brauchte. Er verschenkte keine überflüssigen Mäntel, die er eh schon lange nicht mehr getragen hatte. "Sankt Martin mit dem Schwerte teilt / den warmen Mantel unverweilt", singen die Kinder bis heute, bevor sie Quarkhörnchen oder inzwischen wahrscheinlich irgendwas Zuckerfreies teilen.

Ihre Umzüge laufen auf seltsame Art den Umzügen und Versammlungen vieler Erwachsener entgegen, die gerade für das Gegenteil aufstehen: dafür, nicht teilen zu müssen. Erst am vergangenen Samstag trafen sich 500 Menschen im Namen der AfD am Hauptbahnhof und forderten: "Asylchaos stoppen".

Wenige Tage zuvor hatten Anwohner Klein Borstels vor Gericht einen Baustopp für eine Unterkunft für 700 Flüchtlinge in ihrem Viertel erwirkt. Sie seien ja nicht prinzipiell gegen Flüchtlinge, betonen sie. Aber 700, das sei zu viel. Außerdem wollten sie beim Bau nicht durch die Anwendung von Polizeirecht überrumpelt werden.

Ähnlich argumentieren Bürger in Rissen, in Harvestehude, in Bahrenfeld und jüngst in Neugraben-Fischbek, wo der Senat 4000 Flüchtlinge unterbringen will: Sie wollten ja teilen. Es möge nur nicht ganz so schmerzhaft sein.

Diese Einstellung kann man nun gut oder schlecht finden, vor allem aber muss man sie akzeptieren. Es liegt im Wesen des Teilens, dass es ohne Zwang geschieht – sonst wird es zum Umverteilen.

Das Offenbarwerden der engen Grenzen des Freiwilligen wirft allerdings die Frage auf, ob unsere stolz vor uns her getragene Toleranz nicht in Wirklichkeit versteckte Gleichgültigkeit ist – die genau in dem Moment endet, in dem wir die Konsequenzen der Toleranz persönlich zu spüren bekommen. Sind wir in Wirklichkeit nur solange zum Teilen bereit, wie das Teilen uns nicht wehtut?