Dies ist eine besondere Woche in der Flüchtlingskrise. Zum ersten Mal seit zwei Monaten hat sich der politische Ton nicht noch weiter verschärft, auch wenn er noch immer scharf ist, manche schreiben und reden einen Ausnahmezustand herbei, das sind die Leute mit schwachen Nerven oder großer Angstlust. Doch dahinter sortiert sich gerade die Vernunft neu.

Vordergründig liegt diese relative Ruhe an einer parteitaktischen Übung in der großen Koalition. Endlich verläuft der Hauptkonflikt nicht mehr zwischen den Unionsschwestern, sondern, wie es sich gehört, zwischen Roten und Schwarzen. Zudem spürt ein jeder, dass es auch da eine logische Brücke gibt: Transitzonen und Einreisezentren, da werden sie sich doch wohl einigen können.

Zwar ändern politische Beschlusslagen zunächst nichts an der Wirklichkeit, weder an der Zahl der Flüchtlinge noch an der Überfüllung von Turnhallen. Gleichwohl eröffnet diese Woche einen ersten Blick darauf, wie ein großer, tragfähiger Konsens in der Flüchtlingspolitik aussehen könnte.

Deutschland hat sich quasi hinter dem Rücken der Akteure auf eine neue flüchtlingspolitische Staatsräson, bestehend aus zwei Teilen, geeinigt: 1. Alles muss getan werden, damit niemals deutsche Grenzpolizisten auf unbewaffnete Flüchtlinge schießen müssen. 2. Ein unkontrollierter Zuzug in der Größenordnung dieser Monate muss verhindert werden.

Das ist noch nicht viel, weil es die Frage nach dem Wie nicht beantwortet, es schließt nur schon mal diejenigen aus, die Gewalt für eine Option halten und die den Zuzug ganz stoppen wollen, sowie auf der anderen Seite jene, die sich weigern, über begrenzende Faktoren überhaupt nachzudenken.

Lesen sie zum Thema Flüchtlinge im ZEIT-Feuilleton eine Reportage von Moritz von Uslar aus Passau

Doch auch zur großen Frage nach dem Wie gibt es zwischen den staatstragenden Parteien eine neue Einigkeit, die noch nicht ausgesprochen wurde und von Horst Seehofer bestimmt ultimativ bestritten würde. Sie lautet, auf eine Formel gebracht, so: Schwellen statt Mauern.

Überall werden zurzeit Schwellen gebaut oder erhöht. Zunächst einmal für die Flüchtlinge, die schon hier sind, aber keine Aussicht auf Anerkennung haben. Sie sollen schneller abgefertigt und abgeschoben werden. Doch auch für die aussichtsreicheren Flüchtlinge wird es schwieriger, unter anderem sollen Sachleistungen Geldzahlungen ersetzen; sodann müssen sie es sich gefallen lassen, innerhalb Deutschlands oder der EU umverteilt zu werden. Eine dritte Schwelle ergibt sich aus verschärften Grenzkontrollen, bis hin zu punktuell bezaunten Einreisetrichtern, um mal den Begriff Transitzone zu vermeiden. Die vierte Schwelle stellen besser kontrollierte EU-Außengrenzen dar, sogenannte Hotspots inklusive.

Auch der Pufferstaat Türkei – fünfte Schwelle – soll Flüchtlinge besser kontrollieren, besser integrieren und besser versorgen, mit massiver europäischer Hilfe. Gleiches gilt für Jordanien und den Libanon. Um die Kosten dafür berappen zu können, hat die Bundesregierung ihre schwarze Null schon heimlich in einer stillen Zeremonie im engsten Koalitionskreis zu Grabe getragen. Schließlich, sechste Schwelle, wird daran gearbeitet, den Leidensdruck der Menschen in den Ursprungsländern der Flucht erträglicher zu gestalten, ohne Zweifel die schwierigste und langfristigste Aufgabe.

Sicher wird es über die konkrete Ausgestaltung dieser Schwellen immer wieder Streit geben, die Realisierung dürfte mitunter sehr schwierig werden, doch am gemeinsamen politischen Willen ändert das nichts – Deutschland und Europa gehen eine Wette ein: Wir schaffen es, mit diesen sechs Schwellen die Kontrolle zurückzugewinnen und die Zahl der Flüchtlinge auf fortgesetzt hohem Niveau zu begrenzen, um harte Mauern zu vermeiden und lebensgefährliche Fluchtwege überflüssig zu machen. Sollte sich im nächsten Jahr erweisen, dass diese Wette nicht aufgeht, dann muss neu nachgedacht werden, auch dieser Hintergedanke gehört zur Einigkeit.

Das wäre nicht nur ein denkbarer Konsens, es wäre auch der einzige. Alle anderen Vorgehensweisen würden Deutschland und erst recht die EU entzweien. Mauern spalten, Schwellen nicht.