Als wir noch jubelten

Gegenüber vom Dortmunder Hauptbahnhof liegt das neue Deutsche Fußballmuseum wie ein riesiges Schiff. Es steht so absurd groß da, als habe es Klaus Kinski wie in Fitzcarraldo aus dem Meer durch den Ruhrpott gezogen und hier abgestellt.

Am Abend der Eröffnungsgala führt ein langer roter Teppich ins Museumsschiff, auf dem fast nur ältere Männer in schwarzen Anzügen stehen. Manche sprechen mit ernsten Mienen, manche mit aufgeregten Skandalgesichtern in Mikrofone. Ich höre immer wieder die gleiche Zahl: "6,7 Millionen!", "6,7 Millionen!", dann Interviewfetzen wie "Zwanziger bringt Mohamed Bin Hammam ins Spiel!" oder "Der Kaiser schweigt", "Dreyfus leider tot". Einer wiederholt mehrmals und zwischendurch nach Luft schnappend: "Das Epizentrum ist Blatter! Das Epizentrum ist Blatter!"

Eine Reporterin hält mir ein Mikro hin und fragt: "Glauben Sie, der Empfänger war Mohamed Bin Hammam, wie Theo Zwanziger im Spiegel sagt?" Da ich keine Ahnung habe, ob der mittlerweile lebenslang gesperrte Fifa-Funktionär Mohamed Bin Hammam oder sonst wer der Empfänger der 6,7 Millionen von adidas-Chef Dreyfus war oder ob Beckenbauer, der Kaiser, für sein WM-Organisationskomitee des "Sommermärchens" eine schwarze Kasse beim DFB hatte, um vier asiatische Fifa-Funktionäre zu bestechen, wie der Spiegel behauptete, laufe ich einfach kommentarlos weiter.

Blass läuft der Präsident des DFB über den roten Teppich

Ich sehe neben mir den Präsidenten des DFB, Wolfgang Niersbach, er läuft so blass über den roten Teppich, als müsse er auf die Titanic. Nur Jogi Löw und sein Team aus Oliver Bierhoff und Andy Köpke sehen entschlossen und fokussiert aus. Auch Otto Rehhagel.

Die Gala soll von Johannes B. Kerner moderiert werden, doch der hat wegen des DFB-Skandals abgesagt. Ausgerechnet Kerner, der doch so gern nach Amokläufen, Massakern und sonstigen Skandalen Interviews führt.

Während der Gala starre ich die ganze Zeit auf mein Handy, was denn im Spiegel steht, was Zwanziger über diesen Mohamed Bin Hammam sagt und was die Süddeutsche Zeitung über eine mögliche schwarze Kasse bei der Fifa meint. (Zwei schwarze Kassen?) Erst beim Aufstehen merke ich, dass ich neben Klaus Fischer gesessen habe, meinem Jugendidol, meinem Helden der Lüfte. Wie oft habe ich seine legendären Fallrückzieher bei uns auf dem Moorboden meiner Heimat geübt. Als ich es Fischer sagen will, ist er weg. Scheiß-Mohamed Bin Hammam ...

Am nächsten Morgen habe ich die Skandalgala schon fast vergessen und stehe alleine im Deutschen Fußballmuseum.

Es regnet. Ich höre den Regen vom 4. Juli 1954. Fritz-Walter-Wetter. An den Wänden: das Wankdorfstadion in Bern, die Zuschauer des Endspiels, begeistert, klitschnass, schwarz-weiß. Und in der Mitte des Raumes: der Ball, der Wunderball. Dunkelgelb-grünlich liegt er da, mit dicken Nähten und Furchen. Das Grabtuch Christi habe ich mir nicht so lange angeschaut.

Um den Wunderball herum, die Mannschaft, lebensgroß aufgereiht: Morlock, Mai, Eckel, Posipal und so weiter, dazu der Helmut-Rahn-Schuh vom 3 : 2. Edles Leder, sanftes Braun.

Im nächsten Raum steht ein alter Fernseher mit Bildern vom Wunder von Bern. 17 Minuten lang, so einen ausführlichen Zusammenschnitt gab es noch nie. Mein neuer Held: die Nummer 3, Werner Kohlmeyer, der für den schon geschlagenen Turek auf der Linie rettet. Ich google sofort Kohlmeyer: "Alles, was nach der Weltmeisterschaft kam, war wie ein einziges verlorenes Wochenende." Er starb verarmt, als Zementsackträger, mit 49 Jahren.

Ich laufe mit dem traurigen Kohlmeyer auf dem Display direkt gegen die Beckenbauer-Vitrine, die mitten im größten aller Räume steht und die fast nur aus Ehrennadeln besteht.

In einer Bilderfolge ist das berühmteste Tor von Gerd Müller nachgestellt, das 2 : 1 gegen Holland im WM-Finale von 1974. Das Zuspiel von Rainer Bonhof, Müllers Ballannahme auf engstem Raum, der Schuss aus der Drehung, 43. Minute.

Bei der Galaführung am Abend zuvor steht hier ein Mann neben mir und zeigt plötzlich auf einen blonden Spieler im Oranje-Trikot.

"Das bin ich."

Ich starre ihn an und frage noch mal nach: "Der mit der 17?"

"Ja. Wenn ich nicht stehen geblieben wäre, hätte Gerd keine freie Schussbahn gehabt."

Als ob man in der Neuen Pinakothek vor einem berühmten Schlachtengemälde steht, und plötzlich tippt einem eine Figur aus dem Gemälde auf die Schulter und erklärt, sie hätte die hier abgebildete historische Niederlage verhindern können.

Ich stelle mich in eine Ecke und google: "WM-Team Niederlande 1974", die Nummer 17 hieß Wim Rijsbergen, Innenverteidiger. Hat mit Beckenbauer bei Cosmos New York gespielt. Vermutlich ist Wim Rijsbergen also wegen Beckenbauer hier, aber der ist nicht zur Skandalgala gekommen, Beckenbauer schweigt.

Später zieht mich eine Rotgelockte am Arm zu einem Kasten mit einer Scheibe, unter der ein Stück Rasen mit Kreide liegt.

"Brehmes Elfmeterpunkt, der gehört mir, den habe ich gekauft für hunderttausend Mark." Sie zeigt auf ihr Namensschild und strahlt.

Zwischen meinem traurigen, armen Kohlmeyer und diesem sauteuren Elfmeterpunkt liegt wahrscheinlich die bitterste Wahrheit dieses Museums. Irgendwann kamen also die Geldmenschen mit ihren Kassen ...

Gegenüber sind Monitore aufgebaut, an denen man sich mit Touchscreens die Höhepunkte aller Europa- und Weltmeisterschaften anschauen kann.

Ich beginne mit 1972, Europameisterschaft in Belgien, ich war vier und glaubte, meine Mutter und meine Tante seien in Günter Netzer verliebt gewesen wegen der langen Haare. (Nun sind die langen Haare weg, und er ist auch in den Scheißskandal verwickelt). Herrlich aber der Pass von Netzer auf Heynckes, der dann Wimmer bedient: 2 : 0 im Finale gegen die Sowjetunion.

Ich berühre das Jahr 1978, die erste WM, die ich im Fernsehen sehen durfte: Hans Krankl, Cordoba; 2 : 3 gegen Österreich, unser Nachbar warf seinen Fernseher aus dem Fenster.

Touch: WM 82 in Spanien, der berühmte Fallrückzieher von Fischer gegen Frankreich zum 3 : 3, Halbfinale. (Hätte ich bei der Gala nicht die ganze Zeit Mohamed Bin Hammam und die schwarzen Kassen gegoogelt, ich hätte vorsichtig Fischers Bein berührt.)

Touch: WM 86 in Mexiko: die Hand Gottes. Tolle Flanken von Littbarski. Die Locken von Toni Schumacher.

Und auf dem Rasen dreht Beckenbauer seine Runden, schweigend

Und noch mal die Zeit zurückgetoucht: WM 70 gegen England. Schnellinger auf den Hinterkopf von Uwe Seeler, unglaubliches Tor.

Wieder nach vorne in der Zeit, WM 90: Völler fällt, Brehme verwandelt, Maradona weint. Der goldene Pokal in den Händen von Matthäus, die schöne Freude von Klinsmann. Und Beckenbauer dreht auf dem Rasen seine Runde, schweigend.

Aus dem multimedialen Raum der WM 2014 hört man plötzlich die zwitschernden Vögel vom Campo Bahia, Brasilien. Danach die Schürle-Flanke, das Götze-Tor, riesengroß. Angela Merkel, rote Jacke, die Arme hochreißend wie ein kleines Mädchen.

Touch ... Sepp Maier, Sparwasser, Paul Breitner und Mao – als Liebender kann man gar nicht aufhören herumzutouchen.

Ich muss an Marcello Mastroianni denken, der als Schürzenjäger in Fellinis Stadt der Frauen in einem geheimnisvollen Haus überall auf Frauenbilder stößt, die sich ihm zuwenden, sobald er ihre Oberfläche berührt.

Hier, in diesem Museum, sind es Berührungen zurück in das eigene Leben, in die Kindheit, in die Erinnerung. Und in der Erinnerung finden diese Tore und diese Szenen immer noch statt. Das ist das Schöne an diesem Museum, es öffnet uns die Kinderaugen. Und kein aktueller, blöder Skandal von alten Männern mit ihren Kassen kommt dagegen an.

Eigentlich müsste ich mal in den ersten Stock, da ist die ganze Geschichte der Bundesliga, oder ins WM-Kino, in dem Schweinsteiger, Lahm & Co in 3-D auftreten. Den DDR-Fußball habe ich auch noch nicht geschafft, den Frauenfußball, die Ursprünge des Fußballs, der Fußball im Nationalsozialismus ...

Auf 7000 Quadratmetern sind hier 1600 Exponate ausgestellt, kuratiert von der großartigen Mannschaft um Museumsdirektor Manuel Neukirchner; szenografisch und multimedial gestaltet von der Triad Projektgesellschaft um Lutz Engelke, der so eine Art André Heller dieses Museums ist.

Ich ruhe mich kurz in einer Ecke aus, neben einer Lampe, auf deren Schirm Franz Beckenbauer und Helmut Kohl abgebildet sind, vermutlich ein Foto nach dem WM-Triumph 1990 in Rom. Kurz denke ich: Ja, der schweigende Beckenbauer wird der Helmut Kohl dieses endlosen DFB-Skandals sein, Niersbach vielleicht sein Schäuble. Und Zwanziger, der eigentlich ein guter, sozialpolitischer DFB-Präsident war, könnte nun plötzlich der Grinch sein, diese Filmfigur aus der amerikanischen Fantasykomödie, die aus ihrer Berghöhle kommt, um den Menschen Weihnachten zu stehlen (How the Grinch Stole Christmas).

Sie klaut Beckenbauer sein Weihnachtsgeschenk, dann Niersbach, dann allen Deutschen, auch Netzer, der dagegen klagen will. (Das war auch die letzte Meldung: Netzer klagt gegen den Grinch auf Unterlassung!)

Unter der Lampe mit dem Beckenbauer-Kohl-Schirm liegt eine kleine Tüte mit Schrauben, vermutlich hat man die bei der Fertigstellung des Museums vergessen. Plötzlich schaue ich nach rechts und links, spüre in mir so eine Art Kampf zwischen Kontrolle und Kindlichkeit und stecke mir die Schrauben heimlich in die Hosentasche, vielleicht haben sie ja doch was mit Beckenbauer und dem WM-Sieg von 1990 zu tun!

In zehn Minuten fährt gegenüber mein ICE nach Berlin. Ich laufe noch einmal schnell an meinen liebsten Stücken vorbei:

- Wunderball aus Bern.

- Der linke Schuh von Gerd Müller. Sein Trikot: schlichtes Weiß, reine Baumwolle.

- Miroslav Kloses Schuhe (beide)

- Götzes Schuhe aus dem Finale in Rio (Rahns Schuh mag ich lieber, aber an Götzes klebt noch Maracanã-Rasen dran.)

- Die vom DFB an dieser Stelle sehr minutiös aufgeführte Hotel-Telefonrechnung von Lothar Matthäus bei der WM 1990: 5337,20 DM! Irre! (War denn Telefonieren damals so teuer, oder gab’s schon die 0190-Nummern von Beate Uhse?)

In den letzten fünf Minuten stehe ich in der "Schatzkammer". Die deutschen EM-Pokale sind hässlich und interessieren mich nicht. Aber die WM-Pokale, 74, 90, 2014, in Vitrinen nebeneinander: was für eine Schönheit und Anmut. Hände, die Weltkugel haltend in 18-karätigem Gold; unten der Sockel mit Malachit-Edelsteinen.

Das letzte Ausstellungsstück ist das größte: Der schwarze Weltmeisterbus der Nationalmannschaft, nobler Dreiachser, da freuen sich die Sponsoren von Mercedes. Gott sei Dank ist man bei den Siegesfeierlichkeiten in Berlin nicht mit einem VW herumgefahren, dann hätte man noch einen Skandal.

Später, im Zug, denke ich an den Film Ocean’s Eleven mit George Clooney. Man müsste einen neuen drehen, in dem einer spektakulär die drei WM-Pokale aus dem Museum entwendet. Aus reiner Liebe. Die Clooney-Rolle würde ich gerne übernehmen. The Grinch darf aber nicht mitspielen. Beckenbauer auch nicht. (Der hat angeblich, allerletzte Meldung, die Stimme von Malta gekauft! Und 50 Steuerfahnder starten Razzia beim DFB, das wird noch ein Thriller!)

Und wenn man bei meinem WM-Pokal-Raub-Movie irgendwas aus der Luft machen muss, weil es auf dem Museumsboden Sicherheitssensoren gibt, dann verpflichte ich Klaus Fischer.