Günter Schabowski lebte 86 Jahre lang. An drei Tagen ist er mir begegnet – zweimal redend, einmal schweigend. Überlaut sprach er als Berliner Parteiboss am 4. November 1989. "Die SED bekennt sich zur Umgestaltung!", brüllte er in Berlin über den rappelvollen Alexanderplatz. "Wir sind gewillt und lernen unverdrossen, mit Widerspruch, mit Pfeffer und Salz zu leben!" Gellende Pfiffe. "Uns macht hoffnungsvoll der Schulterschluss zwischen Krenz und Gorbatschow!" – "Aufhören!", riefen die herbstrevolutionären Demonstranten. Schabowski fand rückblickend, die Teilnahme an diesem großen Volksdialog habe ihm "Auftrieb gegeben".

Schabowski sei "einer der Schlimmsten vor der Wende" gewesen. "Vor dem hatte man Angst." So erinnerte sich Christa Wolf, die an jenem 4. November vor Wendehälsen warnte. Nicht zu den Rednern gehörte Wolf Biermann; er war am Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße zurückgewiesen worden. Der Barde und der Bonze fanden später zueinander. Am 16. November 2001 beging Biermann im Berliner Ensemble den 25. Jahrestag seiner DDR-Ausbürgerung. Vor dem Konzert talkte er mit Bärbel Bohley, Günter Kunert und dem bekennerstolzen Schabowski. "Kommunisten", erklärte Schabowski, "sind Fanatiker mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein. Biermann war ein Ketzer. Ketzer beirren Fanatiker nicht, sondern bestärken sie, noch unbeirrbarer vorzugehen – bis zur Selbstzerstörung."

Applaus für den Beichtling. Der Westen schätzte Zettel-Günter, den Maueröffner wider Willen, als redlichen Überläufer: Ein SED-Gewaltiger bereute und delegitimierte die DDR. Bereits 1990 erschien Schabowskis Buch Das Politbüro . Ein Jahr später folgte Der Absturz, ein spannender Zwitter aus Analyse und Autobiografie.

Günter Schabowski wird 1929 in Anklam geboren, als kleiner Leute Kind. Der Vater ist Klempner, die Mutter Haushaltshilfe. Günter erwächst zunächst bei seiner geliebten pommerschen Oma Gaap. Mit drei Jahren wird er rabenmütterlich nach Berlin verschleppt. Die Nazizeit übersteht die Familie politikfern und mit Glück. Günter darf aufs Gymnasium und hat passable Nazilehrer. 1945 ist der HJ-Scharführer Schabowski gerade noch jung genug, um nicht bei den Flakhelfern zu landen, sondern per "Kinderlandverschickung" in Sachsen. Im "Wehrertüchtigungslager" Seiffen lernt er MP und Panzerfaust, doch schon macht die Rote Armee der Hitlerei ein Ende.

Und nun? Der junge Mann wird Journalist, zunächst bei Gewerkschaftsblättern. 1952 tritt er der SED bei. Er klettert politisch, gelangt auf die Moskauer Parteihochschule, sodann zum Partei-Zentralorgan Neues Deutschland . 1978 ist er Chefredakteur (siehe Kasten links). 1985 folgt der Große Sprung. Berlins SED-Chef Konrad Naumann stürzt. Der Großkotz – laut Schabowski "trinkfreudig, aber nicht trinkfest" – hat gesufftönt, er werde demnächst Honeckers Laden übernehmen. Der Chef erfährt’s, schasst Naumann "aus gesundheitlichen Gründen" und beruft Schabowski.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 45 vom 5.11.2015.

Als Jüngling von 56 Jahren betrat Schabowski das Politbüro. Er gehörte nicht zur Gerontokratie des "Marxismus-Senilismus". Der Bulle stand voll im Saft und ließ das seinen Machtbereich spüren. Die irreparablen Fehler des autoritären Parteisozialismus gesteht er später umstandslos, wenngleich er andere schuldiger sieht als sich selbst, vor allem "Honeckers Jago", den gefürchteten Wirtschaftsboss Günter Mittag. Was in Schabowskis Lebensbeichte weithin fehlt, ist das Land DDR. Und nichts liest man über geistig-kulturelle Quellen, an denen der Autor sich erfrischte.

Günter Schabowski fiel tief, lernte jedoch, den Sturz als Befreiung zu begreifen. Er kehrte in seinen Beruf zurück und gründete in Hessen ein kleines Anzeigenblatt. Im Politbüro-Prozess wurde er 1997 zu drei Jahren Haft verurteilt; knapp eines saß er ab. Ich erlebte ihn vor Gericht, schweigend, am 20. Februar 1996. Der Hauptangeklagte Egon Krenz hielt eine respektable Rede über das Wesen des Sowjetmündels DDR. Unweit saßen seine Altgenossen Kurt Hager, Günther Kleiber, Erich Mückenberger und Horst Dohlus. Von Schabowski, dem Verräter, hielten sie sich fern. Seltsam, ich verstand sie. Nicht Schabowskis Reue misshagte mir, aber seine allzu pünktliche Erkenntnis. Es zog ihn immer zu den Siegern der Geschichte.