Was zettelte er nur an!

Es gibt Einkaufszettel, die sehen nach größerer Geschichte aus als dieses aus einem Block gerissene Blatt Papier. Die Schrift ist krakelig und kaum zu entziffern, das Papier ist rissig, billig und graustichig. Das also ist der berühmte Zettel von Günter Schabowski, dem am vergangenen Wochenende verstorbenen SED-Funktionär. Auf diesem Blatt soll der Masterplan zu finden sein für jene noch berühmtere Pressekonferenz vom 9. November 1989, in der die Berliner Mauer zu Fall gebracht wurde. Versehentlich zu Fall gebracht wurde.

Mehr als 25 Jahre lang war dieser Zettel verschwunden. Ein halbes Jahr vor Günter Schabowskis Tod wurde er im Bonner Haus der Geschichte erstmals der Weltöffentlichkeit präsentiert. Seither liegt er dort, an diesem Ort, an dem die Bundesrepublik sich und ihre Vergangenheit feiert. Ein deutsch-deutsches Schmuckstück hinter Glas.

Was ist so faszinierend an diesem wenige Quadratzentimeter großen Dokument, das selbst die Historiker des Bonner Hauses der Geschichte nur mit Mühe entziffern können?

Ist es der Text, sein Inhalt?

Der gibt selbst einer Expertin wie Tuya Roth vom Haus der Geschichte Rätsel auf. Was beispielsweise hat sich der Autor nur dabei gedacht: "3. Jetzt erst möglich bringen in Diskussion / zusehends Konzept der Erneuerung (Strategie) / Konsequenz entscheidend auf europäische Vorgehensweise"? Oder was wollte er der Nachwelt um Himmels Willen mit Folgendem sagen: "Chronologie? Zu aller erst Referat / EXTRA / Personal Entwurf / Entschluss / EXTRA / Minister Diskussion / EXTRA"? Tuya Roth zuckt mit den Achseln. Sie weiß es nicht.

Dabei sollte das, was eher nach expressionistischer Lyrik als nach einem Masterplan klingt, am 9. November 1989 den ersten 50 Minuten der einstündigen Pressekonferenz Struktur verleihen. Nur ist davon in der Fernsehaufzeichnung nichts zu sehen. Langatmig berichtet Schabowski über Nebensächliches aus dem Zentralkomitee. Dabei sinkt er immer tiefer in seinen tiefroten Sessel, während er Satzfragmente scheinbar willkürlich aneinanderreiht. Dann um 18.52 Uhr fällt Schabowski ein, dass er noch vor den 19-Uhr-Nachrichten eine neue Reiseregelung verkünden soll. Er blättert in seinen Unterlagen, findet die Regelung, hat sie offensichtlich nicht gelesen, überfliegt sie kurz. Dann liest er den entscheidenden Passus vor. Der Rest ist Geschichte: tanzende Menschen auf der Mauer, Einheit, Feuerwerk.

Der Betrachter sucht instinktiv nach dem Zauber der historischen Nacht. Vergeblich! Je länger man sich plagt, das Gekritzel auf dem Zettel zu enträtseln, desto banaler und komischer wirkt es. Ist es das? Macht gerade die schludrige Banalität den Zettel museumsreif? Kein Student würde sich schließlich trauen, derart unvorbereitet auch nur ein Proseminar-Referat zu halten. Und ausgerechnet Schabowski als ehemaliger Chefredakteur des Neuen Deutschlands und Politbürosprecher soll geglaubt haben, mit so einer Schlamperei in der größten Krise in der Geschichte des Arbeiter- und Bauernstaates eine Pressekonferenz bestreiten zu können? Stimmt das, wäre der Zettel der Beweis: Es war kein Wunder, dass die DDR unterging, das Wunder war vielmehr, dass sie sich bei einer derartigen Dusseligkeit ihrer Funktionäre 40 Jahre halten konnte.

Aber vielleicht gibt es sie ja doch, die tiefere Bedeutung. Vielleicht hier: In Großbuchstaben hat Schabowski das symbolträchtige Wort "ZEIT" an den Rand gemalt. Angeblich um sich daran zu erinnern, dass um 19 Uhr die Nachrichten begannen. Doch gibt es neben der profanen nicht noch eine übertragene Bedeutung? War sich Schabowski etwa damals der Endlichkeit der DDR bewusst und hat deshalb das Wort immer wieder ins Papier gekratzt? "Spekulationen", sagt Tuya Roth. Doch der Zettel lässt Spekulationen zu. Auch das macht ihn für uns heute so faszinierend. Schabowski können wir nun ja nicht mehr fragen.

Der Zettel bleibt die Antwort schuldig

Neben dem Wort "ZEIT" wieder Gedankenfetzen: "Kurz vor Schluß / Ende der Debatte! / Nennung MiRaBeschluss. Kein / Politbüro-Papier. Zustimmung Ministerrat." So geht es weiter. Dann, endlich, etwas Handfestes – eine Ankündigung: "Verlesen Text Reiseregelegung /EXTRA / Noch Fragen?" Und tatsächlich wird nachgefragt in der Pressekonferenz, als Schabowski die Reiseregelung verliest. "Wann gilt das?", ruft ein Journalist. Schabowski blättert in seinen Unterlagen und übersieht, dass die Reiseregelung eine zweite Seite hat. Auf der steht, dass die Regelung erst am 10. November verkündet werden soll. "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich."

Nach dem Verlesen der Reiseregelung sieht der Zettel nur noch eines vor: den "Schritt zur Normalität". Heute fragt man sich: Hat er das ernst gemeint? Und wenn ja, was bedeutete "Normalität" für Schabowski? Etwa freie Fahrt für freie DDR-Bürger? Auf all diese Fragen bleibt der Zettel die Antwort schuldig.

Nein, mit Textexegese allein lässt sich die Faszination des Zettels nicht erklären. Zu der gehört auch, dass der perfekten Ausleuchtung zum Trotz viele der Geheimnisse des Zettels im Dunkeln bleiben.

Faszinierender beispielsweise als die Geschichte, die der Zettel erzählt, ist die Geschichte, die sich über ihn erzählen lässt. Mit ein wenig Fantasie taugt diese zu einem deutsch-deutschen Krimi. Schließlich fragt sich jeder, der den Zettel betrachtet: Warum war dieser Wisch der Geschichte dem Haus der Geschichte bloß 25.000 Euro wert?

Zwei Jahrzehnte lang war der Zettel nur als Kopie zu sehen. Das Original galt als verschollen, und nicht einmal der ehemalige Besitzer konnte und wollte Auskunft geben über seinen Verbleib. Günter Schabowski, der große Kommunikator der untergehenden DDR, war schon seit Langem verstummt. Zurückgezogen wohnte er viele Jahre in einem Pflegeheim nahe Berlin. Gestorben ist dort nun kurz vor dem 26. Jahrestag der Pressekonferenz, die sein Leben bestimmte, im Alter von 86 Jahren.

Wenn Schabowski einmal stirbt, hieß es lange, stirbt das Geheimnis um den Verbleib des Zettel mit ihm. Doch dann betrat ein paar Monate vor Schabowskis Tod ein Unbekannter das Foyer des Hauses der Geschichte. In Krimis tragen Unbekannte Trenchcoat, Schlapphut und falsche Bärte. Nehmen wir an, es war auch diesmal so. Der Unbekannte sah die Kopie. Er nahm sich einen Historiker zur Seite. Er schaute nach links, er schaute nach rechts. Dann machte er den Trenchcoat auf: "Wollen Sie ein Original kaufen?" – "Wie viel?", fragte der Historiker mit großen Augen. "25.000! Aber pssst!"

Sie gaben sich die Hand. So oder so ähnlich könnte es gewesen sein. Wer der Unbekannte war und wie genau der Verkauf ablief, will das Haus der Geschichte nicht verraten. Nur so viel könne er sagen, sagt Pressesprecher Peter Hoffmann: Es handele sich um jemanden, der Günter Schabowski gut kannte und von ihm den Zettel bekommen habe.

Das lässt Raum für Spekulationen: Wann war eigentlich Egon Krenz das letzte Mal in Bonn? Oder Hans Modrow? Oder Gorbatschow? Und warum ist der Zettel überhaupt in Bonn, dem Regierungssitz der alten Bundesrepublik, aufgebahrt? Brauchte Helmut Kohl noch eine Trophäe für die Feier seines Sieges über den Klassenfeind? Schließlich verdankt das Haus der Geschichte seine Existenz dem Kanzler der Einheit.

Mysteriös auch, warum das Haus der Geschichte den Zettel des Unbekannten gekauft hat, ohne Schabowskis Frau zu kontaktieren und die Geschichte des Unbekannten zu überprüfen. Schabowskis Frau jedenfalls wusste um den wahren Wert des Zettels. Sie schaltete eine Berliner Anwaltskanzlei ein. Ihr zufolge hat Schabowski den Zettel dem Unbekannten nur zur Ansicht überlassen. Plötzlich wollten die Schabowskis den Zettel zurück. Doch warum? Ums Geld jedenfalls, behauptete Frau Schabowski, ging es nicht. Aber welche Geheimnisse verbergen sich dann auf dem Zettel, die auf der Kopie nicht zu sehen sind?

Dazu muss man einen Moment von der Vitrine zurücktreten, gerade so weit, dass man gar nichts mehr entziffern kann. Was hat Schabowskis Zettel uns jetzt noch sagen? Nur eines: "Ich war dabei!"

Was da liegt, ist ein großer Moment deutsch-deutscher Geschichte. So authentisch kann keine billige Kopie sein.

Beinahe meint man zu sehen, wie Schabowski am 9. November 1989 in seinem Dienstwagen in Richtung Internationales Pressezentrum in der Ostberliner Mohrenstraße braust – die neue Reiseregelung ungelesen im Aktenstapel. Seit Tagen hat er kaum geschlafen. Er hetzt von Termin zu Termin. Und dann soll er auch noch die Weltpresse bespaßen. Warum eigentlich? 40 Jahre lang ist die DDR ohne Pressekonferenzen ausgekommen. Er nimmt einen Block, reißt ein Blatt Papier heraus, macht sich seine Notizen. Und mit einem Mal passiert es, ohne dass es ihm so ganz klar wäre: Günter Schabowski hat die DDR vor die Wand geschrieben. Einfach so. Und es ist nichts mehr zu retten.

Geschichte, das ist das Geheimnis, das der Zettel uns allen verraten kann – Geschichte ist allen Plänen und Strategien zum Trotz stets unberechenbar.

Auch die Unzulänglichkeit eines Einzelnen kann Geschichte machen. Nur wollen wir das nicht wahrhaben. Deshalb suchen wir nach dem Geheimnis, der großen Verschwörung. So klein, so banal, so peinlich kann Geschichte nicht sein, denken wir. "Doch", sagt der Zettel. Manchmal ist Geschichte eben peinlich. So wie Günter Schabowski der Mauerfall Zeit seines Lebens peinlich war.

Schabowski hat an die DDR geglaubt. Er hat in der DDR Karriere gemacht. Er war im entscheidenden Moment für alle Welt Gesicht und Stimme der DDR. Und dann beerdigt ausgerechnet er die DDR mal eben im Nebensatz. Das Ganze war ein Versehen, kein Historiker bestreitet das. Doch das machte es für Schabowski danach nicht leichter, damit zu leben. Was man ihm, Schabowski, heute zugutehalten muss: Er war der einzige ranghohe SED-Funktionär, der nach dem Mauerfall tatsächlich zu seinen Verfehlungen im System gestanden, der über sie gesprochen hat. Dafür zollte ihm posthum sogar Joachim Gauck Tribut, der Bundespräsident, der sonst so gar nicht dafür bekannt ist, SED-Leuten Tribut zu zollen.

Und dennoch: Die Geschichte stempelte den letzten sichtbar Handelnden der DDR zum Hanswurst, der im wichtigsten Moment seines Lebens auf ganzer Linie versagte.

Aber wenn sie schon nicht mehr über das Bild des Selbst im Spiegel der Nachwelt Kontrolle ausüben konnten, so wollten Schabowski und seine Frau zumindest über diese paar Quadratzentimeter Vergangenheit in der Vitrine bestimmen dürfen. Sie wollten sagen können: "Das hier gehört uns. Nur uns." Das ist verständlich. Nur ist die Geschichte seit jeher grausam zu denen, die sie schreiben. Man kann ihr nicht abtrotzen, was sie nicht hergeben will.

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