DIE ZEIT: Sie haben nach dem Urteil in einem Grazer Mordprozess ein Gegengutachten für die Verteidigung erstellt, das den Verurteilten entlastet. Das Opfer sei wahrscheinlich an einem Asthma-Anfall gestorben und keines gewaltsamen Todes. Hat der Gerichtsachverständige, Eduard Peter Leinzinger, ein Fehlgutachten erstellt?

Bernd Brinkmann: Ja, das muss man so sagen. Obwohl ich ihm keine böse Absicht unterstelle.

ZEIT: Laut Leinzinger hat der Mann seine Freundin gewürgt und auf einer Matratze erstickt. Dafür fehlen die Beweise, sagen Sie. Der Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens wurde jedoch abgelehnt, weil Sie nicht korrekt gearbeitet hätten.

Brinkmann: In Deutschland würden wir das eine böswillige Unterstellung nennen.

ZEIT: Das Gericht urteilte, Sie hätten aus den Befunden Leinzingers fälschlicherweise abgeleitet, dass das Opfer erwürgt worden sei.

Brinkmann: Das Gegenteil ist wahr. In meinem Gutachten steht: "Es ist außerordentlich schwierig, aus den Befunden ein todesursächliches Würgen abzuleiten." Dies ist eine Beurteilung. "Aus den Befunden ... abzuleiten." Sie stimmt überein mit Professor Leinzinger und dem, was das Gericht sagt. Ich finde, es ist schlechter Stil, mir damit ein aktenwidriges Zitat anzuhängen.

ZEIT: Werden hier Fakten verdreht?

Brinkmann: Wer punktuell zitiert, kann aus der Bibel das Kommunistische Manifest machen, aber ich kapiere nicht, wie die darauf kommen.

ZEIT: Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?

Brinkmann: Fälle, in denen etwas nicht stimmt, aber alle Beteiligten auf ihrer Linie beharren, gibt es leider immer öfter. Juristen, mit denen ich darüber gesprochen habe, sagen sinngemäß, sie wüssten das auch, aber da müsse man durch. Das ist schrecklich für einen naturwissenschaftlich denkenden Arzt.

ZEIT: Welche Erklärung haben Sie dafür?

Brinkmann: Manche wollen ihr Gesicht nicht verlieren. In einigen Fällen zum Beispiel sieht auf den ersten Blick alles nach Mord aus, dann werden die Weichen in diese Richtung gestellt. Wahrscheinlich liegt es in der menschlichen Natur, zu einem frühen Zeitpunkt, wenn Gegenargumente erkennbar sind zu sagen, wir haben doch alles hier, und nicht mehr auf Gegenargumente zu hören.

ZEIT: Die Expertise von Gutachtern entscheidet viele Gerichtsverfahren. Müssten nicht gerade sie auf die Bremse steigen, sobald Zweifel auftauchen?

Brinkmann: Darüber habe ich lange nachgedacht. Wenn Gegenargumente großes Gewicht haben, müsste bei denkenden Menschen die Eigenkritik auch im Verhältnis zu dem Fall eine Wende einleiten. Wenn sich Zweifel erhärten, brauchte man allerdings auch einen gewissen Mut, um zu sagen: Kommando zurück. Wenn ich Sachverständiger war und jemand wegen Mordes verurteilt wurde, hatte ich immer ein, zwei schlaflose Nächte. Einfach weil ich mich immer wieder fragte, hast du alles richtig gemacht. Wie muss es erst denen gehen, die sich über alle Zweifel hinwegsetzen?

ZEIT: In Österreich wurden Sie durch ein Obergutachten im Fall des Schubhäftlings Marcus Omofuma bekannt, der 1999 bei seiner Abschiebung in einem Flugzeug erstickte, weil ihm ein Polizist den Mund verklebt hatte.

Brinkmann: Ich erinnere mich gut an den Fall, unter anderem weil der Gerichtsgutachter Christian Reiter eine Fettembolie der Lungen postuliert hatte. So eine Lüge habe ich selten gesehen. Natürlich hatte Omofuma Hämatome, da kann man auch eine Fettembolie kriegen. Aber anhand der histologischen Schnitte zeigte sich, dass von 10.000 Kapillaren ein oder zwei verstopft waren, das nennt man einen Fettembolus. Für eine Fettembolie der Lunge müssen mindestens 100, um nicht zu sagen 500 verstopft sein.

ZEIT: Reiter ist heute stellvertretender Leiter der Wiener Gerichtsmedizin. Gibt es bei nachgewiesenen Täuschungen keine Konsequenzen?

Brinkmann: Rechtlich wäre das möglich, aber ich kenne weder in Deutschland noch in Österreich einen Fall, wo es Konsequenzen gab. Nach einem Bericht der ZEIT geht es in einem Prozess in Dortmund um die Frage, ob eine Mutter ihr Baby zu Tode geschüttelt hat. Retina-Blutungen deuteten darauf hin. Es gäbe aber mittlerweile zahlreiche Publikationen, dass diese Blutungen auch anders verursacht werden können. Wenn man die Gutachter darum bittet, dies zu berücksichtigen, würden sie wahrscheinlich bei ihrer Meinung bleiben. Wenn dies auch so in Dortmund der Fall war, sollte das Gericht dies kritisch hinterfragen. Blieben es bei seiner Meinung, müssten es erklären und begründen, dass die entgegenstehenden Publikationen Fälschungen sind oder etwas Ähnliches?

ZEIT: Müsste man die Richter kritischer hinterfragen?

Brinkmann: Das Instrumentarium hierzu steht im Revisionsverfahren. Die Gerichte tun sich manchmal schwer, ihre eigenen Gutachter zu kritisieren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der "in dubio pro reo"-Grundsatz, im Zweifel für den Angeklagten, zu selten angewandt wird. Es ist furchtbar, so etwas zu sagen, und aus meinem Mund klingt das noch schlimmer, weil ich das Gefühl habe, dass dieses Prinzip immer weniger Beachtung findet. Dies gilt insbesondere auch für die Gutachter.

ZEIT: Man macht sich nicht unbedingt Freunde, wenn man als Kritiker des Systems auftritt.

Brinkmann: Meinen Freund Peter Leinzinger aus Graz habe ich verloren, das ist klar. Auch in Deutschland hat sich die Zahl an Freunden etwas reduziert.