Man ist im Dämmer des Hotels Adlon schon fast an ihm vorbei, als man begreift: Der erstaunlich kleine Mann, der sich ins Zimmer schiebt und nach der Hand des gegenlichtblinden Journalisten greift – das ist Bond. Daniel Craig verneigt sich, als wolle er sich noch kleiner machen. Und er wird in den kommenden 25 Minuten mehr lachen als in den zehn Filmstunden, in denen er als James Bond zu sehen ist. Bei ihm ist seine Produzentin, Barbara Broccoli. Sie machen Werbung für den neuen Bond-Film Spectre. Gemeinsam verkörpern sie Filmadel und Milliardenschwere. Aber zwischen ihnen steht eine Missstimmung, die durch Craig in die Welt kam; er sagte in einer tollkühnen Stunde dem Magazin Time Out, er würde sich lieber die Pulsadern aufschneiden, als je wieder einen Bond zu drehen. Er sei fertig mit der Figur, der Kerl sei das Gegenteil von allem, was ihm, Craig, wichtig sei.

Wir werden ihn jetzt nicht, wie man im Verhörwesen so sagt, mit diesem Zitat konfrontieren, nein, wir fragen seine Produzentin. Ihr Vater, der legendäre Albert R. Broccoli, hatte die Filmlizenz einst von Bonds Schöpfer Ian Fleming erworben, seitdem ist Bond der unsterbliche Haussklave der Familie, und als Albert im Jahr 1996 starb, wurde die resolute Barbara, heute 55, zur Hüterin von Marke und Lizenz. Sie hat dafür gesorgt, dass Daniel Craig, der echsenäugige Stahlarbeitersohn aus Chester, den Bond spielen durfte, und nun ergreift sie das Wort mit einem kühlen Grinsen:

Barbara Broccoli: Hören Sie bloß nicht auf ihn, hören Sie nur auf mich!

DIE ZEIT: Wie Sie wollen.

Broccoli: Also: Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um ihn zurückzuholen. Nicht auf ihn hören! Er hat keine Ahnung.

Daniel Craig: Hier spricht eine Italienerin.

ZEIT: Hat sie recht?

Craig: Diese Sätze habe ich zwei Tage nach Ende der Dreharbeiten zu einem Journalisten gesagt. Ich war ehrlich, aus der Stimmung heraus: Ich würde mir lieber die Pulsadern aufschneiden, als wieder einen Bond zu machen. Ich hatte zwei Jahre lang Bond inhaliert, Bond gelebt, Bond geträumt. Jetzt, wieder ganz ehrlich, sage ich: Ich weiß nicht, ob es weitergehen wird. Ich brauche eine Pause. Und sie (er deutet auf Barbara Broccoli) braucht auch eine.

Broccoli: Wir setzen uns nächstes Jahr zusammen und reden. Jetzt braucht der Mann Urlaub. Aber wenn Sie sich Spectre ansehen, werden Sie erkennen, dass er Bond alles gibt, was er braucht.

Craig: Sie werden einen gebrochenen Mann sehen ... (beide lachen)

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Das kann man so wirklich nicht sagen. Craig wirkt in Spectre, seinem vierten Bond, nicht gebrochen, eher so, als wolle er sich in aufrechter Würde in den Abgrund spülen lassen, sofern gewährleistet ist, dass auch alles Übrige kaputtgeht.

Der Prolog des Films ist von so großartiger Unwahrscheinlichkeit, dass der Regisseur Sam Mendes ihn mit höchstem Aufwand beglaubigt: Innerhalb von fünf scheinbar fugenlos gefilmten Minuten entwindet sich Bond aus den Armen einer schönen Frau, legt einen Straßenzug in Schutt und Asche, springt in einen Helikopter und kämpft am Himmel über Mexico City um sein Leben. Die Szene ist so berauschend, als schaue Gott ohne einen Wimpernschlag dem Zusammenbruch seiner Schöpfung zu. Und die Frage, ob Bond nun Täter oder Opfer dieses Geschehens ist, würde wohl auch Gott nicht sofort beantworten. Die Grenze zwischen tollem Mut ("Bond wird uns alle retten") und hellem Wahnsinn ("Bond wird uns alle vernichten") ist schwer zu bestimmen.