Als hätte ihn jemand angemalt. Die Wangen, das Kinn, die Nase: alles blutrot. Die schwarzen Locken kleben an der Stirn, sein Mund ist voller Haare. Die Lippen sind geöffnet, als wollten sie ein Gespräch beginnen. Seit zwölf Jahren sucht Erica Duggan auf diesem Foto nach Antworten. Und in Dutzenden hauswanddicken Ordnern, die sich in ihrem Büro im Norden Londons angesammelt haben. Sie sucht nach Antworten auf die Frage, was in der Nacht zum 27. März 2003 geschah, als ihr Sohn Jeremiah auf der Bundesstraße 455 in Wiesbaden sein Leben verlor.

Wollte er sterben? Musste er sterben?

Nach dem Gesetz ist es nicht die Aufgabe einer Mutter, solchen Fragen nachzugehen. Es ist die Aufgabe von Polizei und Staatsanwaltschaft. Aber was, wenn die ihre Pflicht nicht tun? Jeremiah Duggan, 22 Jahre alt, ist noch keinen Tag tot, da steht für den ermittelnden Beamten das Ergebnis schon fest. Jeremiah sei von einem fast 100 Stundenkilometer schnellen Peugeot angefahren und anschließend von einem VW Golf überrollt worden. Es gebe, so heißt es im Bericht, "keinen Zweifel daran, dass der Jeremiah Duggan in suizidaler Absicht auf die Straße gelaufen ist".

Dabei ist nicht klar, wo er die Nacht verbracht hat. Es ist auch nicht klar, mit wem er die Nacht verbracht hat. Es ist nicht einmal klar, ob er überfahren wurde. Aber für die deutsche Polizei gibt es keinen Zweifel.

Mit wem auch immer man spricht: Jeremiah sei ein sensibler junger Mann gewesen, heißt es, der Poesie liebte und sich für Politik interessierte. Er war britischer Jude, studierte damals in Paris, hatte viele Freunde, eine glückliche Beziehung, wie seine Freundin aussagt – und jede Menge Fragen. Oft bleibt er bis spät nachts wach, beschäftigt sich mit dem drohenden Irakkrieg, der ihm große Sorgen macht. Jeremiah lernt einen Journalisten kennen, der ihn beeindruckt. Der nimmt ihn mit zu politischen Kundgebungen und lädt ihn ein, mit nach Deutschland zu fahren. Zu einer Konferenz, auf der die "wahren Hintergründe" des Irakkriegs aufgeklärt werden sollen.

Die Konferenz fand in der Nähe von Wiesbaden statt. Veranstalter: das Schiller-Institut, das der international operierenden antisemitischen LaRouche-Bewegung zugeordnet wird. Deren Gründer Lyndon LaRouche ist ein fanatischer Verschwörungstheoretiker, in dessen Weltbild abwechselnd die CIA, das britische Königshaus oder eine geheim operierende "Zionisten-Lobby" für die Zerstörung des Planeten verantwortlich sind.

Helga Zepp-LaRouche, die Gattin, führt die Geschäfte der sektenartigen Bewegung in Deutschland und steht neben dem Schiller-Institut auch der LaRouche zugerechneten Partei Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) vor, die mit ihren kryptischen Flugblättern und Plakaten aus den Fußgängerzonen deutscher Städte kaum mehr wegzudenken ist. Die BüSo-Vorgänger-Partei EAP wurde von der Bundesregierung einst als "Politsekte" bezeichnet. Der englische Rechtsextremismus-Experte Matthew Feldman nennt LaRouche und seine Gefolgsleute eine "neofaschistische Bewegung", die jeden Gegner "als Verschwörer, Völkermörder und reine Verkörperung des Bösen" verteufelt. Dass die LaRouche-Bewegung etwas mit Jeremiahs Tod zu tun haben könnte, kam dem Ermittler indes nicht in den Sinn.

Erica Duggan hat alles über diese Organisation gelesen, immer weiter recherchiert, mit Aussteigern gesprochen. "Die LaRouche-Bewegung", sagt sie, "ist gefährlich, manipulativ und totalitär." Wie Jerry da reingeraten konnte, weiß sie noch immer nicht. "Er war absolut leidenschaftlich, wenn ihm etwas wichtig war. Und der Irakkrieg war ihm in dieser Zeit wichtiger als alles andere. Die haben ihn geködert." Jeremiah stornierte seinen Flug nach London, den er gebucht hatte, um mit seinem Vater Geburtstag zu feiern. Er wollte unbedingt nach Wiesbaden. Es sind intelligente junge Erwachsene mit dem Kopf voller Zweifel, auf die es LaRouches Leute abgesehen haben. Menschen wie Jeremiah. Formbares Material.

Im Anschluss an die Konferenz nahm Jeremiah mit etwa fünfzig jungen Leuten an einer sogenannten Kaderschulung teil. Von früh morgens bis tief in die Nacht wurde er dort mit der Ideologie LaRouches indoktriniert. In Einzelgesprächen, so berichtet es der Teilnehmer R. der Erica Duggan, wurde systematisch auf die psychische Integrität der Teilnehmer eingewirkt. "Ich habe gesehen, wie einige völlig verstört aus dem Raum rannten, wie sie verbal attackiert und erniedrigt wurden." Das Ziel sei es laut R., alle individuellen Gedanken zu zerstören und Paranoia zu säen, so lange, bis man bereit ist, wie ein Schaf in der Herde zu laufen. Weigerte sich Jeremiah, ein Schaf zu sein?

44 Minuten bevor er starb, ruft er seine Mutter an. "Der Ton in seiner Stimme hat mich schockiert. Er klang fürchterlich, völlig panisch", sagt sie. Mit zitternder Stimme habe er sie um Hilfe gebeten. Mom, ich muss dich sehen, jetzt, sofort! "Jerry, I love you. Wo bist du?" Ganz leise sagt er: "Wiesbaden." Sie bittet ihn, das zu buchstabieren. "W, I, E, S ...", dann bricht das Gespräch ab.