Ein gutes Drehbuch braucht ein Szenario, vor dem alle sich fürchten: Entführung einer Oma. Überfall in einer Bankfiliale. Drohung mit einer Bombe. Malte Krückels und seine Regierung haben sich für die Drohung entschieden, jedenfalls drohen sie mit so einer Art politischer Bombe: mit dem Austritt Thüringens aus dem Mitteldeutschen Rundfunk.

Bitte, was ...? Ja, genau. "Thüringen erwägt den Austritt aus dem MDR", meldete die Mitteldeutsche Zeitung . "Zerbricht jetzt der MDR?", fragte Bild . Die Thüringer hätten sich sogar nach Alternativen erkundigt, wusste das Blatt zu berichten, nach Möglichkeiten einer neuen Liaison. "Erste Gespräche mit dem HR", dem Hessischen Rundfunk, hätten stattgefunden. Ministerpräsident Bodo Ramelow versuche, den MDR "an die Kandare zu nehmen", so die FAZ . Und das alles, weil der Freistaat es nicht länger akzeptieren wolle, dass der MDR seine großen Niederlassungen in Sachsen und Sachsen-Anhalt unterhalte, nicht aber in Thüringen.

Die Drohung, den MDR zu verlassen, klingt so surreal, dass man sich die Sache genauer ansehen muss. Ein Treffen also mit Malte Krückels, 46, Thüringens linkem Staatssekretär für Medien, zuständig qua Amt. Meint seine Regierung das wirklich ernst? Krückels, so viel vorweg, ist ein Mann, der in jedem Krimi den Bösewicht spielen könnte. Mit bohrendem Blick schaut er einen an, furchtlos und etwas verwegen schaut er aus. Und so lächelt er also auch verwegen, wenn man ihn auf die MDR-Drohung anspricht. Dies ist Aufmerksamkeit, die er durchaus genießt. "Wenn Journalisten uns in den vergangenen Wochen gefragt haben, ob wir wirklich aus dem MDR aussteigen wollen, haben wir lediglich gesagt: Wir prüfen alle Optionen", sagt Krückels. Wir, das meint vor allem ihn und seinen Staatskanzlei-Chef Benjamin-Immanuel Hoff. Wer auf direkte Fragen sagt, dass er alle Optionen prüfe, sagt ja doch alles.

Was fordert Krückels denn? "Eines ist Fakt: Das Land Thüringen wird derzeit extrem benachteiligt", sagt er. "Von den MDR-Ausgaben landen 70 Prozent in Sachsen, 20 Prozent in Sachsen-Anhalt und zehn Prozent bei uns in Thüringen. Ich fordere nichts Weltbewegendes. Nur dass sich unsere Situation ein wenig verbessert." Der Status quo: In Sachsen beschäftigt der MDR 1543 Mitarbeiter, in Sachsen-Anhalt 390, in Thüringen? 131. Während Sachsen und Sachsen-Anhalt je zwei MDR-Standorte besitzen – in Dresden und Magdeburg stehen Landesfunkhäuser, in Leipzig befindet sich die MDR-Zentrale, in Halle das Radio-Zentrum –, hat Thüringen nur sein Landesfunkhaus. "Ist die Ungerechtigkeit nicht offensichtlich?", fragt Krückels. Sein Problem: Thüringen ist an seiner Malaise selbst schuld. Als Anfang der Neunziger verhandelt wurde, wer wie viel MDR abbekommt, habe sich Thüringen ungeschickt angestellt. So erzählen es jene, die damals dabei waren.

Was wäre Thüringens Alternative? Der Hessische Rundfunk ist notorisch klamm

Wenn man Krückels damit konfrontiert, lächelt er wieder so verwegen. "Alle erklären immer, es sei ein Geburtsfehler, dass die Situation ist, wie sie ist", sagt Krückels, "und das bestreite ich auch gar nicht. Ich sage nur: Darf man einen Geburtsfehler denn niemals beheben?" Dass Krückels gerade jetzt so nachdrücklich ist, hat zwei Gründe. Erstens: Der MDR steckt mitten in einer großen Strukturreform. Es soll künftig nicht mehr Halle die Radio- und Leipzig die Fernsehzentrale beherbergen, sondern: In Halle werden die Unterhaltungs- und Kulturredaktionen angesiedelt, in Leipzig die Informationsredaktionen. Jeweils für alle drei Kanäle – Radio, Fernsehen, Online. Krückels würde dieses riesige Schreibtischerücken am liebsten auch für Erfurt nutzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 45 vom 5.11.2015.

Der zweite Grund, weshalb Krückels so nachdrücklich ist, ist ein persönlicher: Er würde gerne Erfolge vorweisen. 25 Jahre lang wurde Thüringens Medienpolitik von der CDU gemacht. Jetzt ist die Linke am Ruder. Krückels selbst war zuletzt Referent der Linken-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. "Ich komme von außen", sagt er, "ich bin neu in Thüringen, und für mich ist die Benachteiligung Thüringens offensichtlich. Der Rundfunkstaatsvertrag zementiert die politischen Machtverhältnisse von 1991." Damals regierte noch die CDU. Heute unterstützt auch Thüringens CDU-Chef Mike Mohring Krückels Vorstoß. Er hat dabei aber auch nichts zu verlieren: Verliert Krückels, blamiert die Regierung sich allein. Gewinnt er, war die CDU dabei.

Aber ist Thüringen strategisch klug vorgegangen? Im MDR und in den Regierungen Sachsens sowie Sachsen-Anhalts fragt man sich, ob der Staatssekretär mit seiner Drohung nicht womöglich zu forsch war. Wenn Teile des MDR nach Erfurt verlagert werden sollen, müssten das die drei mitteldeutschen Länder gemeinsam beschließen. Gut möglich aber, dass Krückels die Nachbarn eher gegen sich aufgebracht hat. Und so ahnt der Staatssekretär, dass sich vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im März 2016 ohnehin nichts wird ändern lassen. Wenn dann ein Wunder geschähe – und künftig auch dort Rot-Rot regieren sollte –, würde das die Verhandlungsposition des rot-rot-grünen Thüringen verbessern.

Eines muss man noch fragen, Herr Krückels: Kann nicht nur derjenige mit Trennung drohen, der Alternativen hat? Wo will Thüringen denn hin: Wirklich zum HR? "Ein Sender Freies Thüringen", sagt Krückels, und da lacht er, "ist jedenfalls keine Option." Mit dem HR sei, auch wenn einige Zeitungen das geschrieben haben, noch kein Kontakt aufgenommen worden. Dass die Hessen exorbitant hohe Pensionslasten mit sich herumschleppen, im Prinzip notorisch klamm sind, weiß auch Krückels. Der HR könnte die Thüringer Rundfunkgebühren gebrauchen, aber das lässt sich den Wählern schlecht verkaufen. Krückels sagt deshalb: Den Rundfunkstaatsvertrag mit Sachsen und Sachsen-Anhalt zu kündigen – das müsse ja nicht bedeuten, dass man den MDR wirklich verlasse. "Das kann auch eine Änderungskündigung sein", sagt Krückels. Ungefähr so, wie man einen Handyvertrag kündigt, um ein besseres Angebot zu bekommen? Ja, so ähnlich.

Man fragt sich noch, ob er das wirklich so meint, wie er es sagt – da droht er doch wieder mit Hessen, ein bisschen: "Soweit ich weiß, gab es 1991 sogar schon ein Papier zu einem möglichen Hessisch-Thüringischen Rundfunk." Wieder dieser durchdringende Blick. Man soll wohl spüren: Hier steht einer, der sich was trauen will. Manchmal muss es eben Mumm sein.