Merkwürdig, wie episodisch Zeitgeschichte wird, wenn die Großen zwanglos darauflosplaudern. Franz Vranitzky zum Beispiel war stellvertretender Generaldirektor der Creditanstalt und designierter Chef der Traditionsbank. Bis zum Weltspartag 1980. Damals führte der spätere Bundeskanzler den FPÖ-Klubobmann Friedrich Peter durch eine Münzausstellung, als sein Gast plötzlich meinte: "Es ist interessant, wie Sie sich hier noch so ins Zeug werfen." Vranitzky darauf: "Wieso, ich arbeite ja hier." – "Aber nicht mehr lange", erwiderte Peter. "Das kann nicht stimmen", entgegnete Vranitzky. "Wer hat das beschlossen?" – "Na, Ihr Parteivorstand und die Bundesregierung."

Tatsächlich suchte Kanzler Bruno Kreisky einen Ausweichposten für Finanzminister Hannes Androsch, mit dem er sich überworfen hatte – und das war der Job des CA-Generaldirektors. Also musste Vranitzky in die Länderbank wechseln – nur gesagt hatte ihm das niemand. Wenn Ex-Wirtschaftskapitäne aus dem Nähkästchen plaudern, tun sich wunderbare Anekdoten auf. Es sind oft die kleinen Geschichten hinter der Geschichte, welche die Wirtschaftshistorie Österreichs begreiflich machen.

Die zum Teil skurril anmutenden Highlights aus dem Erfahrungsschatz heimischer Industrieller werfen ein erhellendes Licht auf den völlig anderen wirtschaftspolitischen Planeten Österreich vor dem EU-Beitritt 1995. Der ehemalige ÖIAG-Generaldirektor Karl Hollweger berichtet, dass er die Wette gewann, eine Vollversammlung in weniger als drei Minuten abzuhandeln. RHI-Vorstand Franz Struzl erinnert sich, dass er mit folgender Begründung nicht in den Vorstand der Voest kam: "Sie sind körperlich zu klein." Andere Erzählungen regen zum Nachdenken an. Beppo Mauhart erinnert sich an die umstrittene Privatisierung der Austria Tabak im Jahr 2001. Die Unterlagen der ÖIAG dazu seien aus Platzgründen "entsorgt" worden.

Ex-Notenbanker Heinz Kienzl erzählt, dass Österreichs Annäherung an die EG nicht so sehr an den Gewerkschaften gescheitert war. Vielmehr sei Kanzler Kreisky der Überzeugung gewesen, dass die Sowjets das nicht zulassen würden. Auf Kienzls Frage, warum er denn das nicht so sage, meinte Kreisky: "Eher beiße ich mir die Zunge ab, als zuzugeben, dass Österreich nur ein halb souveräner Staat ist." In jedem Fall war Österreich ein überaus geregeltes Staatsgebilde. In der Papierindustrie war die Produktion bis Mitte der neunziger Jahre zentral aufgeteilt. Der Brotpreis war reglementiert, ein staatliches Zweigstellenabkommen legte den Standort von Bankfilialen fest. Jedes Jahr wurden im Finanzministerium Kfz-Haftpflichtversicherungsprämien ausverhandelt und die Zinsen für Sparbücher im berüchtigten Lombardclub besprochen, um sie niedrig zu halten – wenn es denn funktioniert hätte. "Man hat sich getroffen und über Konditionen geredet", sagt der langjährige Nationalbankdirektor Adolf Wala. "Aber dann hat sich niemand an die Empfehlungen gehalten. Materiell war es also ein Club der Meineidbauern und nicht wirklich ein Kartell." Dennoch verurteilte die EU-Kommission 2002 die beteiligten Banken zu Geldstrafen.

Da die ÖVP nicht auf Privilegien verzichten wollte, kaufte die Bank Austria die CA

Österreichs Wirtschaft und Industrie ist historisch eng mit dem Bankwesen verknüpft. Zum einen waren Banken selbst Eigentümer großer Unternehmen, zum anderen wird die Wirtschaft bis heute zu 80 Prozent von Bankkrediten finanziert.

Als 1997 die rote Bank Austria um umgerechnet 1,25 Milliarden Euro die schwarze CA übernahm, empfand das der damalige ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel als Vertrauensbruch. Letztlich führte dieses Ereignis zur schwarz-blauen Koalition im Jahr 2000. Eine andere Lösung sei aber an der bürgerlichen Seite gescheitert, sagt Walter Rothensteiner, damals im Vorstand der RZB. Raiffeisen und die Erste Bank hatten unter Mitwirkung der ÖVP als Käufer abgewunken. Dann kam die schweizerische Credit Suisse ins Spiel. "Mir hätte diese Lösung gut gefallen", erinnert sich der damalige Finanzminister Ferdinand Lacina. Aber nicht der ÖVP, erklärt Willibald Cernko, der im Vorstand der Bank Austria saß: "In der CA gab es im Vorstand politische Besetzungen. Da hatte die Industriellenvereinigung ein Vorschlagsrecht, da hatte die Wirtschaftskammer Wien ein Vorschlagsrecht und so weiter. Diese Einflusssphären ans Ausland gehen zu lassen war ein absolutes No-go".

So witterte Bank-Austria-Chef Gerhard Randa seine Chance. "In einem Schwechater Wirtshaus hat er mich gefragt, was ich dazu sagte, wenn die Bank Austria die CA übernehmen würde", erinnert sich der damalige Kanzler Vranitzky. "Ich meinte, ich habe alles dagegen, denn das ist eine innenpolitische Lawine, eine Bombe, das geht nicht."

Nun zog sich alles in die Länge. Schließlich, so Vranitzky, sei Randa wieder gekommen. "Ich kaufe die Bank, hat er gesagt. Und weil es sonst niemanden gegeben hat, meinte ich, na bitte schön." Jedenfalls war das für Wolfgang Schüssel der Anfang vom Ende der großen Koalition. Viktor Klima war damals Finanzminister. "Ich habe Schüssel die ganze Geschichte noch einmal aufgerollt und festgestellt: Das ist zustande gekommen, weil eure Seite das Geld nicht aufgebracht hat."