Pankow, Ende Oktober. Ich ging am Schlosspark so für mich hin, da zupfte mich eine alte Dame. Sie strahlte: Die Kraniche ziehen!

Guten Tag. Wie bitte?

Ja, kennen Sie denn nicht den weltberühmten Antikriegsfilm?

Bürgerin, sprach ich entrüstet, Regie Michail Kalatosow, mit Tatjana Samoilowa, 1958 Goldene Palme von Cannes. Aber wieso jetzt hier?

Sehen Sie doch!, rief sie begeistert und wies zum Himmel. Dort segelte ein kreischender Schwarm, wie in dem alten Kurt-Demmler-Song: " Die Kraniche fliegen im Keil, so trotzen sie besser den Winden ..." Uns Deutsche besuchen sie nur. Mitte September verlassen sie ihren Hauptwohnsitz Nordskandinavien und reisen ins spanische Winterquartier. Hierzulande rasten sie vier Wochen und fressen sich Kraft an, etwa im Brandenburger Rhinluch, beim Storchendorf Linum. Am 20. Oktober wurden dort 80.736 Kraniche gezählt – nicht von mir. Ich war am 1. November dort, wie Hunderte Berliner. In der Storchenschmiede (Nauener Straße 54) begann am späten Nachmittag die Führung. Die litauische Kranichologin Virginia geleitete uns durch die Auen zur Schlafwiese der mythischen Vögel. Die Sonne sank, da kehrten sie von den Maisfeldern heim, in Schwärmen wie Wolken, und ließen sich nieder. Der Himmel loderte rot. Ein Herr jubelte: Irre Natur, wie jestern im Olympiastadion! Ansonsten schwiegen die Städter, knipsten und beäugten die Fremdlinge andächtig durchs Fernglas. Welch Frieden!

Im Jahre 1675 tobte nahe Linum die Schlacht von Fehrbellin. Sie begründete jenen Militärstaat Preußen, der 1945 vorerst unterging. Letzte Wehrmachttruppen lagen in Linum, eingekesselt von der Roten Armee. Krieg und Frieden haben keine Wurzelorte in der Welt. Sie wandern, wie Tiere. Oder Menschen.