Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5. November und wurde somit vor den Anschlägen in Paris verfasst. Alle Hintergründe und aktuellen Entwicklungen zu den Attentaten finden Sie auf der Themenseite "Terror in Frankreich".

Plötzlich kann die Krise da sein, sie kann auf tausenderlei Arten über uns herfallen. Auf Henriette Reker kam sie in Form einer Rose zu, hinter der sich ein fast halbmeterlanges Messer verbarg. Damit stach der Attentäter Mitte Oktober auf die Kölner Politikerin ein und verletzte sie lebensgefährlich am Hals. Ganz Deutschland war schockiert, als die Nachricht von dem Attentat vor der Kölner Oberbürgermeisterwahl bekannt wurde. Die Kandidatin Reker hatte sich als Sozialdezernentin für die Unterbringung von Flüchtlingen engagiert. Dagegen wollte der rechtsextreme Täter "ein Zeichen" setzen.

Nun wird die Tat zu einem Symbol. Sie wird zum Zeichen für die Widerstandskraft der Zivilgesellschaft, die sich von Fremdenhassern nicht einschüchtern lässt. Noch auf der Intensivstation im Krankenhaus wurde Henriette Reker zur Oberbürgermeisterin von Köln gewählt, erstmals in ihrer Geschichte bekommt die Stadt eine weibliche Chefin. Und so wie Rekers Genesung weiter fortschreitet – derzeit erholt sie sich in einer Reha-Klinik –, wird sie auch zum Symbol für die psychische Stärke eines Menschen, der selbst eine Attacke auf das eigene Leben überwinden kann.

Noch kann man Henriette Reker dazu nicht befragen. Die Sicherheitsbehörden halten den genauen Ort ihres Aufenthalts geheim. Doch auch andere Beispiele zeigen, wie erheblich die Widerstandskräfte eines Menschen sein können. Wolfgang Schäuble, auf den 1990 ein geistig verwirrter Täter schoss, sitzt seither querschnittsgelähmt im Rollstuhl – ist aber politisch weiter hochaktiv, strahlt Witz und Zuversicht aus.

Auch Oskar Lafontaine, der im selben Jahr eine Messerattacke überlebte, ließ sich davon in seinem politischen und persönlichen Engagement nicht bremsen. Man könnte auch Samuel Koch nennen. Beim Versuch, über ein fahrendes Auto zu springen, verunglückte er im Dezember 2010 bei Wetten, dass..? vor laufender Kamera und ist seither querschnittsgelähmt. Trotzdem sagt er, er sei "dankbar", und tourt im Rollstuhl als Schauspieler und Buchautor durch die ganze Republik.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 5.11.2015.

Solche Schicksale sind nicht nur menschlich bewundernswert. Auch die Wissenschaft interessiert sich dafür. "Resilienzforschung" nennt sich jene Disziplin, die sich mit der Frage auseinandersetzt, was Menschen in existenziellen Krisensituationen Halt gibt. Um Attentate auf Politiker geht es dabei eher selten. Meist stehen "normale" Lebenskrisen im Zentrum der Forschung, etwa der Umgang mit dem Tod naher Angehöriger, mit Krebs- und anderen bedrohlichen Diagnosen, mit Unfällen oder Schicksalsschlägen. Auch mit kriegstraumatisierten Soldaten oder den Opfern von Terroranschlägen beschäftigt sich die Forschung, denn in all diesen Fällen zeigt sich immer wieder ein verblüffendes Phänomen: Während die einen von traumatischen Erlebnissen aus der Bahn geworfen werden, Depressionen oder eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, verarbeiten andere dieselbe Notlage relativ problemlos. Manche Menschen scheinen an existenziellen Krisen geradezu zu wachsen und an innerer Stärke zu gewinnen.

Nach 27 Jahren Gefängnis wären wohl die meisten gebrochen – Nelson Mandela hingegen behielt auch in der Zelle seine Hoffnung und den Glauben an seine politische Mission. Er überwand die Apartheid und wurde später zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas. Oder Malala Yousafzai, das pakistanische Mädchen, das sich für Bildung einsetzte und dem die Taliban in den Kopf schossen. Unbeirrt setzt sie ihren Kampf für die Mädchen ihres Landes fort und wurde 2014 die jüngste Friedensnobelpreisträgerin der Geschichte.

Was ist das Geheimnis all jener Menschen? Eigentlich bezeichnet der englische Begriff resilience (Spannkraft, Belastbarkeit) in der Materialkunde die Eigenschaft von Werkstoffen, nach starker Verformung wieder die ursprüngliche Gestalt anzunehmen. In den vergangenen Jahren aber hat der Begriff in der Psychologie, der Ökologie oder Soziologie eine steile Karriere gemacht. Als "resilient" werden mittlerweile nicht nur Menschen bezeichnet, die große Krisen unbeschadet bewältigen, sondern auch Gruppen, Unternehmen oder Ökosysteme, die sich angesichts massiver Irritationen als stabil erweisen.

Resilienz ist damit der Begriff der Stunde. Denn herrscht derzeit nicht permanent Krisenbewältigung – von der Finanz- über die Krim- bis zur Flüchtlingskrise, nicht zu vergessen die Klima-, Fifa- und VW-Krise? Dazu kommen tausendfach die persönlichen Lebenskrisen wie Scheidung, Kündigung, Krankheit oder Tod.

Resilienz hilft nicht gegen jedes Problem

Wie unterschiedlich Menschen auf Schicksalsschläge reagieren, hat etwa der New Yorker Psychologe George Bonanno an Überlebenden des 11. September 2001 nachgewiesen. Über zwei Jahre hinweg untersuchte Bonanno Menschen, die das Drama der einstürzenden Zwillingstürme aus nächster Nähe erlebt hatten: Die einen waren davon so schockiert, dass sie dauerhaft psychisch krank wurden, Depressionen, Angstpsychosen oder weitere chronische Störungen entwickelten. Andere zeigten nur anfangs Stresssymptome oder leichte Psychosen, erholten sich dann allmählich von dem Schreck und waren nach zwei Jahren wieder psychisch gesund. Die dritte Gruppe reagierte zunächst scheinbar gefasst – entwickelte aber nach Monaten oder Jahren eine ausgewachsene Depression oder posttraumatische Belastungsstörung. Und dann gab es noch die Resilienten, die den Terroranschlag ganz ohne erkennbare pathologische Folgen verarbeiteten.

Was solch resiliente Menschen auszeichnet, will auch das Deutsche Resilienz-Zentrum in Mainz erforschen. Im Sommer gegründet, rühmt es sich, "europaweit das erste Zentrum dieser Art" zu sein. Hier will man vor allem die genetischen und neurobiologischen Ursachen der "seelischen Widerstandskraft" ergründen. Dazu startete im September etwa das Mainzer Resilienz-Projekt, in dem 5.000 junge Erwachsene in Mainz über die nächsten Jahre hinweg bei ihrem Übergang ins Berufsleben begleitet werden sollen. Damit will man zum Beispiel herausfinden, ob und welche Gene helfen, diese "schwierige Lebensphase" besser zu meistern.

Das Thema boomt, auch auf dem Buchmarkt. Immer neue Ratgeber verkünden das "Geheimnis der psychischen Widerstandskraft" und erklären uns, wie wir "unsere Resilienzkräfte entwickeln" oder "in Krisen über uns hinauswachsen". Doch so verführerisch die Vorstellung der psychologischen Unverwundbarkeit ist, einer Art "seelischer Rüstung", die man sich antrainieren kann wie die Muskeln in einem Fitnessstudio, so irrig sind oft die Erwartungen, die damit einhergehen. Wer sich etwa dank Resilienztraining für unangreifbar hält, könnte vom nächsten Schicksalsschlag böse überrascht werden: Ein "Teflon-Ich", an dem alle Unbilden des Lebens abperlen, funktioniert nur in der Fantasie von Hollywood. Im wirklichen Leben dagegen sind wir alle verletzlich, durchleben bei Unfällen, Arbeitslosigkeit oder dem Verlust geliebter Menschen unweigerlich Angst, Trauer oder Selbstzweifel. Resiliente Menschen können diese Gefühle lediglich besser bewältigen; auseinandersetzen müssen sie sich damit wie alle anderen auch.

Oskar Lafontaine hat das auch erfahren. Obwohl er das Messerattentat äußerlich gut bewältigte, begleitete ihn lange das Gefühl der eigenen Verletzlichkeit. "Eine Zeit lang bin ich in eine Menschenmenge immer mit dem Gedanken gegangen, es könnte wieder passieren", bekannte Lafontaine in einem Interview mit dem stern. Auch Wolfgang Schäuble sagte, er habe "eine mir bis dahin völlig unbekannte Erfahrung gemacht. Von einer Sekunde auf die andere kann alles anders sein." So etwas verändert den Blick auf das Leben.

Resilienz hilft also nicht gegen jedes Problem. Ohnehin haben viele Krisen (Euro, Klima, VW ...) politische oder ökonomische Ursachen und können nur auf dieser Ebene gelöst werden. Es wäre fatal, die Handlungsebenen zu verwechseln und soziale Schieflagen mit dem Hinweis auf individuelle Resilienz zu beantworten. Auf einer Tagung der Hilfsorganisation medico international (Titel: "Fit für die Katastrophe?") klagten kürzlich viele Referenten darüber, dass durch den Resilienz-Hype der Umgang mit gesellschaftlichen Problemen mehr und mehr zur Privatsache erklärt werde. Dadurch gerieten die strukturellen Ursachen von Armut, Gewalt oder Umweltzerstörung aus dem Fokus, und krisenhafte Verhältnisse würden nicht verändert, sondern zementiert.

Der britische Politik-Ökonom Marc Neocleous rief sogar zum Widerstand gegen die Resilienzbegeisterung auf. "Die Sprache der Resilienz bereitet uns auf den Krieg vor", postulierte er auf der Tagung. Das Gerede von der psychischen Widerstandskraft schaffe eine "Kultur des Vorbereitetseins auf die Katastrophe". Dabei gehe es doch darum, Wege zu finden, die Katastrophe zu verhindern.

Klar ist: Resilienz ist kein Allheilmittel gegen die Widrigkeiten struktureller Probleme. Und auch die allgemeine Frage, wie man generell Krisen bewältigt, ist wenig zielführend. Weiter kommt man aber mit der Überlegung, welche Menschen unter welchen Umständen wohl welche Art von Krise besser überstehen.

Soziale Beziehungen sind die wichtigste Ressource seelischer Widerstandskraft

Was vernachlässigte Kinder stark macht, erforschte beispielsweise die Pionierin der Resilienzforschung, Emmy Werner. Die amerikanische Entwicklungspsychologin untersuchte von Ende der 1950er Jahre an die Ureinwohner auf der hawaiianischen Insel Kauai. Dort waren Armut und Alkoholismus allgegenwärtig, viele Kinder wurden misshandelt, hatten wenig zu essen, litten unter psychisch kranken oder trunksüchtigen Eltern.

Erwartungsgemäß wurden zwei Drittel der von Werner beobachteten Kinder später selbst gewalttätig, alkoholabhängig oder psychisch krank. Jedes dritte Kind aber ging aus seiner sozialen Hölle gänzlich ungebrochen hervor. Bei identischen Lebensbedingungen wurde ein Drittel der Probanden später weder straffällig noch krank, sondern sie meisterten ihr Leben erfolgreich, hatten als Erwachsene normale Berufe und führten gesunde Beziehungen.

Seiltänzer ohne Netz

Was war das Geheimnis dieser Kinder? Alle hatten wenigstens eine Vertrauensperson, die sie liebte und unterstützte und auf die sie sich verlassen konnten. Egal, ob Geschwister, Großmutter oder Lehrer – entscheidend war, dass die Kinder die Erfahrung machten, dass wenigstens ein Mensch an sie glaubte, ihnen half und ihnen etwas zutraute. Das erlaubte ihnen, auch an sich selbst zu glauben und ihr Leben in die Hand zu nehmen – im Gegensatz zu jenen Kindern, die solch eine stärkende Beziehung nie erlebten.

Werners Ergebnisse wurden von vielen späteren Studien bestätigt: Die frühkindlichen Beziehungserfahrungen sind zentral für den Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls – und damit für die Fähigkeit, mit Schwierigkeiten und Krisen umzugehen. Auch bei Erwachsenen erweisen sich soziale Beziehungen als wichtigste Ressource seelischer Widerstandskraft. Der Wirtschaftspsychologe Jörg Bauer hat kürzlich 21 gefeuerte Topmanager befragt, wie sie ihren Karrieresturz überwunden hätten. Die Antwort: Den entscheidenden Halt geben immer wieder "Freunde und Familie". Tragisch nur: Gerade beruflich Erfolgreiche, die für ihre Arbeit alles drangeben, interessieren sich oft für die eigene Familie nur wenig, für Freunde schon gar nicht. Fällt dann der Job weg, geht es ihnen wie dem Seiltänzer ohne Netz.

So widerfuhr es etwa dem früheren Siemens-Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, der im Strudel der Korruptionsaffäre bei Siemens alle Ämter verlor (ZEIT Nr. 23/15). Als "Arbeitstier" hatten Kollegen den Topmanager beschrieben, als einen Menschen, der keine Freizeit kannte und "200 Prozent" gab. Als darüber seine Ehe scheiterte und er seine Kinder kaum sah, dachten viele, das sei eben der Preis für die Karriere. Als dann auch die Karriere abbrach und Neubürger mit 54 Jahren nicht mehr vermittelbar war, gab es offenbar nichts, was ihn noch am Leben hielt. Anfang dieses Jahres stürzte er sich in München von einer Eisenbahnbrücke.

Nicht nur Freunde und Familie geben Halt, auch die Zugehörigkeit zu einem Verein, einer religiösen Gemeinde oder einer politischen Partei kann helfen – kurz: jede Art von menschlicher Zuwendung. Wenige Wochen nach dem Mordanschlag auf Wolfgang Schäuble besuchte Oskar Lafontaine den Leidensgenossen in der Klinik. Das habe ihm gutgetan, erklärte Schäuble später. Auch bei Henriette Reker darf man davon ausgehen, dass ihr die breite Unterstützung aus der Politik, aber auch aus der Bürgerschaft hilft, ihr Trauma zu verarbeiten. Menschen sind nun einmal "Resonanzwesen", wie der Soziologe Hartmut Rosa sagt: Kaum etwas ist für uns so wichtig wie das Gefühl, mit anderen verbunden zu sein, als Mensch gesehen und anerkannt zu werden. Gerade in Krisenzeiten ist diese Art von Erfahrung unendlich wertvoll.

Manche Menschen können ihre seelische Widerstandskraft auch aus einer anderen Form von Resonanz ziehen, etwa aus einer starken Naturverbundenheit, aus der Liebe zu Musik, Kunst oder Wissenschaft oder aus einem tiefen religiösen Glauben. "Man fällt nie tiefer als in Gottes Hand", tröstete sich etwa Margot Käßmann, als sie wegen einer Alkoholfahrt ihr Amt als Landesbischöfin und evangelische Ratsvorsitzende verlor.

Ebenso als förderlich für die Resilienz haben sich in Studien bestimmte Charaktermerkmale erwiesen: Wer über ein aktives, offenes Temperament, Intelligenz oder Humor verfügt, hat es in Krisensituationen leichter; wem geistige Flexibilität fehlt, der tut sich dagegen schwer mit dem Neuen, Unbekannten, in das die Krise ihn stößt. Manche sind auch genetisch begünstigt oder benachteiligt, bei den einen funktioniert die interne Stressregulation von Natur aus besser, bei den anderen schlechter. Und auch der Kontostand spielt eine Rolle: Wohlhabende haben einfach mehr Ressourcen, sich auch in Krisenzeiten Hilfe zu holen.

Doch trotz mannigfaltiger Erkenntnisse ist die zentrale Frage der Resilienzforschung noch immer ungelöst: Wie lässt sich prognostizieren, ob ein bestimmter Mensch resilient ist oder nicht? Daran beißt sich die Wissenschaft bislang die Zähne aus. Wie jemand eine Krisensituation letztlich bewältigt, kann man mit Bestimmtheit erst nach der Krise sagen. Der eine rutscht trotz Familie, Wohlstand und Kirchenchor in eine tiefe Depression; die andere hat weder Geld noch Glaube oder Geschwister und schwingt sich dennoch auf wie Phoenix aus der Asche. Wissenschaftlich ausgedrückt: Der "prädiktive Wert" all der ermittelten Resilienzfaktoren ist erschreckend niedrig. "Das sind eben nur Daumenregeln", sagt der Psychiater und Hirnforscher Henrik Walter, "und wie alle Daumenregeln treffen sie mal zu – und mal nicht. Wir wissen nur nicht, warum."

Für Raffael Kalisch ist das Grund genug, nach 40 Jahren Resilienzforschung noch einmal ganz von vorn anzufangen. Der Neurowissenschaftler ist einer der Initiatoren des Deutschen Resilienz-Zentrums in Mainz und sagt: "Wir müssen erst einmal die Grundlagen richtig klären." Aus Kalischs Sicht liefern viele der bisherigen Studien nur "anekdotische Evidenz" für den Einfluss der einzelnen Resilienzfaktoren. Weder könne man daraus eine Prognose ableiten, noch habe man bislang Trainingsprogramme identifiziert, deren Erfolg "in kontrolliert randomisierten Studien nachgewiesen wäre".

Erst in der Krise wächst die Resilienz

Zwar touren bereits hauptamtliche "Resilienztrainer" durch Deutschland, doch deren Empfehlungen entspringen mehr den persönlichen Überzeugungen der jeweiligen Coaches als wissenschaftlich getesteten Programmen. Raffael Kalisch kann mit alldem wenig anfangen. Schon die Vorstellung einer "generellen Resilienz", die für jedweden Menschen in jeder Krise gleich gültig wäre, hält er für fragwürdig. "Wir dürfen den Begriff nicht überladen", warnt der Hirnforscher, "die Verarbeitung von traumatischen Kriegserfahrungen lässt sich nicht mit dem Wunsch nach weniger Stress im Büro vergleichen." Auch die Idee, Resilienz sei eine konstante Charaktereigenschaft, hält Kalisch für falsch. "Wir haben bislang nichts Stabiles identifiziert, kein Persönlichkeitsprofil, das Prognosen erlaubt", sagt Kalisch und zerstört damit den Mythos vom Stehaufmännchen. Für ihn ist Resilienz vielmehr ein "dynamischer Prozess", der erst in der Herausforderung entstehe.

Anders gesagt: Niemand wird resilient geboren. Und es ist auch nicht so, dass ein einmal resilienter Mensch vor jeder anderen Krise geschützt wäre. Vielmehr ist es umgekehrt: Erst in der Krise wächst die Resilienz. Mit der psychischen Widerstandskraft verhält es sich also ähnlich wie mit dem menschlichen Immunsystem: Um die nötigen Abwehrkräfte (Antikörper) zu entwickeln, muss man den entsprechenden Attacken (Krankheitserregern) erst einmal ausgesetzt sein.

Im Kopf entscheidet sich, ob eine Situation überhaupt als Bedrohung wahrgenommen wird

In einem Grundsatzartikel hat Kalisch kürzlich eine neue Ausrichtung der Resilienzforschung vorgeschlagen: Statt wie bisher auf einzelne Resilienzfaktoren (Freunde, Geld, Glaube ...) zu achten, solle man sich lieber mit den neurobiologischen und kognitiven Mechanismen beschäftigen, die beim einen fortgesetzten Stress, beim anderen Entspannung erzeugen. Der Text führte prompt zum Aufruhr in der Szene. Über 30 Seiten lang sind die Kommentare zu Kalischs Artikel in der Fachzeitschrift Behavioral and Brain Sciences.

Eine, die ganz auf Kalischs Linie liegt, ist die israelische Psychiaterin und Hirnforscherin Talma Hendler. Sie beschäftigt sich in Tel Aviv etwa mit der Frage, wie man israelische Rekruten auf den Umgang mit Kriegstraumata vorbereiten kann. Und ähnlich wie Kalisch sucht Hendler die Antwort darauf vor allem im Kopf ihrer Probanden. Denn die dort ablaufenden neurobiologischen Mechanismen entschieden darüber, ob eine Situation überhaupt als Stress empfunden werde und wie schnell sich jemand darauf einstellen könne.

Eine zentrale Rolle dabei spielt die Amygdala (auch Mandelkern genannt). Dieses Areal in der Tiefe des Gehirns bewertet alle eingehenden Signale und schlägt bei bedrohlichen Informationen sofort Alarm. Nach starken, insbesondere mehrfachen Traumata kann dieser Mechanismus allerdings so aus dem Ruder laufen, dass die Amygdala ständig die Sirene auslöst – selbst bei harmlosen Ereignissen. Auch Schlafentzug kann diese Wirkung haben. Der "Angstwächter" im Hirn wird dann so überempfindlich, dass er zwischen positiven und negativen Signalen nicht mehr unterscheiden kann. Die Betroffenen geraten in Dauerstress.

Um diesen zu verhindern, erprobt Talma Hendler gerade das sogenannte Neurofeedback. Dabei werden die Hirnströme der Übenden aufgezeichnet und in akustische oder optische Signale auf einem Bildschirm umgesetzt. Man kann also der eigenen Hirnaktivität in Echtzeit zuschauen – und sie durch entsprechende Gedankenkraft beeinflussen. In Tel Aviv wird den Rekruten dazu eine EEG-Haube aufgesetzt, die kontinuierlich die Aktivität ihrer Amygdala misst. Die Signale werden dann in eine Computeranimation umgesetzt. Auf dem Monitor erscheint ein Warteraum mit vielen Menschen, wobei die Bewegung der Wartenden von den Hirnströmen der Amygdala gesteuert wird. Ist das Furchtzentrum im Kopf sehr aktiv, herrscht in dem digitalen Warteraum helle Aufregung, alles rennt und schreit durcheinander. Wird die Aktivität der Amygdala schwächer, beruhigt sich das Geschehen auch auf dem Bildschirm: die Wartenden setzen sich brav auf ihre Stühle. Ziel der Übung ist es, die eigenen Gedanken so unter Kontrolle zu bekommen, dass am Ende Friede im Kopf (und im Warteraum) herrscht.

"Der Mensch ist ein zähes Tier"

Im Labor scheint die Sache zu funktionieren: "Die Probanden lernen, intuitiv mit diesem Signal zu arbeiten", berichtet Hendler. Nach mehreren Trainingssitzungen habe sich die Fähigkeit zur internen Stressregulation deutlich verbessert: Der Stress- und Angstpegel sinke, und die Probanden zeigten in Tests größere Gelassenheit im Angesicht von Bedrohungen.

Um mit Stress fertigzuwerden, muss man sich dem Stress stellen

Wie die Selbstberuhigung genau gelingt, ist allerdings nicht leicht zu erklären. "Jeder muss seine eigene Strategie finden", sagt der Tübinger Neuropsychologe Niels Birbaumer, der selbst seit Jahren mit Neurofeedback arbeitet. Mit Willenskraft habe die Sache überraschenderweise wenig zu tun, manchmal komme es gerade darauf an, den Willen und das bewusste Denken auszuschalten und sich einfach zu entspannen. Durch die unmittelbare Rückmeldung auf dem Computerbildschirm lerne der Einzelne jedoch mit der Zeit, worauf es bei ihm speziell ankomme. "Sobald die Patienten das begriffen haben, geht es automatisch", sagt Birbaumer. Das sei "wie bei einem Fußballer. Der kann auch nicht erklären, wie er gerade das Tor geschossen hat."

Der Ansatz sei zwar "höchst interessant", bewertet Birbaumer die neue Forschung, bislang sei allerdings nicht bewiesen, dass die unter künstlichen Bedingungen eingeübte Strategie bei den Soldaten auch im Ernstfall funktioniere. "Im Labor lässt sich das Gehirn leicht trainieren, da sieht man schon nach ein, zwei Stunden deutliche Effekte", sagt der Neuropsychologe. "Etwas anderes ist es, damit im realen Leben echte Verhaltensänderungen zu erreichen." Ob das den stresstrainierten Rekruten gelingt, wird man erst in einigen Jahren sagen können, wenn die Soldaten echte Einsätze im Häuserkampf hinter sich haben.

Birbaumer hat selbst schon Soldaten in Sachen Resilienz trainiert – allerdings mit klassischer Konfrontationstherapie: "Wir haben sie mit Hubschrauberlärm zugedröhnt, Bombenabwürfe simuliert und sie zwischen brennende Häuser gestellt." Nur wer solche Gefahrensituationen möglichst realistisch erlebe, könne auch üben, sie psychisch auszuhalten. Das heißt: Um mit Stress fertigzuwerden, muss man sich dem Stress stellen – am besten zunächst unter kontrollierten Bedingungen, etwa im Labor oder (im Leben) indem man sich des Rückhalts von guten Freunden oder anderen helfenden Kräften versichert.

Am Ende ist es mit der Kunst der Krisenbewältigung ähnlich wie mit dem Neurofeedback: Was dabei im Kopf abläuft und was jeder Person wirklich neuen Mut verleiht, ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Diese hängt von familiären Erfahrungen, Freunden, Genen, Werten, Glaubensvorstellungen und vielem anderen ab. Ein generelles Patentrezept gibt es nicht – zum Glück. Denn welche Lösung im Einzelfall sinnvoll und stimmig ist, das ist so individuell wie die Frage, warum man zum Beispiel gerade diese Frau oder jenen Mann liebt und nicht zufällig jemand anderen. Deshalb ist auch die Rubrik "Das war meine Rettung" im ZEITmagazin noch nach Jahren interessant: weil alle Befragten unterschiedliche Rettungsgeschichten erzählen. Weil es so viele Wege gibt wie Menschen.

Die Resilienzforschung aber macht Hoffnung, dass wir im Angesicht von Krisen einen Rettungsweg finden, selbst wenn wir ihn vorher nicht kennen. Denn der Mensch ist psychisch offenbar erheblich widerstandsfähiger, als gemeinhin angenommen. Selbst in der 9/11-Studie von George Bonanno erwiesen sich 35 Prozent derer, die dem Terror entkommen waren, als resilient – ein sagenhafter Wert angesichts der Einzigartigkeit und Schwere dieses Traumas.

In anderen Erhebungen zum Umgang mit "normalen" Lebenskrisen wie Krebserkrankung, Tod eines Angehörigen oder Jobverlust zeigten sich sogar bis zu 60 Prozent aller Menschen resilient. Für Bonanno ist Resilienz daher nicht die Ausnahme, sondern die Regel: "Der Mensch ist ein zähes Tier."

Statt vor der nächsten Krise zu zittern, könnten wir sie daher auch als gute Gelegenheit ansehen, die eigene Resilienzfähigkeit zu testen – und hoffnungsvoll davon ausgehen, dass uns im Ernstfall jene Kräfte zuwachsen, die wir zur Krisenbewältigung brauchen. Tatsächlich erkennen wir oft erst in der Notlage, wie stark wir wirklich sind.

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