Tom Klee hat seinen Laden noch keinen halben Tag geöffnet, da waren schon vier Mütter da. Ein Baby in der Trage vor dem Bauch oder eins im Kinderwagen – und alle wollten das Gleiche: einen Rucksack der schwedischen Marke Fjällräven, Modell Kånken. Klee hat einen grauen, einen grünen und zwei hellblaue verkauft. Ansonsten stehen in seinem Outdoorladen an der Osterstraße Wanderschuhe in den Regalen, es gibt Wollmützen und Parkas. Doch die großen Umsätze macht Klee mit "diesem Rucksack", wie er sagt.

Der Kånken ist eckig und schmucklos, zwei Fächer, zwei Seitentaschen, das Logo stellt einen zusammengerollten Polarfuchs dar. Das Markensignet ist eigentlich zu groß und zu kindlich für eine stilbewusste Klientel, die Form des Rucksacks erinnert an einen Tornister. Kånken – der Name klingt wie irgendetwas Klobiges aus Skandinavien, das aber seit dem Mittelalter nicht mehr hergestellt wird. Alles in allem ein Moderätsel in Kastenform. Tom Klee ist das letztlich egal, er ist froh, dass er den Rucksack dieser Tage überhaupt noch anbieten kann.

Nirgendwo in Deutschland ist die Nachfrage nach dem Kånken größer als in Hamburg und Umgebung. Dass die Hamburger eine Vorliebe für Skandinavisches haben, ist bekannt, dass die so weit geht, dass Fjällräven seinen Rucksack schon nicht mehr liefern kann, ist neu – und macht das Teil nur noch begehrter. Vor allem junge Mütter aus der Schanze, aus Ottensen und Eimsbüttel reißen sich um den Beutel. Ein Rucksack, den jedes Kind schon in den Achtzigern als ästhetische Strafe empfunden hätte, ist zum Fetisch eines Milieus geworden.

Klee verkauft gerade den Bestand, den er schon vor knapp einem Jahr geordert hat. In weiser Voraussicht hatte er ihn in rauen Mengen bestellt. "Der Run auf dieses Teil ist extrem, und ich dachte mir schon, dass das noch anhalten wird", sagt Klee. Ein wenig Triumph kann er nicht unterdrücken.

In vielen Hamburger Sport- und Outdoorgeschäften ist der Rucksack seit Wochen ausverkauft oder nur noch in den weniger beliebten Farben erhältlich. "Auf einen in Graphite musst du ein paar Monate warten", winkt ein Verkäufer im Eimsbüttler Streetware-Laden Oak ab. Auch Globetrotter oder Hardenberg in der Schanze haben nur noch einige wenige Farben da. "Da gibt es hier manchmal Dramen, wenn wir nicht die richtige Schattierung dahaben", sagt der Verkäufer. Und einer bei Sportscheck in der Innenstadt warnt: "Wenn Sie so einen Rucksack haben, passen Sie besser gut drauf auf." Selbst im Internet bei Amazon gibt es die meisten Modelle nur noch in einstelliger Stückzahl.

Die Kånken-Manie stellt auch soziologisch eine Herausforderung dar. Die eingehende Inspektion des Teils ergibt: Der Rucksack ist perfekt auf eine Kladde im DIN-A4-Format zugeschnitten – ist also ideal zum Transport von Designmagazinen oder jenen Kladden, in die kreative Menschen ihre Ideen (Apps, Blogs, vegane Rezepte) eintragen. Auch dass sich die gepolsterte Rückenverstärkung herausnehmen und als Sitzkissen verwenden lässt, könnte von Bedeutung sein. Wer setzt sich nicht gern am Jungfernstieg zum iChat, ohne Angst vor einer Blasenentzündung.

Das Nachfrageproblem sieht man bei Fjällräven gelassen. "Es stimmt, wir können aktuell weltweit keinen einzigen Kånken ausliefern", sagt ein Unternehmenssprecher. "Aber Fjällräven wird die Produktion trotzdem nicht steigern." Die Schweden wollen ihren gemächlichen Kurs beibehalten. Wer weiß schon, wie lange der Hype noch anhält. Derzeit trifft der Engpass das Unternehmen sogar selbst: "Wenn unser Marketing für ein Fotoshooting einen Kånken braucht, haben wir wirklich Schwierigkeiten, einen aufzutreiben."