Jetzt geht’s ans Sterben. Das Parlament entscheidet in den nächsten Tagen über vier Gesetzesentwürfe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Abgeordneten der Gruppe Michael Brand (CDU/CSU) und Kerstin Griese (SPD) sehen vor, die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid unter Strafe zu stellen. Sterbehilfevereine und Ärzte, die eine solche Option anbieten, verstoßen dann gegen geltendes Recht. Die Abgeordnetengruppe um Peter Hintze (CDU) und Carola Reimann (SPD) tritt für einen Gesetzesentwurf ein, der für eine Suizidhilfe in Form einer legalen, ärztlich begleiteten Lebensbeendigung plädiert.

Der radikalste Entwurf, der die Straffreiheit bei der Hilfe zur Selbsttötung einschließlich kommerzieller Suizid-Beihilfe befürwortet, stammt von der Gruppe um Renate Künast (Die Grünen) und Petra Sitte (Die Linke). Für eine Strafbarkeit jeglicher aktiven Beteiligung an einer Selbsttötung durch den Arzt oder Familienangehörige kämpft die Gruppe der Abgeordneten Patrick Sensburg und Thomas Dörflinger, beide CDU/CSU. Die Gegensätzlichkeit dieser vier Gesetzesinitiativen über alle Parteigrenzen hinweg zeigt, wie disparat die Vorstellungen von der Würde des Menschen in der Gesellschaft sind.

Formal geht es beim assistierten Suizid um eine kleine Zahl von Fällen. Doch dahinter steht die große, existenzielle Frage: Wozu verpflichtet die unantastbare Menschenwürde, wie sie in Artikel 1 des Grundgesetzes verankert ist, am Ende des Lebens? Welchen Freibrief erhält die Selbstbestimmung dabei? Darf sie sich als völlige Autarkie verstehen, oder ist der Mensch ein an die Verantwortungsgemeinschaft gebundenes Wesen? Sollte diese Gemeinschaft ein menschenwürdiges Leben nicht gerade dann gewährleisten, wenn ein Sterbenskranker von anderen Menschen abhängig wird?

Am Anfang des Lebens ist der Mensch abhängig, am Ende des Lebens ist er es meistens auch. Das ist der Natur geschuldet, der auch der stärkste Selbstbestimmungswille auf Dauer nicht trotzen kann. Das absolute Verfügungsrecht über das eigene Leben mag eine vitale Rebellion gegenüber dem Tod sein, diese Schlacht aber kann keiner gewinnen.

"Mein Tod gehört mir" – eine solche Parole greift zu kurz. Sterben ist nie nur individuell, es ist immer und jetzt erst recht auch politisch. Wie die Gesellschaft mit jenem Menschen, der sterbenskrank und lebensmüde ist, umgeht, beeinflusst die subjektive Entscheidung, wie lange das Leben lebenswert erscheint. Wer sich gut umsorgt fühlt, wird vielleicht nicht so schnell um den Tod bitten. Warum wird über den Beistand fürs Leben nicht so leidenschaftlich diskutiert wie über die Beihilfe zum Sterben? Verlagert sie bequemerweise das Nachdenken über Würde auf den letzten Vorhang und vernachlässigt das ganze vorherige Geschehen?

Der Staat kann weder ein Gesetz zur Abschaffung der Einsamkeit verhängen, noch lässt sich körperliches oder seelisches Leiden ausbürgern. Körperliche Schmerzen lassen sich in der Palliativmedizin oft, wenn auch nicht immer, pharmazeutisch lindern. Doch die größte Angst der Bundesbürger ist nicht nur, am Lebensende unter starken Schmerzen zu leiden oder einer lebensverlängernden technischen Apparatur hilflos ausgeliefert zu sein. Mindestens genauso spielt die Angst eine Rolle, Nahestehenden zur Last zu fallen oder zu vereinsamen. Das muss eine Gesellschaft alarmieren. Denn die Furcht, zur sozialen Bürde zu werden, wird auch gespeist von der Hiobsbotschaft, es gebe zu viele Pflegebedürftige und zu wenige, die sie pflegen. Eigene Kinder sind längst keine Garantie mehr dafür, im Alter versorgt zu sein. Die sogenannten Nahestehenden wohnen gar nicht mehr so nah. Die Globalisierung macht aus uns immer häufiger Monaden, verdammt zum Single-Dasein, die vom Fertiggericht bis zum Wellnesswochenende Lebensqualität nur über teure Dienstleistungen beziehen. Und wer es sich sein Leben lang über käufliche Dienstleistungen angenehm macht, bestellt am Ende seines Daseins womöglich eher einen Sterbedienstleister. Er kann sich ausmalen, dass sich in seiner Todesstunde keine Großfamilie um ihn versammelt. Es ist müßig, das Hohelied auf jene Großfamilie zu singen, in der Tod und Geburt im Kreis der Familie stattfanden. Sie wird nicht als Standard-Lebensmodell zurückkommen.

In komplizierten Zeiten ist die Suche nach einfachen Lösungen besonders naheliegend. Das Effizienzdenken macht mittlerweile auch vor dem Tod nicht halt. Von der Wiege bis zur Bahre soll alles "gemanagt" werden. Da liegt das Einfallstor für gewerbliche Dienstleister, die auch noch für den Exitus ein Angebot bereithalten. All inclusive bis zum letzten Atemzug. Das wollen die Kirchen nicht. Sie befürworten den Brand-Griese-Entwurf. Ob er sich durchsetzt, wird sich zeigen. Auch die Kanzlerin hat sich für ihn starkgemacht. Dieser Entwurf berücksichtigt am ehesten das christliche Verständnis von Selbstbestimmung, "das aus Gottes Hand empfangene Leben selbst zu gestalten und es zugleich vor sich, vor anderen und vor Gott zu verantworten". Demnach lässt sich die Selbstaufgabe nur schwer mit Selbstbestimmung vereinbaren. Wie passen Freiheit und Verzweiflung zusammen? Ein Staat kann keine Pflicht zum Leben abverlangen. Aber er muss Hürden schaffen, um die Würde des Sterbens zu bewahren.