Also schauen wir uns das Fatca-Abkommen zwischen Deutschland und den USA genauer an. Geschlossen wurde es 2013 "zur Förderung der Steuerehrlichkeit bei internationalen Sachverhalten". Das deutsche Finanzministerium schreibt: "Durch das Abkommen soll ausgeschlossen werden, dass durch die Einschaltung ausländischer Finanzinstitute oder Finanzdienstleister Steuern hinterzogen werden können."

Wenn ein US-Amerikaner ein Konto bei einer deutschen Bank hat, scheint das Abkommen dem amerikanischen Fiskus tatsächlich zu helfen. Die Bank muss Name und Adresse des Kontoinhabers sowie den Kontostand übermitteln. Das gilt auch für den Fall, dass ein amerikanisches Unternehmen ein Konto bei einer deutschen Bank führt. Die Bank ist sogar verpflichtet, im Fall einer verschachtelten Konstruktion aus Offshore-Gesellschaften aufwendig zu prüfen, ob nicht ein Bürger der USA als Eigentümer dahintersteckt. "Der juristische Schleier wird durchleuchtet", sagt Hans-Joachim Jaeger, Fatca-Experte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY.

Und andersherum? Im Fall eines Unternehmenskontos muss die amerikanische Bank nach der Anfrage deutscher Behörden nicht ermitteln, wer wirklich als wirtschaftlich Berechtigter dahintersteckt. Überhaupt muss sie Informationen über Unternehmenskonten nur dann liefern, so Jaeger, "wenn es sich um ein Depot handelt, das auch amerikanische Wertpapiere enthält. Normale Spar- oder Girokonten von Unternehmen fallen dagegen grundsätzlich nicht unter das Abkommen, werden also auch nicht nach Deutschland gemeldet." Steuern in den USA würden nur auf dort erzielte Einkünfte fällig. Diese müsste Hannes also allenfalls auf Zinsen bezahlen, die er für seine Million bekommt.

Warum die deutsche Bundesregierung sich auf ein so ungleiches Abkommen einlässt? Das Finanzministerium verweist darauf, dass die USA anerkannt hätten, "im gegenseitigen automatischen Informationsaustausch mit der Bundesrepublik Deutschland ein gleichwertiges Niveau" zu erreichen. Wann und ob es dazu überhaupt kommen wird, steht aber in den Sternen.

Noch bieten die USA damit alle Voraussetzungen, um sowohl dem Netz als auch der Nadel zu entkommen. Für das Netz muss man nur bei einer Bank in den USA ein normales Unternehmenskonto eröffnen. Wer auch vor der Nadel sicher sein will, kann eine Treuhänderkonstruktion wählen. Die US-Banken müssen dann dem Abkommen zufolge ja nicht weiter nachforschen.

Hannes gründet ein Unternehmen. Dazu bucht er auf der Onlineplattform mycorporation.com das Paket "Business in a Box". Als Erstes muss er entscheiden, in welchem Bundesstaat seine Firma registriert sein soll. Hannes wählt Florida, weil die Gründung von Unternehmen dort besonders unbürokratisch ist. Als Nächstes muss er beantworten, wer "President", wer "Director" und wer "Treasurer" sein soll. Hannes entscheidet sich, alle Funktionen selber zu bekleiden. Das ist kein Problem. Wie viele Aktien das Unternehmen maximal ausgeben darf? Hannes hat keine Ahnung, tippt aber einfach mal die Zahl 100 ein. Beim Zweck des Unternehmens hält er sich lieber bedeckt und wählt aus einer Liste möglicher Antworten: "Any and all Lawfull Business" alle legalen Geschäfte.

Der Name der Firma: Hannes Financial Florida Corporation. Eine Adresse in den USA braucht Hannes für die Gründung nicht. Es reicht ein "Registered Agent", an den die Behörden juristisch relevante Post zustellen können. In unserem Fall ist das eine Kristin Prell aus Fort Myers in Florida. In unserem Gründungspaket von 570 Dollar ist sie enthalten.

Was uns am meisten wundert: Hannes muss sich nicht einmal ausweisen. Weder eine beglaubigte noch eine einfache Kopie des Personalausweises, Reisepasses oder Führerscheins sind notwendig. Wir hätten anstelle von Hannes’ Namen auch den irgendeiner anderen realen oder erfundenen Person angeben können.

Nach zwei Wochen kommt Post nach Deutschland: Das Florida Department of State bescheinigt Hannes die erfolgreiche Gründung der Hannes Financial Florida Corporation.

Als der australische Politologe Jason Sharman vor sechs Jahren versuchte, für eine Studie in diversen Ländern anonym eine Firma zu gründen, wurde er in der Schweiz und sogar auf den Bermudas aufgefordert, zahlreiche notariell beglaubigte Dokumente einzureichen. In den USA waren so gut wie keine Nachweise nötig. Sein Fazit: "Nirgendwo auf der Welt ist es einfacher, anonym ein Unternehmen zu registrieren." Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Weltbank-Studie aus dem Jahr 2011. Von 27 Dienstleistern, die dabei helfen, in den USA eine Firma zu gründen, gaben nur drei an, einen Nachweis der Identität zu verlangen. Kein Land schnitt schlechter ab.

Die Hannes Financial Florida Corporation braucht nun noch ein Konto. Also ruft Hannes bei mehreren Banken in Amerika an und fragt, was für die Eröffnung eines Firmenkontos notwendig sei. Eine einheitliche Linie scheint es nicht zu geben. Jede Bank handhabt das anders. Zum Teil unterscheiden sich die Auskünfte sogar von Filiale zu Filiale. Nur in einem Punkt sind sich alle Banken einig: Ohne Besuch vor Ort geht es nicht.

Hannes und ich packen Shorts und Sonnenbrille ein. Wir fliegen nach Miami. Die Stadt wirkt in etwa so, wie man sie aus der Fernsehserie Miami Vice kennt. Auf dem Ocean Drive geht es kaum voran, weil die Ford Mustang Cabriolets, Hummer und Porsches zum Schaufahren auf die Strandpromenade drängen. In den Clubs werden teure Drinks von Frauen in Hotpants ausgeschenkt. Männer wedeln auf der Tanzfläche mit Dollarscheinen wie in einem Snoop-Dogg-Video.