* 5. November 1930 - † 5. November 2015

Hans Mommsen, das wurde in diesen Tagen oft betont, war einer der größten Historiker der Bundesrepublik. Aber seine Bedeutung für die Geschichtsschreibung des Nationalsozialismus geht über Deutschland weit hinaus. Auch international genoss er großen Ruhm; seine zahlreichen Gastprofessuren in den USA und in Großbritannien zeugen davon.

Was Hans Mommsen ausmachte, war, dass er niemals zauderte. Obwohl er immer wieder hart angegangen wurde, hielt er an seinen Überzeugungen fest. Ende der siebziger Jahre bedeutete dies, sich gegen alle führenden NS-Experten zu stellen, die wir heute "Intentionalisten" nennen. Mommsen lehnte deren "Hitlerismus" ab und wurde zum bekanntesten Vertreter der "Funktionalisten" oder "Strukturalisten". Ihn interessierten weniger die Taten führender Nazis. Er analysierte, welch enorme Verantwortung weite Teile der Gesellschaft dafür trugen, dass Hitler an die Macht kam. Er zeigte, wie insbesondere die nationalkonservativen Eliten bereitwillig mit dem NS-Regime kollaboriert hatten. Seinen Forschungen sind weitreichende Erkenntnisse darüber zu verdanken, wie der Nationalsozialismus die Weimarer Verfassung aushöhlen und sich fortschreitend radikalisieren konnte, bis er in einem Strudel maximaler Zerstörung und Gewalt versank.

Das Werk Hans Mommsens wird lange über seinen Tod hinaus Bestand haben. Und er veröffentlichte nicht nur eine Reihe wichtiger Bücher (Die verspielte Freiheit von 1989 über die Geschichte der Weimarer Republik zählt zu meinen liebsten), er war auch ein brillanter Essayist. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang schrieb er mutig, unermüdlich und kämpferisch gegen allzu simple, mithin apologetische Deutungen des Nationalsozialismus an, welche die Verantwortung für Deutschlands Katastrophe auf das Denken, die Absichten und die Handlungen Hitlers und seiner unmittelbaren Untergebenen reduzierten. Auch seine viel diskutierte These, Hitler sei ein "schwacher Diktator" gewesen, rührte aus diesem Impuls. Anstatt sich auf Erlasse und Initiativen des "Führers" zu konzentrieren, untersuchte Mommsen die innere Dynamik des zunehmend außer Kontrolle geratenden NS-Systems, um zu erklären, wie die "Endlösung" geplant und umgesetzt werden konnte.

Mommsen formulierte oft – und bewusst – provokant. Bis heute wird darüber gestritten, ob seine Interpretationen die Wirkmächtigkeit der Ideologie und die Rolle einzelner Täter womöglich zu sehr herunterspielten. Unbestritten ist, dass sein Denken innerhalb wie außerhalb Deutschlands zu einem profunderen und nuancierteren Verständnis des Nationalsozialismus beigetragen hat.

Dass ich mit ihm mehr als drei Jahrzehnte lang eng befreundet sein durfte, empfinde ich als Privileg. Diese Freundschaft ist für mich noch wichtiger als seine wissenschaftliche Arbeit, die ich grenzenlos bewundere. Denn wir waren uns in historischen Fragen oft herzlich uneins. Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor vielen Jahren in Bochum bei ihm zu Gast war, um seine These vom "schwachen Diktator" auseinanderzunehmen. Mir war klar, dass ich nicht nur mit dem heftigen Widerspruch von Hans, sondern auch mit dem seiner Doktoranden rechnen musste. Ich überlebte. Vor allem aber gefährdeten solche Meinungsverschiedenheiten nie unsere enge Beziehung. Der Verlust eines so geschätzten Freundes macht mich tieftraurig. Es bleibt, mich mit großer Wärme an ihn zu erinnern, an seine Loyalität und Großzügigkeit, über so viele Jahre.

Etablierten Historikern gegenüber mag Hans oft ziemlich aggressiv, konfrontativ und unnachgiebig gewesen sein. Jüngeren Kollegen und besonders seinen Studenten aber begegnete er stets freundlich und ausgesprochen ermunternd. Als ich ihn in Bochum 1983/84 vertrat, weil er ein Jahr lang im Wissenschaftskolleg in Berlin weilte, war ich überwältigt von der großen Zuneigung und dem großen Respekt, den man ihm entgegenbrachte.

In der vergangenen Woche reisten etliche seiner früheren Doktoranden nach Feldafing. Sie wollten Hans Mommsens 85. Geburtstag am 5. November feiern. Sie waren, gemeinsam mit seiner Frau Greta, an seiner Seite, als er starb. Es ist der Abschied, den Hans sich gewünscht hätte.

Ian Kershaw ist Prof. em. für Neuere Geschichte an der Universität Sheffield