Halb elf vormittags in seinen Atelierräumen in seinem in zahlreichen Feuilletons abgefeierten Galeriehaus in der Brunnenstraße 9 in Berlin-Mitte, dem Haus mit der so geil billig und hingerockt aussehenden Plastikfassade. Man könnte dem Hausherrn den Gefallen tun, ihn nach den ausgesucht wirkenden Teppichen, Stühlen und Lampen in seinem Atelier zu fragen, aber das lassen wir mal. Brandlhuber, 51, er ist – Entschuldigung, das klingt immer bissl furchtbar – so etwas wie der hipste Architekt Berlins. Er steht für das Ultramoderne: Gegenwart, Gegenwart, Gegenwart. Zum Problem des mangelnden bezahlbaren Wohnraums hat der Architekt und Hochschullehrer mal den schönen Vorschlag gemacht, ganz Berlin um eine Etage aufzustocken. Zwei Fünf-Minuten-Eier. Er sieht angenehm altmodisch nach etwa 1981 aus (schwarze Jeans, halblange Rockerhaare, Porsche-Design-Brille). Frage an den bekennenden Stadtspaziergänger: Wo in Berlin hat er zuletzt ein gut kaputtes Viertel entdeckt?

Gerade gestern, am Sonntag: in der Herzbergstraße, zwischen den Plattenbauten in Lichtenberg. Da hat sich die vietnamesische Gemeinde mit Nagelstudios und Karaokes-Bars ausgebreitet. Als herausragende Gebäude in diesem Viertel nennt Brandlhuber die Türme des VEB Elektrokohle. Direkt nach der Wende hat hier ein Konzert der Einstürzenden Neubauten stattgefunden.

Sein Büro plant gerade mit einem Münchner Investor 800 Flüchtlingsunterkünfte für Hamburg: "Licht von vier Seiten. Da möchtest du sofort einziehen." Wo kriegen wir die geschätzt fünf Millionen Flüchtlinge unter, die bis 2018 nach Deutschland kommen? "In Deutschland stehen 1,7 Millionen Wohnungen leer. Entspannt geplant mit drei Mietern pro Wohnung: passt doch." Dem Architekten geht es, unter anderem, um kostengünstiges Bauen mit möglichst geringen Mieten für die Nutzer. Ein Credo: "Wir können nicht alle Standards, Lärmschutz, Wärmeschutz, immer weiter nach oben schrauben und dann noch glauben, wir können günstige Mieten realisieren." Aus welchen Materialien bestehen die Außenwände des Hauses in der Brunnenstraße? Doppelstegplatten, Polycarbonat: "Extrem günstig. Man hat ein Licht wie hinter japanischen Papierwänden." Er steckt sich eine Zigarette zum Ei an. Lustig, irgendwie macht das gute Laune, wenn ein Architekt erklärt, dass das Neue und Radikale kostengünstig zu haben ist.

Der merkwürdige Singsang des Architekten: Wo spricht man so in Deutschland? In Nordbayern an der Grenze zu Hessen, in Aschaffenburg. Der Fetisch Gegenwart: Wie kriegt man möglichst viel Zeitgenossenschaft in einen Entwurf hinein? Amüsiertes Gesicht hinter den Porsche-Brillengläsern: "Ich denke darüber nach, wie wir selber wohnen und arbeiten. Arbeitest du zu Hause? Aha. Ist dir mehr Raum wichtiger als perfekte Dämmung, wichtiger als Stuck? Aha. Das Denken muss von den Bedürfnissen her kommen, nicht von dem, was schon da ist." Da brennt schon die nächste Zigarette. Dieser Antiklassizist und Brutal-Avantgardist ist auch dafür bekannt, dass er nachts gerne in Lokalen herumsteht und einen Drink in der Hand hält, legendär sind seine Partys mit dem sehr gut aussehenden, ebenfalls turbohippen Architekten Sam Chermayeff.

Kann er noch mal ein Hoch auf das Nachtleben aussprechen? Und hat das Feiern, Saufen, Unsinnreden einen Einfluss auf seine Arbeit? Strahlender Frühstücker Arno Brandlhuber. An die Arbeit: Ein Stockwerk tiefer warten die Studenten. "Der Unsinn, das Sich-Verlieren im Tunnel, das tagelange Bezahlen für eine Nacht: alles großartig. Celebration ist gut für den Kopf. Man kann nicht nur funktionieren."

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