Gerade erst prangert ein aktueller EU-Bericht "einen negativen Trend beim Respekt der Rechtsstaatlichkeit" in der Türkei an, da wird die Sammlung der Lex Erdoğan um ein weiteres skurriles Kapitel bereichert.

Ein Teefabrikant soll wegen Beleidigung umgerechnet 70.000 Euro Strafe zahlen. Doch nicht der Präsident ist der Geschädigte, nicht die Nation, nicht die Religion. Nein, Opfer des Ehrdeliktes ist der Ayran, ein traditionelles türkisches Joghurtgetränk. Der Rapper Ceza hatte in einem TV-Spot für ein Konkurrenzprodukt, den Eistee der Firma Caykur, den Satz gesagt: "Ich habe Ayran getrunken, das hat mich einschlafen lassen."

Gemeinhin gilt zwar ein Glas heiße Milch mit Honig als klassisches Einschlafmittel, doch soll auch der salzige Drink vor der Nachtruhe wahre Wunder bewirken, wie Schlaflose in Internetforen berichten. Das türkische Handelsministerium ließ sich von diesen Argumenten nicht überzeugen und wertete den Verweis auf eine mögliche schlaffördernde Wirkung des Joghurtgetränks als "grundlos beleidigend". Präsident Erdoğan höchstpersönlich hatte Ayran 2013 auf die Stufe eines "Nationalgetränks" erhoben. Diese Beförderung sollte vor allem dazu dienen, den beliebten Anisschnaps Raki untürkisch erscheinen zu lassen.

Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass die AKP-Regierung im Zuge der intensivierten Tugendwächterei tendenziell prohibitorische Absichten verfolgt. So weist der strikte Abstinenzler Erdoğan gerne darauf hin, dass der Republikgründer Kemal Atatürk einst an den Folgen übermäßigen Raki-Konsums starb. Damit lassen sich auch Steuersätze von 60 Prozent auf Bier rechtfertigen. Zudem erinnern Sichtblenden in Geschäften, separate Alkoholbereiche in Kneipen und Warnhinweise auf Flaschen an Anti-Raucher-Kampagnen hierzulande. Nur lässt sich dabei kaum mit der Gefahr des Passivtrinkens argumentieren.

Die Effekte erinnern bereits jetzt an negative Erfahrungen mit Prohibition. So starben im Oktober in Istanbul innerhalb weniger Tage 18 Menschen durch gepanschten, illegal produzierten Alkohol. Hinter den Ehrschutzmaßnahmen zugunsten des Ayran verbirgt sich also letztlich eine Anti-Alkohol-Agenda. Joghurt, Wasser und Salz statt Hopfen, Hefe und Malz – hinter diesem Credo steckt ein religiös-reaktionär begründeter Kulturwandel.