Für einen kurzen Moment war da eine Art Erleichterung im amerikanischen Wahlkampf. Statt für den krawalligen Donald Trump interessierten sich die konservativen Amerikaner plötzlich für einen ruhigen Chirurgen, der sich aus schwierigen Verhältnissen hochgearbeitet hatte. Die Republikanische Partei schien kurz durchzuatmen, als Ben Carson Trump in der Wählergunst überholte. Carson, ein Star unter den Neurochirurgen, ist durch Trennungsoperationen an siamesischen Zwillingen weltweit berühmt geworden. In Baltimore, seiner ersten Wirkungsstätte als Arzt, gibt es ein Theater, das seine Lebensgeschichte seit mehr als 20 Jahren vor Schulkindern aufführt. 2009 kam seine Geschichte sogar ins Kino – ein amerikanischer Held.

Mit seiner sanften, langsamen Art zu sprechen, manchmal mit leicht geschlossenen Augen und oft mit gefalteten Händen, wirkt er ein bisschen exzentrisch. Und er ist ja auch politisch ein Außenseiter. Noch nie hatte er ein öffentliches Amt inne, das Handwerkszeug der Politik und die Mechanik der Macht sind ihm völlig fremd.

Bei der konservativen Basis kommt er vielleicht gerade darum gut an. Er wirkt wie der lebende Beweis, dass das Amerika, so wie es die Republikaner sehen, existiert. Aus dem schwarzen Ghetto in Detroit hat der oft wütende und gewalttätige junge Ben Carson es bis nach Yale geschafft. Er wurde mit 33 Jahren der jüngste Chefarzt an der renommierten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Wie Carson in seinen Büchern diesen spektakulären Aufstieg erzählt, das spricht Republikanern aus der Seele: Er verdankt seine Karriere Gott, harter Arbeit und der Entscheidung, mit Amerikas Rassenproblem keine Zeit zu verschwenden. Die alte weiße Mittelschicht sieht in seiner Geschichte ihr Vorurteil bestätigt, Schwarze seien nur aus eigener Schuld arm und gewalttätig. Evangelikale lieben seine Geschichte der Rettung durch Jesus. Konservative alter Schule lesen sie als Beweis, dass man zum Erfolg eben doch nur einen starken Willen, keinen starken Staat brauche. So war für alle drei Kerngruppen der Partei etwas dabei. Die Parteiführung war zufrieden. Bis sie merkte, dass der neue Favorit noch verrückter ist als der alte.

Im Oktober behauptete Carson, strenge Waffenkontrollgesetze in Deutschland hätten den Holocaust ermöglicht, weil die Juden sich so nicht bewaffnen konnten. Im November sagte er, die ägyptischen Pyramiden seien nicht als Pharaonengräber gebaut, sondern vom alttestamentarischen Joseph als Kornspeicher angelegt worden. Er hatte das schon einmal vor 17 Jahren bei einer Abschlussfeier der christlichen Andrews-Universität in Michigan gesagt. Ein Ausrutscher war es also nicht. Auf Kritik an seiner Pyramidentheorie reagierte er wie immer ruhig und unaufgeregt. Er glaube eben an das Wort der Bibel, und dort sei nun einmal von Josephs großen Kornspeichern die Rede. Das freute die Evangelikalen in Amerika, den Rest ließ es ratlos den Kopf schütteln.

Selbst noch seine Steuerpolitik orientiert sich am biblischen Zehnten

Liest man Carsons Bücher, dann schnurrt seine Religion auf zwei wesentliche Elemente zusammen. Er glaubt an sich selbst beziehungsweise seine unermesslichen Fähigkeiten und an seinen direkten Draht zu Gott. Carson hat wiederholt geschrieben, dass er mit Gott sprechen könne und dieser seine Wünsche erhöre. Zuerst habe er das in Yale bemerkt, nachdem er darum gebetet hatte, einen Test zu bestehen. Fragen und Antworten seien ihm im Traum offenbart worden, und er habe den Test bestanden, obwohl er kaum gelernt habe. Trotz medizinischer Ausbildung glaubt Carson an die Schöpfungsgeschichte, nicht an die Evolution. Da wundert es nicht, dass auch sein Steuerplan für Amerika sich am biblischen Zehnten orientiert. In Carsons Haus in Maryland hängt ein großes Selbstporträt: Hinter Ben Carson sieht man Jesus, dessen Hände auf den Schultern des Chirurgen ruhen.

Bis 2013 arbeitete Carson in seinem Beruf. Ohne Frage war er auf dem Gebiet sehr begabt. Wenn man jedoch verstehen will, warum er glaubt, aus dem Stand ohne jegliche politische Erfahrung den Job eines amerikanischen Präsidenten machen zu können, und warum es ihn nicht beunruhigt, wenn er in Interviews das Grundvokabular der Politik nicht beherrscht – dann muss man an die Hände Jesu denken, die auf seinen Schultern ruhen. Wenn er im OP manchmal nicht weiterwusste, schreibt er in seiner Biografie, dann habe er Gott gebeten zu übernehmen. Das Buch trägt den Titel Begnadete Hände.

Doch nun ist etwas passiert, das den ruhigen Mann zum ersten Mal die Fassung verlieren lässt. Seit einer Woche wird von den Medien seine Lebensgeschichte zerpflückt. Stimmt es wirklich, dass er als Junge beinahe einen Freund mit einem Messer getötet hat und der nur deshalb überlebte, weil Carson genau dort zustieß, wo die Gürtelschnalle saß? Gab es das Seminar in Yale überhaupt, in dem er angeblich zum ehrlichsten Studenten gekürt wurde? Hat er wirklich einmal eine Gruppe weißer Schüler vor einem Mob schwarzer Jugendlicher gerettet? Es lassen sich nirgends Zeugen für diese Episoden finden. Selbst das konservative Wall Street Journal zweifelt unterdessen an Carsons Ehrlichkeit. Die renommierte Militärakademie West Point hat bereits bestätigt, dass sie Carson, entgegen seiner Aussagen, nie ein Stipendium angeboten habe.

Nun ist der Schreck groß. Und Donald Trump wirkt fast harmlos. Denn der will ja nur König von Amerika werden. Carson aber will als Gottes auserwählter Sohn ins Weiße Haus einziehen. Doch wenn seine Lebensgeschichte nicht stimmt, dann stimmt es vielleicht auch nicht, dass er mit Gott sprechen kann und der seine Wünsche erhört.

Wer aber soll dann im Weißen Haus die Entscheidungen treffen? Und wer wird Ben Carson über die Schulter schauen?

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