Alle Bücher, die in den vergangenen drei Jahren niemand ausgeliehen hat, landeten auf dem Müll. Sogar Søren Kierkegaard hat es erwischt. Eine Gesamtausgabe des Nationalheiligen der dänischen Geistesgeschichte musste aussortiert werden. "Es gab Tränen", erinnert sich Lauridsen an die entsetzte Reaktion unter Kollegen. Der Trost: Über die dänische Fernleihe kann jedes Buch kostenlos beschafft werden, spätestens am zweiten Werktag ist es da.

Im Erdgeschoss wartet jetzt eine Nähwerkstatt auf Nutzerinnen. In einem Computerraum werden Programmierkurse angeboten, Kinder daddeln an Spielekonsolen, in einer Sitzecke wird gestrickt. "Es geht darum, Wissen zu teilen", erklärt Lauridsen, "wir bringen die Menschen dafür zusammen und helfen, wo es nötig ist." Und das auch am Sonntag. In Deutschland ist es noch verboten, in Dänemark schon lange eine Selbstverständlichkeit: Bibliotheken öffnen, wenn die Menschen Zeit haben – und das ist eben vor allem am Wochenende.

Sogar gelesen wird in der Bibliothek. In Tårnby gibt es dafür einen abgetrennten Raum, es herrscht absolute Stille, gestört höchstens vom Tastaturgeklapper der Laptops. Gelesen wird auch dort immer öfter digital. Etwa in den Archivbeständen der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen. 22 Millionen Bücher und andere Medieneinheiten lagern dort, es ist das Gedächtnis des Landes. Um es möglichst einfach zugänglich zu machen, wurde in den vergangenen Jahren so viel wie möglich eingescannt und digitalisiert. Eines der am meisten genutzten Werke sei jetzt ein Versandhauskatalog aus den sechziger Jahren, sagt Pernilla Drost, die Bibliothekschefin. "Die Leute wollen wissen, welche Möbel damals modern waren oder wie die Unterwäsche aussah."

Auch das Internet wird seit zehn Jahren archiviert. Automatische Programme wühlen sich mehrmals täglich durch eine Million Websites mit der dänischen Landeskennung und speichern jede Veränderung auf Festplatten. Nur öffentlich zugänglich ist all das bisher nicht – "aus Datenschutzgründen", sagt Drost. Es könne ja sein, dass illegal gespeicherte Informationen im Archiv gelandet sind.

Die Verwandlung öffentlicher Büchereien in offene Kommunikationsräume ist umstritten, auch in Dänemark. Das Geld, das Århus in seinen schillernden Neubau gesteckt hat, fehlt in den Stadtteilen. Besonders fällt das in Gellerup auf, nirgendwo in Dänemark ist der Anteil zugewanderter Menschen höher. Für viele Jugendliche ist die schmucklose Zweigstelle der Stadtbibliothek in einem verwahrlosten Einkaufszentrum der einzige Zugang zu außerschulischer Bildung. Bücher und Ansprechpartner, die sie zu Hause nicht haben – hier gibt es sie.

Aber es gab früher mehr von ihnen. Wenn Lone Hedelund von ihren Lesekreisen, Kindernachmittagen und anderen Aktivitäten rund ums Buch spricht, spricht die Zweigstellenleiterin in der Vergangenheitsform. Geld und Stellen hat sie an die Zentrale abtreten müssen. "Wir können nur noch an fünf Tagen in der Woche öffnen, mehr schafft das Personal nicht." Freitags und sonntags bleibt die Stadtteilbücherei geschlossen. "Eine Open Library funktioniert hier nicht", sagt Hedelund, "wir hätten schnell ein Vandalismusproblem."

Das droht in Finkenwerder eher nicht. Auf einer Elbinsel zwischen Hafen und Airbus-Werk eingezwängt, hat sich der Hamburger Arbeiterstadtteil eine Dorfatmosphäre erhalten. Durch große Fenster ist die kleine Stadtteilbibliothek von der einzigen Geschäftsstraße aus gut einsehbar. Ab Dezember soll sie nicht nur mittwochs, sondern auch samstags als Open Library fungieren.

Statt Personal und Aufsicht gibt es nur Videoüberwachung und Bewegungsmelder

Denn die Besucherzahl nimmt von Woche zu Woche zu. Und die Technik funktioniert ohne Probleme. Sobald die Open Library öffnet, schaltet sich automatisch eine Videoüberwachung ein, und wenn sie wieder schließt, registrieren Bewegungsmelder, ob tatsächlich alle Besucher gegangen sind. Ansonsten guckt ein Sicherheitsdienst nach dem Rechten. Zum Einsatz kam es bisher nicht. "Weder haben wir Beschädigungen festgestellt, noch fehlen unverbuchte Medien", sagt der Bibliothekar Bernd Ingwersen. Im nächsten Jahr soll das Experiment auf weitere Stadtteile ausgeweitet werden.

Es ist die erste Idee für die Zukunft der Bibliothek im digitalen Zeitalter, die aus Dänemark nach Deutschland gesickert ist. Und es wird nicht die letzte sein. In Berlin plant die Landesbibliothek einen Neubau, Knud Schulz ist als Berater dabei. Anna Jacobi, die Sprecherin der Bibliothek, schwärmt bereits von "multifunktionellen Räumen", die in Berlin entstehen sollen. Den nötigen Platz könne ein automatisches Magazin im Keller schaffen, aus dem Roboter in Windeseile jedes gewünschte Buch heraufholten. Regale soll es aber weiterhin geben. "Wir denken für die nächsten 20 Jahre eher an eine Mischform", sagt Jacobi. Eine Bibliothek ohne Bücher – in Deutschland dauert das noch.