Bushido ist der zurzeit einflussreichste Popmusiker des Landes. Man kann das bedenklich finden oder ärgerlich, aber es hilft ja nichts: Wer Deutschland im November 2015 als Zielort für Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten wahrnimmt, der muss sich fragen, was diese neue Heimat für Jugendliche oder junge Erwachsene in popkultureller Hinsicht zu bieten hat. 70 Prozent derjenigen, die hierherkommen, sind allein reisende junge Männer, und nur mit sehr viel Mühe ist vorstellbar, dass sie CDs von Helene Fischer oder Roger Cicero hören werden.

Ist es nicht wahrscheinlicher, dass sie sich für Rapper interessieren, in deren Texten Ideen wie Loyalität, Hierarchie und Ehre sehr viel, die habituellen Standards einer gut gepolsterten Mittelschicht – Selbstironie, Kapitalismuskritik, Feminismus – aber sehr wenig Raum einnehmen? Und ist es nicht plausibler, dass sie sich eher angesprochen fühlen von einer Musik, die sich klangästhetisch zwar zwischen Rumpeln und Dräuen bewegt, aber eben auch die Härten der Großstadt und die Gewalt ökonomischer Verhältnisse zum Ausdruck bringt?

Vorurteile? Drehen wir die Blickrichtung um und machen das rezeptionsästhetische Experiment in eigener Sache. Dann ist zu fragen, worauf uns das neue Album von Bushido und seinem Zögling Shindy mit seinen von Profiterzeugung und Konkurrentenbeschämung handelnden Songs einstimmen kann. Womöglich auf die "Maskulinisierung des Alltags", wie sie Soziologen der deutschen Gesellschaft in Anbetracht des Flüchtlingsandrangs prophezeien. Denn das ist das neue Bushido-Album: die Rollenprosa zweier Migrantensöhne – der eine ist Nachkomme von Tunesiern, der andere von Einwanderern aus Griechenland –, für die Männlichkeit kein Bündel kultureller Normen darstellt, sondern ein essenzielles Konzept, hörbar, sichtbar, deutlich ausgestellt in Form von Muskeln und Zwölfzylindermotoren.

Die schöne Überraschung an Classic: Es ist nicht die nächste narzisstische Selbstaufblähung des Gangsta-Rap mit Billig-Beats und Schwulenhass, sondern das streckenweise brillant getextete Tableau einer ausgrenzungsgewohnten und gerade deshalb aufwärtsmobilen Männlichkeit. "Ich bin Ikarus, Dädalus, Pegasus / knack die Scheißmillion ohne Universitätsabschluss", heißt es einmal. Die Stars des abendländischen Ab- und Aufschwungs als Figuren im Karrieretraum des Zugereisten – wenn das keine Vision ist.