Ich bin süchtig nach Cola light

Seit meinem 17. Lebensjahr hänge ich an der Flasche. Sie fasst eineinhalb Liter – so viel muss es pro Tag schon sein – und darauf steht in geschwungenen Lettern: "Coca-Cola light". Hemingway hatte Alkohol, Cobain hatte Heroin, ich hatte nicht genug Mumm für eine echte Sucht, also wurde ich, anders als meine Idole, zum Brausejunkie. Hinzu kommt, dass der Stoff verdammt vielseitig einsetzbar ist: morgens zum Wachwerden, mittags als Schreibmotivation, abends zum Wachbleiben; und zwischendurch, man hat ja auch mal Durst. Auf Reisen nehme ich stets zwei Tagesrationen mit, selbst wenn dafür drei Kilo anderen Gepäcks zu Hause bleiben: Es ist nämlich erstaunlich, wie sehr einem der Urlaubsanfang versaut wird, wenn man im afrikanischen Busch erst mal den nächsten Cola-light-Dealer suchen muss. Ja. Es gab Entzugsversuche. Mit Kopfweh, Müdigkeit, Durstgefühlen – und Rückfällen. Inzwischen sehe ich die Sache einfach positiv: Cola benebelt weniger als Alkohol und ist billiger als Heroin. Brausemissbrauch ist eine Supersucht.

Ich brauche Frauenromane

Es gibt Menschen, die sagen sich, wenn ihnen das Leben übel mitspielt: Du schaffst das, durchhalten, alles wird gut. So ein Mensch bin ich nicht. Deshalb müssen andere mir das sagen. Über die Jahre habe ich einen extrem positiv eingestellten Freundeskreis angesammelt, der mir bei Stress oder Schicksalsschlägen Hoffnung spendet. Das Problem ist, dass ich diese Freunde behalten will. Damit sie nicht in meinem Pessimismus ersaufen, muss ich ihn also dosieren – und notfalls bei Fremden Zuspruch suchen. Die heißen Karen Swan oder Lauren Weisberger; oder tragen Pseudonyme wie "Sophie Kinsella" – vielleicht schämen sie sich ja selbst für die Frauenromane, die sie schreiben: alle ähnlich, ziemlich vorhersehbar, immer mit Happy End. Geschichten, in denen sämtliche Schwierigkeiten überwunden werden und die riesenrosarote Liebe siegt. Die sind nicht platt! Die sind beruhigend: Nach so einer Heile-Welt-Lektüre kann man auch die eigenen Probleme nicht mehr ganz ernst nehmen, ja, man erwartet vom Leben plötzlich nur das Beste. Was leider dazu führt, dass es einen geradezu enttäuschen muss; man also erneut in eine Schieflage gerät und – nächstes Buch.

Ich liebe Puppenspiele

Bauchredner sind oft so peinlich, dass man sich fragt, ob diese Eigenschaft Berufsvoraussetzung ist. Doch es gibt etwas, das ich an ihnen liebe: ihre Puppen. Das lag ursprünglich daran, dass mein Freund von Beruf Figurenbauer ist. Doch inzwischen kann man von einer Kermitisierung meines Alltags sprechen. Ob Muppetfilm oder Auftritt der Puppenkabarettistin Andrea Bongers: Ich muss da hin. Weil Puppen so niedlich sind? Quatsch! Weil es unglaublich ist, wenn ein totes Stoffding plötzlich die Augen bewegt, das Klappmaul öffnet – zum Leben erwacht. Außerdem dürfen Puppen viel mehr als Menschen; zum Beispiel mit Unschuldsblick andere Leute beleidigen. Nur protestieren, wenn sie einen drittklassigen Bauchredner als Chef kriegen: Das dürfen sie leider nicht.

Elke Michel mag auch Bücher von Hallgrímur Helgason und Lieder von Rainald Grebe