Man wünscht sich dieser Tage immer öfter (und das sagt ja auch schon etwas), dass Christoph Schlingensief noch lebte und dem Theater und seinen Besuchern einen Weg wiese aus dem Dilemma. Weil er es als einer der wenigen verstanden hat, die Realität auf die Bühne zu bringen, und zwar so, dass sie nicht stumpf, blöde, chaotisch und unlösbar, wie sie ist, auf uns, das Publikum, zurückglotzt, sondern in ihrer Sichtbarkeit, ihrem Ausgestelltsein eine Würde erhält. Schlingensief hat mit reuigen Neonazis, mit Arbeitslosen und geistig Behinderten, mit einer ALS-Kranken und mit Afrikanern aus Burkina Faso gearbeitet. Was würde er, der Aktionskünstler und Visionär, der "Moralist", 2015 tun?

Fast jeder, der heute ins Theater, in die Oper oder ins Konzert geht, kann es hautnah miterleben: den Clash der Realitäten und wie es sich anfühlt, wenn die eigene Lebenswirklichkeit auf die der syrischen, irakischen und afghanischen Flüchtlinge prallt, die in Deutschland derzeit Asyl und Schutz suchen. Wobei es etliche Zonen gibt, nicht nur in den Speckgürteln, sondern vor allem in den Zentren unserer Großstädte, dort, wo die Kleinstaaterei des 18. und frühen 19. Jahrhunderts stolz ihre Theater und Konzerthäuser errichtet hat, Zonen, die so unberührt und ungerührt daliegen, so gegen alle Flüchtlingsströme und Irritationen gefeit, als böge im nächsten Moment Helmut Kohl um die Ecke und wäre immer noch Bundeskanzler. Lustige Idee: eine spontane Volkszählung! Welcher Deutsche hat noch nie einen Flüchtling zu sehen bekommen, von Angesicht zu Angesicht? Sicher viele, sehr viele. Außer im Fernsehen natürlich.

Das wird sich ändern. Alle Prognosen sprechen dafür, dass die Flüchtlingsmassen schon bald nicht mehr nur an die Peripherie wegversorgt werden können (man werfe einen Blick auf die Liste der für 2016 geplanten Flüchtlingsunterkünfte in München), sondern mehr und mehr in die Innenstädte drängen. Die öffentlichen Räume zwischen Krise und Kunst, Kunst und Krise werden also kleiner, und der Clash spitzt sich zu. Während die einen sich draußen auf der Straße notdürftig mit Umzugskartons wärmen, versinken die anderen mit roten Backen im Plüsch. Während die einen alles verloren haben, Hab und Gut, ihre ganze Identität, flüchten sich die anderen in die Welt des schönen Scheins. Letzteres hat sogar etwas für sich, denn wo kämen wir hin, ganz wörtlich gemeint, wenn wir angesichts historischer Umwälzungen als Erstes alles, was uns ausmacht, über Bord würfen, sämtliche Rituale, alle Zeichensysteme, jede Kunst? Davon hätte niemand etwas.

An manchen Orten fällt der Clash der Realitäten heftiger aus, an anderen beschränkt er sich eher aufs Atmosphärische. Hamburg gehört zu den heftigen Orten. Wer im Hauptbahnhof den Ausgang Kirchenallee wählt und zum gegenüberliegenden Schauspielhaus möchte (um eine Komödie von Ayckbourn zu sehen oder Schillers Jungfrau von Orleans oder die Dramatisierung von Herta Müllers Reisende auf einem Bein), passiert mehrere Flüchtlingszelte. Menschen auf dem Weg in stabilere Unterkünfte oder nach Skandinavien kampieren hier bei hanseatischem Wind und Wetter, werden mit Essen und Trinken versorgt und medizinisch betreut. Auch schützen die Zelte sie, wie es in einer Mitteilung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hieß, vor "neugierigen Blicken". Sofort steckt der Theaterbesucher im Dilemma: Was soll er tun? Die Straßenseite wechseln? Die Theaterkarte an einen Flüchtling verschenken? Fragen, ob er selbst helfen, mit anpacken kann? Wieder nach Hause gehen? Alles irgendwie absurd, aufgesetzt, falsch.

Wagen wir einen Vergleich mit der jüngeren Vergangenheit. In der Wendezeit um 1989 herum waren die Theater leer. Die Menschen brauchten keine ästhetische Vergewisserung ihrer selbst, sie hatten anderes zu tun, draußen auf den Straßen. Die Theater im Osten waren leer, wohlgemerkt, nicht die im Westen. Als sei die Wiedervereinigung hauptsächlich eine Angelegenheit der Ostdeutschen (was recht bald den politischen Tatsachen entsprach). Später, als das Gröbste überstanden zu sein schien, ging man auch in Dresden, Leipzig und Erfurt wieder ins Theater, in die Oper. Von einem Schwanken der Zuschauerzahlen aufgrund der Flüchtlingskrise ist bislang nichts bekannt, dem Augenschein nach haben die Zahlen sich nicht groß verändert.

Im Übrigen ist das Theater bei aller aufklärerischen Tradition und Kraft, die es hat, bei allem kritischen, die "Verhältnisse" aufdeckenden Potenzial, allem Eifer als moralisch-utopische Anstalt auch ein genialer Ort, um seine Ruhe zu haben. Vor dem Weltgeschehen wie vor sich selbst. Eine dunkle Kiste ohne Fenster, eine kollektive Schwermuthöhle. Und: Theater braucht Distanz, zeitlichen, räumlichen Abstand. Solange draußen auf den Stufen Falafel und Gulaschsuppe verteilt werden, dürften die Flüchtlinge als Stoff für Stücke und Inszenierungen nicht recht taugen.

Apropos Helmut Kohl: In den vergleichsweise krisenarmen, wenig bedrohlichen achtziger und neunziger Jahren haben wir von der Bühne gelernt, was Krise heißt. Das sogenannte Regietheater, das auch die behäbigere Oper erreicht hatte, trieb seine Blüten und seine Exegese. Es ging um Lesarten, es ging darum, in Werken, die von der Konvention bis zur Unkenntlichkeit glatt gehobelt worden waren, die Ambivalenzen und Brüche neu freizulegen und das Raue, Überfordernde, nicht Passende zur in jedem Fall zutreffenderen, vertrauenswürdigeren Wahrheit zu erklären. Wer sich dem aussetzte, wusste Bescheid und konnte gleichwohl ein gutes, privilegiertes Leben führen, weil es in echt ja anders zuging: deutlich langweiliger zwar, aber dafür sicherer, heiler. In der Musik war es die historisch informierte Aufführungspraxis, die in ähnlicher Manier die blank polierten Klangoberflächen durchbrach und die Ohren neu schärfte.

Jetzt sitzen die Enkelinnen und Enkel der damaligen Heroen (Peter Stein! Klaus Michael Grüber! Ruth Berghaus! Nikolaus Harnoncourt! Hans Neuenfels! Christoph Marthaler! Einar Schleef!) an den Regie- und Dirigentenpulten und mögen vieles anders machen. Auf das Regietheater folgte um die Jahrtausendwende eine Welle der Dekonstruktion; der 11. September, der Zusammenbruch des Neuen Marktes und einiges mehr lieferten dafür prompte Bestätigungen. Und auf die Dekonstruktion wiederum folgt heute das Performative, folgen inszenatorische Parallelwelten, die den Kontakt zu den Texten nur mehr lose suchen als eine mögliche Inspirationsquelle unter vielen.