Es gab die Zeit vor dem Urteil, und es gibt die Zeit danach. Am Mittwoch vor zwei Wochen hat das Hamburger Verwaltungsgericht den Bau der Unterkunft für Flüchtlinge in meinem Stadtteil Klein Borstel gestoppt. Bis dahin war der Streit zwischen Flüchtlingsunterstützern und ihren Gegnern eine eher abstrakte Angelegenheit, die niemand auf die Spitze treiben wollte. Man läuft sich ja täglich über den Weg, und demnächst, so glaubte ich jedenfalls, würden Vertreter beider Seiten gemeinsam Hilfe für Flüchtlinge organisieren. Jetzt herrscht auf der Baustelle Stillstand, Klein Borstel ist zum Kampfplatz einer neuen Bewegung gegen Flüchtlingsheime geworden. Und von den 3600 Bewohnern dieses kleinen Stadtteils zwischen Alstertal und Ohlsdorfer Friedhof sind mindestens tausend für die eine oder andere Seite auf die Straße gegangen. Zeit, mein Tagebuch fortzusetzen, (siehe ZEIT:Hamburg Nr. 41/15).

Donnerstag, 8. Oktober. Im Briefkasten finde ich eine mehrseitige Hochglanzbroschüre der Initiative "Lebenswertes Klein Borstel". Sie wirbt um Mitglieder und Unterstützung, der Monatsbeitrag beträgt 20 Euro. Der Bau eines Flüchtlingsasyls in ihrer Nachbarschaft sei rechtswidrig, teilt die Initiative mit, man wolle die Kläger "ideell" unterstützen. Der Vereinszweck, heißt es weiter, werde "insbesondere durch die Förderung des nachbarschaftlichen Zusammenhalts verwirklicht" – das zielt offenbar auf die Zeit nach einer erfolgreichen Klage. Wenn deren Initiatoren als Mitschuldige am Elend in den provisorischen Unterkünften dastehen, werden sie moralischen Beistand brauchen.

Sonntag, 11. Oktober, 12 Uhr. Ein strahlend schöner Herbsttag, die Gegner der Unterkunft versammeln sich zu einem Flashmob vor der Baustelle. Es wird eine gut gelaunte, gut gekleidete Versammlung, ein Happening für die ganze Familie. Von seiner Dachterrasse aus macht ein Anwohner Fotos. Mehr als 300 Leute seien gekommen, ruft er. Eindrucksvoll, bedenkt man die Größe des Stadtteils und die knappe Zeitspanne seit dem Aufruf am Vortag. Einer der Teilnehmer zischt mir im Vorbeigehen zu, dass er meinen letzten Artikel "arm, ganz arm", finde, im Internet werden anonyme Gegner der Unterkunft auch deutlicher.

Donnerstag, 15. Oktober. Der Internetseite von "Lebenswertes Klein Borstel" zufolge hat die Initiative mittlerweile 180 Mitglieder.

Mittwoch, 28. Oktober. Die Pläne für die Unterkunft müssten "die im Baurecht vorgesehenen nachbarschaftlichen Belange berücksichtigen" – was diese Formulierung im Text ihrer Unterschriftensammlung bedeuten solle, wollten die Gegner der Unterkunft partout nicht verraten. Nun gibt ein Gericht die Antwort. Das geplante Flüchtlingsheim sei nicht etwa zu groß, urteilt das Verwaltungsgericht, sondern es sei in Klein Borstel komplett fehl am Platze. In diesem "durch seine Lage zum Landschaftsraum des Friedhofs hin besonders hochwertig" angelegten Wohngebiet haben die Anwohner demnach einen einklagbaren Anspruch auf eine flüchtlingsfreie Nachbarschaft. An alternativen Standorten werde es gewiss nicht fehlen, meint das Gericht, "Ansatzpunkte dafür bieten eine Vielzahl von Hinweisen in der laufenden Presseberichterstattung wie auch in der parlamentarischen Sachverhaltsaufklärung". Wer weiß, wie großzügig Presse und Opposition in Hamburg bisweilen mit Tatsachen umgehen (ZEIT:Hamburg Nr. 43/15), muss sich über diese Rechtsquelle wundern.

Donnerstag, 29. Oktober. "Redet endlich mit uns!", verlangen die Unterkunftsgegner öffentlich. Aber worüber wollen die Kritiker reden? Frage an ihren Anwalt Gero Tuttlewski: Stimmt es, dass er für eine finanzielle Entschädigung der Anwohner wirbt? Antwort: "Selbstverständlich" – ich möge mir aber keine Hoffnungen machen: "Sie wohnen leider zu weit weg."

Ansonsten sind die Kritiker der Unterkunft bemerkenswert unkommunikativ. Bis auf einen Sprecher des Kläger-Hilfswerks, der für mich nicht zu sprechen ist, bleiben sie immer noch anonym. Dem Autor mehrerer Beschwerdebriefe bietet meine Redaktion an, seine Sicht der Dinge in der ZEIT darzulegen. Keine Reaktion. Falls sie verhandeln wollen, möchten die Kläger das offenbar ohne öffentliche Beteiligung tun.

Montag, 2. November. Die Bild -Zeitung behauptet, die Landesregierung plane anstelle der Folgeunterkunft in Klein Borstel nun eine Erstaufnahme, da sei die Genehmigung unproblematisch. Ach was, heißt es aus der Sozialbehörde, das sei doch nur ein Gerücht.

Donnerstag, 5. November. Die Flüchtlingskrise schwappt nach Klein Borstel. Im leer stehenden Pastorat der Gemeinde Maria Magdalenen kommen Flüchtlinge unter, die auf der Reise nach Skandinavien am Hauptbahnhof gestrandet sind. Ab jetzt erscheinen auf der Internetseite "Klein Borstel hilft" täglich neue Spendenaufrufe, die eher Bestelllisten gleichen und prompt abgearbeitet werden. Die Stimmung unter den Helfern ist gut, "DAS ist lebenswertes Klein Borstel!!!", schreibt eine von ihnen im Internet. – "Habt ihr eigentlich mitbekommen, dass viele Mitglieder von Gemeinsam in Klein Borstel und Lebenswertes Klein Borstel auch in dieser Initiative aktiv sind und gestern geholfen haben?", kontert ein Gegner der Unterkunft.