Schon wieder eine Krisensitzung im Flüchtlingslager von Kollerschlag. Franz Saxinger kommt aus dem grauen Container, in dem er sich mit dem Einsatzleiter der örtlichen Polizei beraten hat. Die Beamten möchten für ihre Schichtpausen einen Aufenthaltsraum in Kollerschlag. Saxinger möge sich darum kümmern und in einem der örtlichen Gasthäuser nachfragen. Der Bürgermeister zieht das Handy aus der Jackentasche und verhandelt. Auf dem Rückweg ins Ortszentrum macht Saxinger, Mitglied der Volkspartei, noch bei einem Bauernhof halt: Das Kollerschlager Urgestein Franz Ranninger feierte vor wenigen Tagen seinen 85. Geburtstag. In der Gemeinde ist es Brauch, zu solchen Anlässen eine persönliche Urkunde zu überreichen.

Der Bürgermeister von Kollerschlag wird in diesen Tagen hin und her gerissen zwischen Provinzalltag und Weltpolitik, zwischen runden Geburtstagen und Flüchtlingskrise. Eine Situation, die ihn und seine 1.500-Einwohner-Gemeinde längst überfordert.

Kollerschlag liegt zwischen Äckern und Wäldern, versteckt im Niemandsland des oberösterreichischen Mühlviertels: ein verschlafenes Provinznest, das seine Bedeutung als Grenzgemeinde zu Bayern einbüßte, als das Schengenabkommen in Kraft trat. Seither ist wenig bis gar nichts mehr los in Kollerschlag. Bis vor zwei Monaten.

Die verschlafene Marktgemeinde wurde mittlerweile aus ihrem Dämmerzustand gerissen. Kollerschlag ist wegen seiner Grenznähe neben Schärding, Braunau und dem steirischen Spielfeld ein Brennpunkt der Flüchtlingskrise in Österreich. Unten an der Grenze zur bayerischen Nachbargemeinde Wegscheid teilen sich Bundesheer, Rotes Kreuz und Polizei die Versorgung. Aber auch für den Bürgermeister ist die Flüchtlingskrise eine echte Mammutaufgabe.

Wie schafft das ein Mann, der fast sein gesamtes Leben in der Gegend verbracht hat? Von Beruf Hauptschullehrer, wurde er Bürgermeister, um eine kleine Gemeinde zu verwalten, die bis vor Kurzem nicht viel mehr als eine Tankstelle, drei Wirtshäuser, zwei Tagescafés, einen kleinen Supermarkt, eine Kirche, eine Volksschule, ein Freibad und einen Friseur namens Hairzbluat zu bieten hatte.

"Ich weiß nicht, wann du nach Deutschland gehen kannst"

Franz Saxinger ist erschöpft, ausgepowert. Seit 20 Jahren regiert der ÖVP-Politiker bereits in Kollerschlag. Diese letzten zwei Monate seien die "härtesten seines Lebens" gewesen, sagt der 60-Jährige, und sie hätten ihm viel abverlangt. Pausen gibt es wenige, auch an diesem Freitagnachmittag nicht. Zunächst muss Saxinger im Gemeindeamt vorbeischauen, Unterschriften für Wartungsarbeiten werden benötigt. Danach eilt er in die spätbarocke Pfarrkirche St. Josef, die in diesen Tagen gerade generalsaniert wird und bis zum 10. Dezember fertig sein soll. Saxinger blickt nach oben zum Seitenschiff, wo Bauarbeiter neben der Orgel hämmern und bohren. "Schon noch viel zu tun", sagt Saxinger zum Pfarrer der Gemeinde. "Des wird scho", versichert Hochwürden und lächelt. Dann geht es noch einmal hinunter zur Grenze.

Es ist ein ungewöhnlich sonniger und milder Novembertag. Knapp 400 Flüchtlinge sind derzeit im Transitzelt an der Grenze untergebracht. Im Inneren gibt es eine Küche, draußen auf dem abgesperrten Gelände werden Kleider ausgegeben. Im beheizten Zelt liegt ein süßlich-beißender Geruch in der Luft. Kinder schreien, Männer und Frauen, die mit Verwandten telefonieren, brüllen wild gestikulierend ins Smartphone. Ein Dolmetscher, der Arabisch und Farsi spricht und an seiner orangefarbenen Weste zu erkennen ist, hat sich die letzten zwölf Stunden den Mund fusselig geredet und raucht verschlafen eine Zigarette. Es ist die Ruhe vor dem nächsten Sturm: 800 Neuankömmlinge werden heute noch erwartet. "Aber wer weiß, wie viele es wirklich sind", sagt ein Polizist. Die Kommunikation mit den Verantwortlichen in der slowenisch-steirischen Grenzstadt Spielfeld funktioniere leider nicht gut.

Vor dem Container steht ein junger Mann in Trainingshosen und Lederjacke. Er stellt sich als Sami vor und sagt, dass er aus der syrischen Hauptstadt Damaskus komme. Sami sei gezwungen worden, Militärdienst in der Armee von Machthaber Baschar al-Assad zu leisten. Also beschloss er im Sommer, aus Syrien zu fliehen. Plötzlich steht er vor dem Bürgermeister von Kollerschlag. Sami streckt die Hand aus, stellt sich höflich vor und fragt, wann er endlich rüber nach Deutschland gehen dürfe. Franz Saxinger hält kurz inne. Dann antwortet er in gebrochenem Englisch: "Ich weiß nicht, wann du nach Deutschland gehen kannst. Ich weiß nur: Es wird passieren."

Wie lange Sami warten muss, ist tatsächlich nicht klar. Es kann Stunden dauern, manchmal einen ganzen Tag. Maximal 50 Flüchtlinge dürfen pro Stunde bei jedem der fünf dafür vorgesehenen Grenzübergänge derzeit nach Deutschland einreisen. Die Asylwerber müssen bei den bayerischen Behörden ihren elektronischen Fingerabdruck abgeben. Ausgesiebt werden jene, gegen die ein Haftbefehl vorliegt. Solche Prozeduren dauern.