Als es Nacht wird, hallen arabische Klagegesänge über den Flur. Raed klopft an die Tür meines kleinen Zimmers. In der einzigen Pfanne, die es auf der Etage mit ihren 30 Flüchtlingen gibt, hat er etwas mit Leber gebrutzelt. Raed, ein kräftiger arabischer Mann von 35 Jahren, der in Basra Malermeister war, hat heute schon Wäsche gewaschen, eingekauft, gekocht und die Gemeinschaftsküche geschrubbt. "Ich lebe wie eine Frau!", sagt er und grinst. Die Flüchtlingskrise zwingt alle Beteiligten in neue Rollen.

In den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes entsteht gerade ein neues Deutschland. Es hat eigene Regeln, eigene Hierarchien und eigene Geschichten. Sie kreisen um Männer und Frauen, um Religion und Kultur, um das Essen oder den Müll. Immer wieder liest man Berichte über Massenschlägereien, hört man Gerüchte von Vergewaltigungen, Verwahrlosung und Brutalität.

Von außen lässt sich schwer überprüfen, was da dran ist, deshalb der Selbstversuch: Für drei Tage quartiere ich mich in der Erstaufnahmeeinrichtung "Refugium an der Havel" ein. Es ist ein umgebautes Krankenhaus der Arbeiterwohlfahrt; ein zweistöckiger Klinkerbau am Südrand Berlins. 650 Menschen wohnen hier – 200 mehr als vorgesehen. Das Gelände ist weitläufig, durch die Bäume sieht man die Havel in der Herbstsonne glitzern. Ich beziehe eines der begehrten Einzelzimmer: Linoleumboden, Metallbett, das war’s. 11,5 Quadratmeter Deutschland.

Das Licht auf den Fluren bleibt auch nachts an. Bis weit nach Mitternacht rasen die Kinder über den Gang. Später kommen die Dämonen. Als ich im Morgengrauen den langen Weg zur Toilette zurücklege, ertönt aus einem Zimmer das Schreien einer Frau im Schlaf. Es klingt nicht nach einem gewöhnlichen Albtraum. Es klingt nach schierem Horror: tief, lang, röhrend, als käme es aus den Knochen. Kurz darauf stürzt die Frau verschwitzt aus dem Zimmer, um sich im Bad kaltes Wasser ins Gesicht zu schütten. Eine Russin vom Ende des Ganges kann auch nicht schlafen und reicht der Erschöpften schweigend ein sauberes Handtuch. Sie können nicht wirklich miteinander reden, die eine spricht nur Arabisch, die andere nur Russisch. Aber sie verstehen sich auch so.

Im Gegensatz zu anderen Frauen besitze ich einen Bademantel, mit dem ich nachts durch die Gänge schlurfe. Derzeit häufen sich Berichte von sexuellen Übergriffen auf Betreuerinnen wie Bewohnerinnen von Flüchtlingsheimen. Im "Refugium" ist davon nichts zu spüren. Saafa, eine junge Frau im Hidschab, die mich am zweiten Abend zum Tee mit ihrer Mutter und zwei Freundinnen einlädt, sagt, ihr seien keine Übergriffe bekannt. "Es hat junge Männer gegeben, die schlechte Ausdrücke benutzt haben, das schon", sagt sie. "Aber die sind von Älteren ermahnt worden, und dann hatte sich das." Das Heim plant sehr sorgfältig, wo die wenigen allein reisenden Frauen untergebracht werden. An dem Container vor dem Haus, in dem es auch Duschen und Toiletten für Frauen gibt, ist das Piktogramm für "Mann" doppelt und dreifach durchgestrichen.

Nachts trifft man Frauen draußen praktisch nicht mehr an. Man sieht nur Männer im Dunkeln neben der Kantine stehen, dort, wo das WLAN stark ist. Ihre Gesichter werden von unten durch ihre Handys erleuchtet, während sie mit ihren Verwandten zu Hause skypen. Es sieht aus wie eine Andacht. Die Männer starren auf Bilder einer Heimat, die wohl für immer verloren ist.

Von acht bis zehn gibt es Frühstück. Wer noch kein Selbstversorger ist, steht entsprechend früh auf. Im Frauenwaschraum gibt es zwei Waschbecken, von denen eines einstweilen unbrauchbar ist: Die Frau aus Somalia hat darin Windeln ausgewaschen. Die Dusche wird von einem zerschlissenen gelben Vorhang nur halb verdeckt. Wortlos zeigt mir die Russin, wie man sich trotzdem etwas Privatsphäre verschafft: Man wirft sich mit aller Kraft gegen die morsche Eingangstür, sodass sie im Schloss klemmen bleibt. Dann wissen die anderen Frauen: Hier ist gerade besetzt.

Mit der Zahnbürste in der Hand stehen außer mir noch drei Frauen aus drei Kontinenten da und warten: Somalia, Russland, Pakistan. Ich sage: "So beautiful outside today", alle nicken lächelnd, aber mehr ist nicht drin. Als ich die Russin durch eine Sozialarbeiterin später fragen lasse, warum sie geflohen ist, wird sie blass. "Eine Katastrophe ist geschehen", übersetzt die Sozialarbeiterin, und auch, dass die Russin auf gar keinen Fall mit Journalisten sprechen möchte. Von da an schließt sie ihre Tür von innen ab und vermeidet jede weitere Begegnung mit mir.