Es ist Montagabend, kurz vor halb sechs, als klar wird, warum die Kanzlerin kürzlich Frank-Jürgen Weise Deutschlands wichtigsten Behördenjob angetragen hat. Seine Dienstlimousine, ein 7er BMW, rollt durch die engen Gassen der Nürnberger Altstadt, in den Geschäften gehen die Lichter an, Kinder laufen mit Laternen über Kopfsteinpflaster. Weise macht es sich gemütlich auf dem Rücksitz. Es ist das Ende eines weiteren Tages im derzeit wohl härtesten Amt der Republik: Seit wenigen Wochen ist Weise Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Er macht das, nun ja, zusätzlich. Gleichzeitig ist er weiterhin oberster Chef von Deutschlands Jobcentern. Er ist nun also nicht nur dafür verantwortlich, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Er soll nun auch noch eine der größten bürokratischen Herausforderungen der vergangenen Jahrzehnte in den Griff bekommen: die Ankunft der Flüchtlinge.

800.000 Flüchtlinge pro Jahr? Deutschland kann sie ohne Weiteres aufnehmen, sagt Weise. Alles eine Frage der Logistik und der Bürokratie: Registrierung, Verteilung, Jobvermittlung. Das sei machbar, findet er, "und deshalb wird es jetzt auch gemacht". Er sagt sogar: "Die Deutschen sollten sich freuen. Deswegen so ein Gedöns zu machen, finde ich nicht richtig."

Weise hat keinen Zweifel: Seine Aufgabe sei lösbar.

Er redet so wie die Kanzlerin, das tun in Berlin nur noch wenige. Weise riskiere seinen guten Ruf, sagt ein Vertrauter, der ihn sehr schätzt. Er habe ihm abgeraten. Das Risiko sei groß, dass er scheitere oder von der Politik als Bauernopfer gefeuert werde, falls die Flüchtlingskrise nicht bewältigt werde.

Zurückhaltend, vorsichtig, diszipliniert, höflich: Das sind Worte, mit denen Frank-Jürgen Weise häufig beschrieben wird, seit er 2004 an die Spitze der Bundesagentur für Arbeit aufstieg. Weise löste damals seinen langjährigen Freund Florian Gerster ab, einen selbstbewussten ehemaligen Landessozialminister. Gerster war offiziell wegen eines umstrittenen Beratervertrages in Ungnade gefallen, tatsächlich gingen aber auch seine Interviews und Reformvorschläge einigen Mitgliedern der damaligen Regierung schwer auf die Nerven. Weise empfahl sich als stille, effiziente Alternative und gilt seitdem als Mann, der eher durch Taten als durch Worte glänzt.

In der Flüchtlingskrise soll er nun Worten der Kanzlerin Taten folgen lassen. Und ein Tag mit ihm vermittelt einen Eindruck davon, warum Merkel ihn für diesen Posten wollte.

Die Akten für Asylverfahren müssen die Beamten zum Teil handschriftlich ausfüllen

Er selbst schafft an diesem Montag in der Zeit von 7 bis 23 Uhr: Zehn Mitarbeitergespräche in beiden Ämtern, Mittagessen mit einem Integrationsforscher, Außentermin bei einer Fortbildungseinrichtung des BAMF, kurze Rede auf einer Abendveranstaltung mit der Bundesarbeitsministerin, Autofahrt von Nürnberg nach Berlin.