Guido Westerwelles Buch Zwischen zwei Leben setzt ein, als er noch in Amt und Würden ist. Der Außenminister fliegt nach Kiew, um der Opposition auf dem Maidan ein Zeichen der Solidarität zu geben. Westerwelles Herz schlägt für die ukrainische Sache, für Vitali Klitschko und Arseni Jazenjuk. Aber wie hölzern und phrasenhaft ist das erste Kapitel von Zwischen zwei Leben. Als Westerwelle in Kiew auf Klitschko und Jazenjuk trifft, heißt es: "Wir begrüßten einander mit einem kräftigen Händedruck und zogen uns anschließend in einen fensterlosen Besprechungsraum zurück, um in Ruhe und ohne die vielen Kameras die dramatische Lage erörtern zu können."

Man hätte gern gehört, was im "fensterlosen Besprechungsraum" so gesagt wurde. Aber es folgen weder eine Indiskretion noch eine tiefere Einsicht. Die Lagebeschreibung bleibt holzschnittartig. Den abgefeimten Machtpolitikern in Moskau sei es leider gelungen, die ukrainische Oppositionsbewegung zu teilen: "Divide et impera, teile und herrsche, diese zynische politische Maxime galt und funktionierte auch in der Ukraine."

Auch über den Militäreinsatz in Libyen schreibt Westerwelle. Er musste damals viel Kritik einstecken, weil sich Deutschland im Sicherheitsrat der Stimme enthalten hatte. Heute, da Libyen in Bandenkriegen versinkt, sieht er sich in seiner Entscheidung bestätigt: "Das lateinische Credo Respice finem, bedenke das Ende, zählte immer zu den wesentlichen Leitlinien meiner Außenpolitik."

Okay. Divide et impera und Respice finem. Selbst die Freunde von Steuersenkungen waren voller Zweifel, ob Westerwelle als Außenminister ganz zu sich selbst gefunden hatte.

Doch jetzt greift der erste geschickte Kunstgriff dieses Buches, das Westerwelle zusammen mit dem Journalisten Dominik Wichmann geschrieben hat. Das klappernde lateinische Zitat, Respice finem, eben noch im Sinne politischer Weitsicht gedeutet, wird zu seinem metaphysischen Ursprung zurückgeführt: Denn das Ende, das es zu bedenken gilt, ist der Tod. Schärfer als bei Westerwelle könnte der biografische Bruch gar nicht sein: Ein halbes Jahr nach dem Ende seines politischen Lebens teilen die Ärzte ihm mit, dass er an akuter Leukämie erkrankt sei. Jetzt klingt das Respice finem nicht mehr wie eine Diplomatenfloskel, sondern wie eine existenzielle Chiffre.

Weihnachten 2013 verbringt Westerwelle zusammen mit seinem Ehemann Michael Mronz in ihrem Haus auf Mallorca. Er weiß, dass es nicht leicht werden wird, sich an das Leben nach der Politik zu gewöhnen. Plötzlich Zeit zu haben und frei von Verpflichtungen zu sein, kann auch einen horror vacui auslösen. Aber er will es schaffen. Denn wenn es ihm misslänge, die neue Muße zu genießen, hieße das, dass es für ihn kein Leben diesseits politischer und medialer Betriebsamkeit gäbe. Also nimmt er sich vor, sich nichts vorzunehmen. Michael muss ihn darauf hinweisen, dass das paradox ist. Er möge aus dem Loslassen nicht seinerseits ein Großprojekt machen, das ihn unter Stress setzt. Und tatsächlich kehrt langsam Ruhe ein. Westerwelle gärtnert ein wenig, atmet den Duft des Rosmarinstrauchs vor seinem Haus ein, sucht die ganze Insel nach einer (nicht tiefgefrorenen!) Weihnachtsgans ab – und langsam kehren die fünf Sinne zurück: Licht, Geräusche, Düfte, Geschmäcker (pimientos de padrón), Umarmungen.

"Ich wollte lernen loszulassen. Ich wollte die Normalität kennenlernen, denn mein bisheriges Leben war ein Leben im Ausnahmezustand. Ich wollte Körper, Geist und Seele reparieren und herausfinden, wie ich künftig leben will." Und das Verblüffende ist, dass diese Wandlung zugleich eine des Erzählens ist: Denn in der logischen Sekunde, in der die Macht verloren ist, nimmt die Erzählung Fahrt auf, wird lebendig und beginnt zu atmen. Jetzt erzählt Westerwelle selber mit fünf Sinnen – und als Leser grübelt man, ob das politische Leben möglicherweise jenseits hohler Floskeln tatsächlich unerzählbar ist.

Schmerzen im Meniskus zwingen Westerwelle, sich einer Knieoperation zu unterziehen. Es ist der 17. Juni 2014. Eine letzte Blutuntersuchung steht an. Die Ärzte haben bleiche Gesichter, als sie ihrem Patienten die Laborergebnisse mitteilen. Er ist an akuter myeloischer Leukämie erkrankt.

Eben noch war die große Herausforderung, ein Leben ohne Politik zu führen, jetzt muss um das nackte Überleben gekämpft werden. Das ist leichter gesagt als getan. Erst mal muss Westerwelle sich aus dem Zwang befreien, ständig im Internet nach Informationen zu seiner Krankheit zu suchen, die ihm seine Überlebenschance in Prozenten mitteilt. Dann gilt es, die neue Wirklichkeit zu akzeptieren und nicht mehr die Hoffnung auf eine Fehldiagnose zu setzen. Gleichzeitig ist da dieser Sog, angesichts der Diagnose auszurufen: Warum gerade ich? Ist das Schicksal? Ist es die Quittung für ein falsch geführtes Leben? Falsche Schuldgefühle müssen ausgeschaltet werden. Bis das Ich schließlich so weit ist, der Krankheit ins Auge zu schauen, vergeht Zeit.

Unvermeidlicherweise. Die Diagnose schlägt ein wie ein Meteorit, das Bewusstsein braucht Zeit, um die neue Wirklichkeit zu sich durchdringen zu lassen. Aber dann treibt die Konfrontation mit der Krankheit die ganze analytische Stärke von Westerwelle hervor. Was ihm (in diesem Buch) mit Blick auf die Ukraine nicht gelang, ein Bild der Lage in ihrer Komplexität zu entwerfen, alle Fallstricke, blinden Flecken und optischen Selbsttäuschungen mit in Rechnung zu stellen, das gelingt ihm im Angesicht der Krankheit. Erkenne die Lage! Westerwelle ist scharf und präzise, aber auch zart und umsichtig in seiner Selbstanalyse, die Neigung seines rhetorischen Stils zur Rechthaberei wie weggewischt.