Das mit den Containern haben sie dann doch gelassen. Weil vor der Frankfurter Börse der Wochenmarkt stattfand und es keinen Platz gab, um die riesigen Kisten aufzustellen. Aber wohl auch, weil großes Tamtam unangemessen gewesen wäre für diesen Börsengang. Einen, an den keiner mehr geglaubt hatte, der drei Anläufe brauchte, kleiner ausfiel als geplant und in letzter Sekunde noch einmal um einige Tage verschoben wurde. Bescheidenheit war angebracht.

Also läutete Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen am Freitag vor drei Wochen lediglich die Börsen- und eine extra aus Hamburg mitgebrachte Schiffsglocke. Viermal schwang er den Klöppel, laut und energisch, als wolle er sagen: Seht her, wir haben es doch hingekriegt.

Aber zu was für einem Preis: Gerade mal 20 Euro kostete eine Aktie – das ist weniger als die Hälfte dessen, was die Stadt Hamburg einst für ihre Anteile an Hapag-Lloyd bezahlt hat. Immerhin, der Kurs blieb am ersten Handelstag stets ein paar Cent über dem Ausgabepreis. Das war schon die gute Nachricht.

Wirklich zufrieden kann mit diesem Börsengang keiner sein. Weder Habben Jansen noch die Stadt. Die Reederei hat wesentlich weniger Geld für wichtige Investitionen eingenommen als erhofft (vor einigen Monaten waren 500 Millionen Euro im Gespräch, nun sind es 265 Millionen). Und die Stadt besitzt jetzt gut 20 Prozent an einem Unternehmen, das plötzlich nur noch die Hälfte wert ist. Manche klagen bereits über einen Verlust für die Steuerzahler von einer halben Milliarde Euro.

Es liegt nun nahe, auf der Stadt und ihrem Engagement bei Hapag-Lloyd herumzuhacken und festzustellen, dass sich der Staat lieber nicht als Unternehmer versuchen sollte. Die Frage ist ja auch berechtigt: War es ein Fehler, sich an der Reederei zu beteiligen?

Schließlich ist Hapag-Lloyd nicht Hamburgs einziges Sorgenkind. Beispiel HSH: In die Bank sind schon Milliarden geflossen, ein Ende ist nicht absehbar. Erst vergangene Woche berichtete der NDR, das Risiko für die Haupteigentümer Hamburg und Schleswig-Holstein liege noch immer bei 15 Milliarden Euro, trotz Rettungsplans. Ob der aufgeht, weiß eh keiner.

Oder die HHLA. Vor kurzem legte der Hamburger Terminalbetreiber, der zu fast 70 Prozent der Stadt gehört, seine Quartalszahlen vor, und die werden nicht begeistern: Schon im Oktober musste der Hafenkonzern seine Gewinnerwartung für dieses Jahr herunterschrauben. Die HHLA-Aktie zeigt, was der von Hapag-Lloyd schlimmstenfalls bevorsteht: Kurz nach dem Börsengang 2007 war das Papier mehr als 60 Euro wert, heute liegt es bei rund 13 Euro.

Jetzt also noch der Rabatt-Börsengang von Hapag-Lloyd. Wäre die Stadt ein Anlageberater – freiwillig würde man ihr keinen Cent anvertrauen. Doch die Bürger können ja nicht entscheiden, ob sie ihr Steuergeld dem Staat geben, sie haben keine Wahl. Sie können nur hoffen, dass der Staat ordentlich damit wirtschaftet. Und diese Hoffnung ist gerade recht belastet.

Rund 1,1 Milliarden Euro hat Hamburg in den Jahren 2009 und 2012 für die Anteile an der Traditionsreederei bezahlt, dazu kommen Kreditkosten von knapp 250 Millionen Euro. Sollte der Aktienkurs so niedrig bleiben (was angesichts der Lage der Schifffahrt wahrscheinlich ist), muss die Stadt im nächsten Jahr möglicherweise ihre Beteiligung abwerten und sich von einem dreistelligen Millionenbetrag verabschieden. Bis dahin steht der Wertverlust allerdings nur auf dem Papier. Das sollte man bei aller berechtigten Aufregung bedenken.

Vor allem aber muss man bedenken, dass die Stadt Hamburg eben kein klassischer Fondsmanager ist. Ihre Rendite bemisst sich nicht nur in Euro und Cent. Die Stadt betreibt mit ihren Beteiligungen eine Art Grundvorsorge für alle. Sie hält Anteile an Schwimmbädern, Elbfähren oder Wasserwerken und sorgt mit dem Flughafen, der Messe und dem Hochbahnsystem dafür, dass Hamburg attraktiv bleibt, dass Unternehmen hierherziehen oder hier bleiben, Steuern zahlen, Arbeitsplätze schaffen und weitere Firmen anlocken. Der Profit daraus: Es geht den Hamburgern ziemlich gut.

Dazu kann eben auch gehören, dass die Stadt ab und an wichtigen Betrieben aus der Not hilft. Zur Erinnerung: Hamburg hat sich an Hapag-Lloyd beteiligt, um zu verhindern, dass die Reederei an die Konkurrenz aus Asien verkauft wird oder gar pleitegeht.

In Hamburg arbeiten rund 1000 Menschen für die Reederei

Allein am Standort Hamburg arbeiten mehr als 1000 Menschen für die Reederei. Mit ihren Partnern sorgt sie für einen großen Teil des Umschlags im Hafen. Dass ihre Zentrale auch nach der Fusion mit der chilenischen CSAV noch am Ballindamm liegt, ist auch Hamburg als Miteigentümer und daher Mitbestimmer zu verdanken.

Nur: Der Wert all dessen ist wenig plakativ. Er lässt sich schwer in gewonnenen oder zerronnenen Millionen berechnen. Er ist praktisch unsichtbar. Erst wenn etwas schiefläuft, ist das Gezeter groß.

Natürlich wäre es gut gewesen, das eingesetzte Geld zurückzubekommen. Hamburg könnte es gebrauchen für Flüchtlinge, Schulen, Parks. Idealerweise hätten Dividenden die Kosten ausgeglichen, und die Stadt könnte ihre Anteile mit Gewinn verkaufen. Beides ist derzeit unwahrscheinlich. Weil damals keiner ahnte, dass die Schifffahrtskrise heute Normalität ist.

Dass es nicht zwangsläufig im Desaster endet, wenn die Stadt in den Markt eingreift, zeigen zwei Beispiele aus der Vergangenheit: 2003 kaufte Hamburg für mehr als eine Milliarde Euro Aktien des Nivea-Herstellers Beiersdorf, um eine Übernahme durch den US-Konzern Procter & Gamble abzuwenden. Beim Ausstieg verdiente die Stadt einige Millionen. Heute arbeiten mehr als 3000 Menschen für Beiersdorf in Hamburg. Ob das unter einem amerikanischen Investor noch so wäre, ist fraglich. Auch beim Kupferkonzern Aurubis stieg die Stadt 2008 ein, um eine feindliche Übernahme zu verhindern. Nach knapp einem Jahr verkaufte sie die Aktien – mit Gewinn.

Hamburg hat sich schon immer eingemischt. Das ist gut so. Weil es einen Unterschied macht, ob Unternehmen von hier aus oder von einer Konzernzentrale in Düsseldorf, Dänemark oder Indien gesteuert werden. Und weil bereits genug Firmen abgewandert sind oder gekauft wurden.

Nur eines darf die Politik bei ihren kostspieligen Einsätzen nicht vergessen: Niemand kann auf ewig den Status quo erhalten. Unternehmen, die keine Zukunft haben, dürfen vom Staat nicht künstlich am Leben gehalten werden. Unternehmen, die vorübergehend in Not sind, verdienen Hilfe. Die Kunst ist es, den Unterschied zu erkennen.