Es ist der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung liegt 25 Jahre zurück. Das offizielle Deutschland feiert in Frankfurt am Main. Ein strahlender Tag im Frühherbst. Am Neubergerweg 80 in Hamburg-Langenhorn sitzt Helmut Schmidt in einer Ecke seines Arbeitszimmers im ersten Stock. "Sie sehen einen kranken Mann", sagt er zur Begrüßung. Er fühle sich "beschissen". Ob die Operation erfolgreich gewesen sei – er weiß es nicht. Die Chancen auf Gesundung? Fifty-fifty, schätzt er.

"Trinken Sie einen Schnaps!", knurrt er. "Danke", sage ich ablehnend – ich bin mit dem Auto da. Seine Haushälterin bringt Tee und zwei Stück Birnentorte. Schmidt will nichts. "Das ist die Geburtstagstorte für Frau Loah", erklärt er. Die Lebensgefährtin seiner sehr späten Jahre, Ruth Loah, hatte vorgestern Geburtstag. In zwei Wochen wolle sie auf eine Schiffsreise gehen, die Hurtigrutenstrecke entlang der norwegischen Küste, sagt Schmidt. Dann könnte er vielleicht wieder ins Büro kommen.

Wird er das schaffen? Er wirkt schwach an diesem 3. Oktober. Aber er raucht schon wieder pausenlos. Ich habe ihm die neue Kissinger-Biografie von Niall Ferguson mitgebracht. Er blättert ein bisschen darin herum, legt sie aber bald wieder zur Seite. Von Henry habe er längere Zeit nichts gehört.

Merkel solle ruhig noch eine Weile Kanzlerin bleiben, sagt er ziemlich unvermittelt. Die mache ihre Sache gut. Wer als SPD-Kanzlerkandidat gegen sie antreten solle, frage ich. "Weiß ich nicht. Interessiert mich auch nicht."

Dass der Spiegel seinen Briefwechsel mit Willy Brandt in Auszügen abgedruckt hat, hat er registriert. Aber auf Brandt geht er nicht weiter ein. Unser Gespräch springt ein wenig hin und her, vom früheren US-Verteidigungsminister Melvin Laird, dem er noch für ein Buch danken muss, zu Wladimir Putin, über den demnächst eine Biografie erscheinen wird. Auf die ist Schmidt gespannt.

Helmut Schmidt lässt sich alle Zeitungen aus dem Büro ins Haus bringen, darunter Financial Times, Economist und New York Times. Aber er sei immer schnell durch mit der Zeitungslektüre. Wie so oft erwähnt er, dass für ihn die wichtigste Informationsquelle die Presseübersicht der deutschen Botschaften sei; so wisse er, was in Peking, Washington, Moskau und London gedacht werde.

Ich habe aber nicht den Eindruck, dass er die Kraft zu konzentrierter Lektüre hat. In diesen Tagen bewegt er sich nur noch zwischen Schlafzimmer und Arbeitszimmer. Ins Erdgeschoss begibt er sich nicht mehr hinunter. Er isst an seinem Schreibtisch.

Ob er jemanden habe, der mit ihm Schach spiele, frage ich ihn. Schach! Ein Strahlen geht über sein Gesicht. Ob ich denn Schach spiele? Nicht gut genug! Aber ich wolle gern meinen ZEIT-Kollegen Ulrich Stock bitten, ihn zu besuchen und mit ihm eine Partie zu spielen. Das findet er eine prima Idee.

Über Karl Popper sprechen wir, weil dessen Bände direkt vor meiner Nase im Bücherregal stehen. Über Horst Seehofer ("Das ist der eigentliche Führer der Opposition") und über Syrien ("Der Iran spielt eine wichtige Rolle!").

Und über die vielen, die schon gestorben sind, "einer nach dem anderen": Lee Kuan Yew, Richard von Weizsäcker, Siegfried Lenz. Und Peter Scholl-Latour. Den hat Schmidt immer geschätzt.

Nach einer guten Stunde spüre ich, wie sehr ihn das Gespräch erschöpft. Ob ich noch etwas für ihn tun könne? "Sag den anderen, dass ich noch lebe." Wir wollten alle noch seinen 100. Geburtstag feiern, erwidere ich. Das wird nichts, meint er. Vielleicht schaffe er es noch bis zum 97. "Ist ja schon bald", sage ich. "Ja", antwortet er, "ist bald."

Matthias Naß, Internationaler Korrespondent, ist seit 32 Jahren bei der ZEIT – genau wie Helmut Schmidt.

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